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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-08-15 · 15 (15.8.1928) · p. Seite 247

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
15 (15.8.1928)
Article
Wassermanns "Fall Maurizius" [Rezension]
Date
1928-08-15
Page
Seite 247 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 15 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 247 bei ihr nur auf eine entsetzliche Angst, kein Verständnis, keine Vergangenheit — Maurizius findet nicht mehr den Anschluß an die Umwelt, die er vor siebzehn Jahren verließ. Auf der Reise nach dem Süden stürzt er sich bei Nacht aus dem Zuge: „Er tut den Schritt in den leeren Raum hinaus... Er tut den Schritt wie man von einem Zimmer ins andere geht. Es ist der Schritt in die große, in die wirkliche Unwiderruflichkeit." Indessen ist Etzel in Berlin auf einem PassionSweg begriffen. Er wohnt in einem schmutzigen Zimmer im Norden, sucht nach Waremme, der unter dem Namen Warschauer ein vereinsamtes Leben führt. Es gelingt ihm, unter dem Vorwand, englische Stunden bei ihm zu nehmen, in die Einsamkeit Waremmes einzudringen. Und nun führt der sechzehnjährige Etzel gegen den Weltmann Waremme, gegen den' genialen Geist einen Kampf auf Leben und Tod.. In wochenlangem Ringen preßt der Junge aus diesem Professor Warschauer Zugeständnisse, Erklärungen - und schließlich das Geständnis, daß er einen Meineid geschworen hätte, um Anna Jahn, die wirkliche Täterin, die seine Geliebte war, zu entlasten, und um Leonhard Maurizius, den Anna Jahn insgeheim liebte, zu vernichten. Etzel jubelt auf. Seine Mission ist erfüllt. Er steigt in den Zug, ist zu> Hause. Er tritt dem Vater entgegen. Keine Erklärung, nur das eine: Maurizius ist unschuldig — Waremme hat falsch geschworen! Der Vater sucht den letzten Rest von Haltung zu bewahren, lächelt überlegen und teilt dem Jungen mit, daß Maurizius inzwischen begnadigt und wieder auf freiem Fuß sei. Etzel ist außer sich, es kommt zur Katastrophe. Etzel erkennt, wie lächerlich feine Bemühung war: Maurizius begnadigt und nicht rehabilitiert! „Das habt ihr erreicht mit den Paragraphen, mit den Klauseln, mit der Vorsicht und der Rücksicht. Dazu soll man noch das Maul halten!" schreit er dem Vater ins Gesicht, und den letzten Rest väterlicher Autorität mit Füßen tretend beendet er die Aussprache: „Ich will nicht Dein Sohn sein!" Der Vater ist vernichtet, er bricht zusammen — er lebt nicht mehr, fein Geist verfällt in Nacht. „Man soll meine Mutter holen." Sie, die AuSgeftoßene, soll Etzel nun daS geben, was ihm der Vater versagt hat. Eine Fabel also von gigantischer Größe. Wassermann jagt den Leser durch die fast sechshundert Seiten seines Buches, man fiebert sich hindurch, man ist besessen von der Gier nach Gerechtigkeit wie Etzel Andergast. Was sind das auch für Gestalten, die da gezeichnet find: Staatsanwalt Andergast, Repräsentant der wilhelminischen Aera, hart, ohne Gefühl; sein Sohn Etzel, erfaßt von Problemen der Zeit, bis zum Wahnwitz entschlossen, das Dunkle im Fall Maurizius aufzuhellen; der SttäflingMaurizius, Weichling, von der Welt verwöhnter Adon, der in siebzehnjähriger Hast hart und entschlossen wurde — und schließlich dieser Waremme, ein Kind jüdischer Eltern, ein Abtrünniger, Berserker des Ehrgeizes, genialer Denker, Politiker, Philosoph, Liebling der ersten Gesellschaft und Schuft, satanischer Bösewicht, durchtränkt von einem geheimnisvollen Urtrieb zum Schlechten. Dieser Roman ist ein Stück Menschengeschichte. Ein Paradigma unserer Tage wurde von Wassermann ins Zeitlose transponiert. Die Geschichte Etzel Andergasts, dessen erster Teil der „Fall Maurizius" bedeutet, wird das große Epos unserer Zeit werden. ttus Wassermanns „Maurizius" „Man kann häufig beobachten, daß eS immer die subalterne Natur ist, die zu phantastischen Lebenskombinationen neigt und sich mit Luft im Unwirklichen bewegt, Sympathie und Interesse sind dann wie zwei ungleiche Geschwister, die sich vertragen möchten und nicht recht wissen, wie." Aus dem Gespräch Waremme-Etzel Andergaft (Mohl): „Was ist das: Jude? Vollkommen befriedigend kann es kein Mensch erklären. Mein Vater war stolz auf die Emanzipation, eine listige Erfindung. das, sie nimmt dem Unterdrückten den Vorwand, sich zu beklagen. Die Gesellschaft schließt ihn aus, das körperliche Ghetto ist zu einem seelischen und geistigen geworden, man wirft sich in die Brust und nennt es Emanzipation. Haben Sie mal darüber nachgedacht, junger Mohl, oder sind Sie zufällig einem Menschen begegnet, der Anlaß hatte, selbst über gewisse... na, sagen wir Disharmonien nachzudenken? Nicht? Sie hatten Wichtigeres zu tun, ich verstehe, aber vielleicht ist Ihnen trotzdem zu Ohren gekommen, was sich gegenwärtig hierzulande abspielt? Ich spreche nicht davon, daß Sie das Bettelalmosen eines jämmerlichen Bürgerrechts am liebsten wieder zurücknehmen möchten, täten sie's doch, es wäre wenigstens ein ehrliches Verfahren, es wäre lobenswerter als... na, lassen Sie mich nur ein Beispiel anführen, als Grabsteine in jüdischen Friedhöfen zu demolieren, meinen Sie nicht? Was sagen Sie dazu, geschätzter Mohl? Grabsteine demolieren... he? Friedhöfe schänden... Das ist neu in der Kulturgeschichte, he? Dernier eri! Ich finde, daß dagegen alle Brunnenvergiftungs¬ und Ritualmordexzesse zwar blutrünstige und hirnlose, aber, wenn man großzügig denkt, durch Wahn und Leidenschaft entschuldbare Veranstaltungen waren, waö finden Sie? Sie schweigen, kleiner Mohl? Ich ehre Ihr Schweigen. Sehen Sie, das mit den Grabsteinen ist ein Symbol, infernalisch, einzigartig: Haben Sie mal beobachtet, wie sich auf einem verbrannten Blatt Papier die letzten Funken verlaufen, ehe eS ganz schwarz wird? So ist das. Die letzten Funken von Würde, Selbstachtung, Anstand, Humanität oder wie die Schwindelworte sonst noch lauten, verlaufen sich, und alles wird schwarz." „Wenn ein Mann mit einer ungeliebten Frau die Ehe schließt, darauf ruht ein Fluch, das kann er nie wieder gut- 0 HAUS DER QUAL 11 ÄTSSTOFFE <l \ D 1 MÜNCHEN T KARLSPLATZ 5 N. STARK & Cie. j NÜRNBERG J LUITPOLDSTRASSE 11

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