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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-09-13 · 17 (13.9.1928) · p. Seite 286

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
17 (13.9.1928)
Article
Beerdigung Rosa Werners
Date
1928-09-13
Page
Seite 286 (sequence 2)
Language
German
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286 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 17 Verehrung und Liebesbeweise, die beiden in so reichem Maße zuteil geworden sind. So war sie auch die Frau, die es verstanden hat, ausgleichend auf ihn einzuwirken und wohltätig die Eigenschaften zu ergänzen, die dem Verewigten in so reichem Maße verliehen waren. Wenn wir fragen: was das Geheimnis ihrer Arbeit und ihrer Erfolge gewesen ist, wenn wir fragen: wie es möglich war. daß sie als Einzelne einen recht beträchtlichen Teil der sozialen Arbeit geleistet hat, zu deren Betreuung heute ein ganzer Stab von Menschen tätig ist, dann wird uns die Erkenntnis: es war dadurch möglich, daß sie die Menschen geliebt hat. Darum hat sie den Menschen gedient und in vorbildlicher, aber fast unnachahmlicher Art die Forderung der Nächstenliebe erfüllt. Was von Fähigkeiten und Anlagen in ihr war — und sie war eine Frau mit vielen Gaben und reicher Veranlagung — das hat sie immer mehr zurücktreten lassen, um sich ganz auf die soziale Arbeit zu konzentrieren, um ihre helfende, ratende, tröstende Tätigkeit auszuüben. Was in gewissem Sinne die Tragik ihres Lebens war, daß sie, die Verkörperung der Mütterlichkeit, keineKinder ihr eigen nennen durfte, das hat doch wiederum zu der schönsten und reichsten Erfüllung ihres Wesens geführt. Es erscheint uns nachträglich wie eine überirdische Rechtfertigung: sie war kinderlos, damit sie möglichst viel Kinder hätte, sie wurde nicht Mutter, damit sie mehr Mutter sein konnte als irgend eine andere. Alle ihre Vorzüge wurzelten in diesem von Liebe erfüllten Herzen; aus ihm heraus lebte sie. Wer immer zu ihr kam und ihre Hilfe, ihren Rat und Trost begehrte, dem gewährte sie. wessen er bedurfte, sie war allen Mutter; mit gleicher Liebe umfaßte sie alle, gleiches Interesse hatte sie für alle, die an ihrer Türe pochten, allen Menschen gehörte die Liebe ihres warmfühlenden Herzens. In jedes einzelne Familienleben hinein reichte ihr Interesse. Jeden kannte sie, jedes stand ihr besonders nahe. Wie viele einzelne, wie viele kleine Züge hatte sie aufbewahrt in ihrem Gedächtnis! Die Liebe ihres Herzens war die Stütze ihrer Gedanken und ihres Gedächtnisses. Und wie es der Gatte war, dem ihre ganze Liebe gehörte, wie es die Menschen waren, denen sie ihre hilfreiche Hand reichte und die unschuldigen Kinder, so waren es — und auch das ist vielleicht bezeichnend für sie — die Hilflosen, Kinder und Tiere, denen sie ihre ganz besondere Liebe zuwandte. Ihr gutes Herz hat das Dichterwort wahr gemacht: „Die Menschen leben nicht davon, daß sie für sich selbst sorgen. Sie leben von der Liebe, die in dem Menschen ist; in wem Liebe ist, in dem ist Gott." (Tolstoi.) Durch ihre ehrliche, selbstlose Sorge für den Nebenmenschen hat sie ein Beispiel werktätiger Religiosität geboten, sie hat erfüllt, was die Religion Israels den Menschen vorschreibt was der Grundgedanke und das Wesen aller Religionen ist. den Nächsten zu lieben so wie Gott uns liebt und wie wir Gott lieben sollen. Aus dieser relioiöson Grundstimmung heraus erklärt sich auch die Schlichtheit und Bescheidenheit. mit der sie unter uns wandelte; sie ging mit einfachem Sinn durch das Leben und in dieser Gesinnung hat sie alles, was sie tat. mit Selbstverständlichkeit erfüllt. So wuchs sie immer mehr in ihre Arbeit hinein, so wurde sie auch vorbildlich für alle, die mit an ihrem sozialen Werk teilnabmen und die nun in ihrem Geiste weiter wirken wollen, damit das Werk, das sie hinterlassen hat, nicht verwaist dasteht. Ein reifes, volles Leben sehen wir — und das ist das erhebende, das eine solche Stunde zu bieten vermag — abgeschlossen vor uns, von Gott sichtbar begnadet; ein Leben das seine Anlagen und Fähig- EISENWERK FRIEDRICH SCHWEITZER MÜNCHEN W ElsenheimerStraße 32,TelephonNr.61343 Abteilung Geldschranku.Tresorbau Fabrikation modernster Kassen-, Bücheru. Eff ektenschränke Mauerschränke Rolljalousienschränke Zahlhauben REPARATUREN Verkaufsstelle: Müllerstraße 27 / Telephon 20746 Geschäftskassen und Kassetten teilen zur Selbstveredelung gebraucht, das seine menschliche Bestimmung in reichem Maße erfüllt hat; ein harmonisches