Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 17 (13.9.1928)
- Article
- Protokoll der Verhandlungen der sechsten Tagung des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden in Bamberg am 17. und 18. Juni 1928
- Date
- 1928-09-13
- Page
- Seite 285 (sequence 6)
- Language
- German
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Nr. 17 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 285 Inflation verlorengegangen, die Geschäftslage hat sich zum großen Nachteil für den jüdischen Kaufmann verändert. Wer das ganze Jahr über wie ich einen so großen Teil des Vaterlandes durchreist, weiß, wie die Leute arbeiten müssen, um sich den dürftigen Lebensunterhalt zu erringen. Sie arbeiten in ihren alten Tagen, damit sie nicht dem Wohlfahrtsamt zur Last fallen. Ganz besonders sind es die kinderreichen Familien, die hierunter zu leiden haben. Der jüdische Mittelstand darf nicht Hineingetrieben werden zur Wohlfahrtspflege. Er hat ein Recht darauf, daß allgemeine Kreise sich ihm zuwenden. Unser Herr Präsident hat innerhalb der bayerischen und deutschen Judenheit unermeßlich Großes geleistet. Durch seine Hilfe sind in Bayern und im Reich die Besoldungsverhältnisse der Rabbiner und Lehrer geregelt worden. Aber den übrigen Menschen des Mittelstandes geht es zu 80 Prozent schlechter wie vor dem Kriege. Ich möchte unseren sehr vererhrten Herrn Präsidenten bitten, diese Tatsachen im Auge zu behalten und dieses Problem einer glücklichen Lösung zuzuführen. Ich bin überzeugt, daß er die Mittel und Wege finden wird. Weil (München): Es ist eine gute bayerische aber auch jüdische Sitte, die Verbundenheit mit dem Präsidium durch den Ausdruck herzlichen Dankes auszusprechen. Wir bitten den verehrten Herrn Präsidenten des Rats und alle verehrten Mitarbeiter herzlichen Dank entgegennehmen zu wollen. Auch der verehrlichen Gemeinde Bamberg danken wir für die Gastfreundschaft, den Referenten und allen denen, die an diesem gedeihlichen Verlauf der Tagung teilhaben. Zum Zeichen des Einverständnisses bitte ich Sie, sich von den Si^en zu erheben. Ob st LG R. Prof. Dr. Silberschmidt (München): Damit haben wir nun die Tagesordnung von heute erschöpft. Wir haben ein Recht darauf zu sagen, daß nicht nur ein gut Teil Arbeit geleistet worden ist, wir haben auch einen Erfolg erzielt. Wir haben vor allem die Frage des Reichsverbandes zu Ende geführt und haben auch einen Überblick über Wohlfahrtspflege gewonnen, über das, was bisher schon geschehen ist und über das, was noch zu tun ist. Ich möchte wünschen, daß diese Arbeit fortgesetzt wird in späteren Zeiten. Schluß der Verhandlungen 6.30 Uhr nachmittags. Nus der Semeinde München Beerdigung Rosa Werners. Rosa Werner ist nicht mehr. Ihr Verlust ist uns noch kaum faßbar. Mit ihr ist, wie es in einem Nachruf so schön zum Ausdruck gebracht war, die Mutter der Gemeinde dahingegangen. Der Beerdigung am 29. August 1928 wohnte eine stattliche Trauer-Versammlung bei. Zum Gedächtnis der Verstorbenen ergriff als erster Rabbiner Dr. Baerwald das Wort: Geehrte Traueroersammlung! Trauernde Leidtragende! Eines reifen, vollen Sommers letzte Sonnenstrahlen haben uns geleuchtet. Der Landmann, der mit Mühe den Samen in die Erde gesenkt, hat den Ertrag eingeheimst und in die Scheunen gebracht; nun kann des Himmels Segen die Menschen erquicken und nähren. Ist es nicht begreiflich, daß wir das Menschenleben so oft mit dem Laufe der Natur vergleichen, mit dem Werden und Vergehen eines Tages, mit dem Reifen und Absterben des Jahres? Ganz besonders hier erscheint dies Bild uns bedeutsam, da wir ein Menschenleben vollendet vor uns sehen, das schwer und mühevoll gesät hat, aber auch von reicher Ernte belohnt worden ist. Voll und glücklich, von Gott begnadet, hat es sich entwickelt, ein sanftes Abendrot hat ihm geleuchtet, ein warmer Herbst war ihm befchieden, ehe mit einem Schlage der Winter hereinbrach, ehe es jäh hinübergegangen ist in der Nacht des letzten Schlafes. Wahrlich: Dies Bild braucht nicht gesucht zu werden, es bietet ganz von selbst sich dar und ist in diesem Augenblick, wo der Schmerz um den Verlust, denn wir erlitten, uns zu übermannen droht, doch zugleich Aufrichtung und Trost. Denn es sagt uns: ein Menschenleben muß ja doch einmal zu Ende gehen, aber es kann über sich hinauswachsen; es kann soviel Segen ausstreuen, daß es auch nach des Menschen Scheiden segensreich fortzuwirken vermag. Was unsere Heimgegangene geleistet und gewirkt, es