Leben, das in der Jugend schon mit manchem Vorzug des abgeklärten Alters erscheint, das im Alter von den Strahlen einer ewigen Jugend erleuchtet war. Hat sie doch bis zuletzt in jugendlicher Empfänglichkeit aus ihrem stillen Stübchen heraus regen Anteil an allem genommen. Wer, der sie ansah, dachte wohl daran, daß sie vor zweieinhalb Jahren den 70. Geburtstag in regster Anteilnahme aller Kreise gefeiert, daß sie, den Jahren nach, eine alte Frau geworden war? npTi yT X*? X'ini 1^y„Das Alter war über sie gekommen, man hat es nicht gemerkt." Nun hat ein gütiger, sanfter Tod sie von ihrem Leiden erlöst und ihr schweres Siechtum erspart. Nun ward es ihr beschieden, ruhig und sanft hinüberzuschlummern, nachdem die letzten Jahre nach dem Tode ihres Mannes von der treuen Liebe ihrer Schwestern umgeben gewesen sind, die durch ihre Pflege das Leben um Monate verlängert haben. Nun ist ihr Tagewerk zu Ende; sie hat ihren Lebenstag bis zu seiner Rüste redlich gearbeitet. np’irü “Qiyn DJty „Nun wird ihr Schlaf süß sein." Heute wollte sie zurückkommen aus dem Gebirgsort, in dem sie so oft Erquickung und Erholung gesucht hatte. Heute wollte sie neu gestärkt und erfrischt den Weg in die Heimat antreten — nun ist sie den Weg in die ewige Heimat gegangen. Wir alle geleiten sie dieses letzte Stück auf ihrem letzten Gange. Wir geleiten sie als eine große Trauergemeinde und wir alle fühlen diesen Verlust mit Ihnen, verehrte Leidtragende, weil ein jeder von uns etwas verloren hat, was ein Teil und ein Stück seiner selbst war. Wir bilden eine Traueraemeinde, aber wir richten uns auch auf an dem edlen Bilde, das sie uns hinterlassen hat als ein kostbares Erbe, das zur Nacheiferung uns mahnt, das uns anspornt in ihrem Sinne zu wirken um den Geist der Menschenliebe wach zu erhalten. Nun bat sie den Weg beimgefunden. Zehn Jahre sind vorübergegangen seit sie von dem Gatten getrennt war. 1TPS3 yy ovvyüm „Die sich im Leben so lieb und teuer waren, sie sind nun im Tode wieder vereint." In dem Schoß der Erde sollen nun ihre irdischen Überreste nebeneinander ruhen. Wie heute die schmerzliche Trauer die Erinnerung an den Heimgang des unvergeßlichen Mannes weckt, so fühlen wir uns anderseits getröstet durch das erbebende Bewußtsein. daß die Seele, die eingegangen ist in die Ewigkeit, Teil hat an der seligen Verklärung, in der wir seine Seele eingegangen missen. Ihrem Geiste folgen wir mit andachtsvollem Schauern in die lichten Höhen der Ewigkeit. Ihrer verklärten Seele rufen wir das Wort des Schriftabschnittes nach: "Nim rn» TDi “rs‘ "p“Q ..Gesegnet ist dein Ausgang aus dieser Welt, nwae der Segen des Allmächtigen in Gnade dich empfangen an der Pforte des ewigen Lebens." Amen. Anschließend sprach der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München, Herr Oberlandssqerichtsrat Dr. Neumener: Sehr geehrte Trauerversammlung! In tiefstem Schmerze steht unsere Gemeinde an dieser Bahre und von gar manchen Lippen hören wir die Worte: Die beste Frau der Gemeinde ist von uns geschieden. In einer Zeit, in der wir gerne von Zeitenwende sprechen, tritt u.ns sinnfällig die Tatsache vor Augen: Mit dieser Frau ist eine Zeit zu Ende gegangen und anders sind die Zeiten, in denen wir Rosa Werner war die Gattin des unvergeßlichen verewigten Vrofessors Dr. Werner. Sie war feine Lebensgefährtin im edelsten und höchsten Sinne des Wortes. Sie hat den Umkreis geschaffen. in dem er lebte. Sie hat nack schwerer Erkrankung seine Gesundheit wiederhergestellt. Für sein Wirken haben wir der Frau den Dank mitabzutragen. Bei Tag und Nacht hat er mit ibr die Dinge besprochen, die ihn. den mächtigen Gottesmann, bewegten und zu jeder Stunde hat sie diese Gedanken schriftlich festgehalten. Sie bat ibm die Beruhigung verschafft, die ihn befähigte, seine leidenschaftliche Liebe zu Gott den Menschen mitzuteilen. Als die Wohlfahrtspflege der Gemeinde noch nicht organisiert war. war ihr Haus durch die Jahrzehnte die Stätte der Wahlfahrtsarbeit, um ihre Person gliederten sich alle karitativen Bestrebungen der Gemeinde. Sie war die Seele der so segensreichen Vereiniaungen, des Frauenvereins, des Schwesternheims, der Jugendbilfe, des Frauenbundes, des Vereins für die Bekleidung der Schulkinder und für Ferienkolonien. Das Haus in Krumbach kündet noch fernen -leiten, was die Liebe und der kluge Sinn einer Frau unseren Kindern geschaffen. Enge vertrauensvolle Arbeit verband sie die Fortsetzung auf Seite 290.

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