steht jedem einzelnen von uns, die wir hier versammelt sind, heute so lebendig vor Augen, daß wir das Schriftwort vollinhaltlich auf sie anwenden dürfen: nx ’rn rWX ’D ’öy "lyt? ynr ’D „ein jeder aus dem Volke wußte, was sie für eine Esches chajil war" (Ruth. 3, 10); eine „Esches chajil". Das Wort wollen wir hier nicht weiter übersetzen, weil jede Übersetzung doch unzulänglich wäre, weil sie doch nicht ganz ausschöpsen könnte, was die Heimgegangene in ihrem gesegneten Leben geworden ist. „Geworden ist" sagen wir, denn sie ist dazu herangereift mit all den Kräften, die ihr gegeben waren, mit all den Fähigkeiten, mit denen sie ausgestattet gewesen. Die Vorsehung hat es gut mit ihr gemeint, da sie in einem angesehenen, vom echt jüdischem Geiste erfülltem Elternhause hat heranwachsen dürfen, wo sie eine musterhafte Erziehung genossen, betreut von der Fürsorge der Eltern und Liebe der Geschwister, welche sie aufs innigste verehrt haben. Hier wurde in der Jugend der Grund gelegt zu der umfassenden Bildung, die ihr eigen gewesen ist, auf literarischem wie musikalischem Gebiete, durch die sie sich selbst und anderen so viele edlen Genüsse bereiten konnte. Eine Reihe glücklicher Jahrzehnte, eine Zeit des Weiterreifens, eine Zeit des Weiterwachsens sollte für sie beginnen, als sie dem gleichgestimmten, gleich hochgesinnten Gatten die Hand zum Lebensbunde reichen durfte, der vier Jahrzehnte gewährt hat. An seiner Seite war es ihr vergönnt, zunächst in Danzig zu wirken, in der Stadt, wo sie so ganz in den Beruf hineinwuchs, dessen hervorragende Vertreterin sie werden sollte. Dort waren den beiden Ehegatten zwei Jahrzehnte einer glücklichen und beglückenden Wirksamkeit befchieden, die zum Segen geworden ist für die Gemeinde und für die beiden selber. Dort war es, wo sie den Grund gelegt hat zu der Lebensbewährung, in der sie in späteren Jahren hier so hervorragendes hat leisten sollen. Es waren '£>' Jahre des Aufstieges, Jahre des Wachsens im Berufe; Jahre, in denen sie reiche Erfahrungen sammeln konnte, die ihr dann später in so ausgezeichneter Weise zugute kamen. Es waren Jahre, an die die beiden Ehegatten immer mit freudiger Dankbarkeit zurück gedacht; nicht nur, weil es die Jahre der Jugend, der Freundschaft, Jahre edler Geselligkeit waren, sondern auch weil sie das Glück gehabt haben, dort einen Wirkungskreis zu finden, der gerade ihnen angemessen war, der ihrer beiden Kräfte zu immer reicherer Tätigkeit anspornte, in dem sie ihr Bestes entfalten konnten. Und nicht nur sie selbst haben sich gern und dankbar dieser Jahre erinnert, sondern auch alle diejenigen, die das Glück gehabt, die Gastfreundschaft dieses Rabbinerhauses zu genießen. Coßmann und Rosa Werner sind gerade lange genug in Danzig gewesen, um die Meisterschaft zu erringen, um in der Vollkraft des Lebens hierher zu kommen. Jeder wußte, welche treffliche Frau an der Seite des Gatten wirkte. Was sie in Danzig begonnen, das hat sie hier in unserer Gemeinde fortgesetzt, gesteigert und zum größten Segen für uns alle erfüllt. Sie war die Rabbinerfreu und sie hat vorbildlich in diesem Berufe gewirkt, der, wenn der rechte Mensch an der rechten Stelle steht, soviel des Guten zu schaffen vermag; sie war die Rabbinersfrau, die, ohne beamtet zu sein, ein so wichtiges Amt zu versehen hat. Es war merkwürdig, wie die Heimgegangene, wenn sie auch zuerst nichts anderes gewollt und erstrebt hat als nur dem Gatten zur Seite zu stehen, ihm in dem schweren verantwortungsvollen Berufe mitzuhelfen, alle Hindernisse ihm aus dem Wege zu räumen, ihn möglichst zu entlasten —> wie sie in dieser Arbeit doch zugleich für das große Ganze schaffte und wirkte. Nicht nur, daß sie das körperliche und seelische Wohl des Gatten in beispiellos hingebender Weife betreute, — wieviel von dem segensreichen Wirken des unvergeßlichen Mannes durfte man doch ihrem Verdienste zuschreiben, die ihm mit klugem Rat zur Seite stand und ihn durch Übernahme vieler Arbeiten für wichtigeres entlastete. Gerade die Selbstlosigkeit der Gesinnung, die sich darin aussprach, war es, die sieimmer mehr zu leisten befähigte. So war sie in Wahrheit eine „Gehilfin des Mannes", in Haus und Beruf, wie die Heilige Schrift es vorschreibt: iTy Sie war die Gehilfin und Genossin seines Standes und seiner Arbeit, sie war aber auch die Genossin seiner Erfolge, die Genossin der Verwendet dielelegrsmm-Lrssh-lformulsre des Isrnelitischen lügnen-Vereins München le.V.) von Md