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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-08-15 · 15 (15.8.1928) · p. Seite 246

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
15 (15.8.1928)
Article
Wassermanns "Fall Maurizius" [Rezension]
Date
1928-08-15
Page
Seite 246 (sequence 2)
Language
German
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246 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 15 seiner Frau, Anna Jahn, einer Schönheit ersten Ranges, kompliziert den Fall. Maurizius kommt herunter, die finanziellen Hilfsquellen seitens feines Vaters und seiner Ehefrau versiegen. Ratlos irrt er umher, wendet sich noch einmal an den alten Vater, der aber weist ihn von sich und unerwartet kehrt er heim. Als er abends die Gartentür feiner Villa öffnet, kommt ihm feine Frau vom Haufe her entgegen — plötzlich fällt ein Schuß. und Elli Maurizius fällt zu Tode getroffen zu Boden. Maurizius flicht in seiner Kopflosigkeit und lenkt somit den Verdacht auf sich. Er wird verhaftet, alles spricht gegen ihn, ein Kronzeuge, Freund seines Hauses, Waremme, tritt aus und beeidet, daß er Maurizius hätte schießen gesehen. Maurizius beteuert feine Unschuld, seltsamerweise rechtfertigt er sich mit keinem Argument: Ich bin unschuldig, das ist feine immer wiederholte Beteuerung. So wird der Stab über ihn gebrochen, man verurteilt ihn zum Tode und begnadigt ihn schließlich zu Zuchthaus auf Lebenszeit. Das ist in ganz flüchtigen Strichen der Umriß des „Fall Maurizius". Wassermann aber setzt ihn nicht in den Mittelpunkt feiner Handlung, sondern verschiebt den Schwerpunkt in einen Kreis, der eigentlich ganz außerhalb von Maurizius Welt liegt. Nicht in die Zelle des vermeintlichen Mörders führt unö der Dichter zu Beginn seines Buches, sondern in das Haus des Mannes der seine Verurteilung herbeigeführt hat, in daö Haus des Oberstaatsanwalts von Andergast. Der „Fall" selbst durchzieht bruchstückweise, immer aus einem erzählenden Munde kommend, das ganze Werk- Die Ausdeutung der MauriziuSaffäre und ihre fchließliche Erledigung vollzieht sich im Gegenspiel von drei Menschen: Der Staatsanwalt und fein sechzehnjähriger Sohn Etzel von Andergast - dieser Etzel und jener Kronzeuge Waremme. Das Haus Andergaft atmet die Korrektheit seines Herrn. Der Staatsanwalt ist der Typ des Beamten, des Pflichtmenschen. Sein Sohn, Gymnasiast, hat von seiner Mutter — die Eltern sind seit Jahren geschieden — Wesenszüge geerbt, die der Vater mit Sorge erkennt. Etzel Andergast, ein leidenschaftlicher Junge, mit einem bis zur Krankhaftigkeit ausgeprägten Gerechtigkeitsgefühl, besessen von Ehrlichkeit und Rücksichtslosigkeit, wenn es gilt, Verlogenes zu beseitigen und überkommene Normen, die keinen Inhalt mehr haben, lächerlich zu machen, dieser sechzehnjährige Etzel, wird eines TageS der Gegenspieler seines Vaters, der Prüfer, der mit seiner klärenden Detektivarbeit die Welt deS Baron Andergaft zerstört. „Der Mann mit der KapitänSmütze" tritt plötzlich in die private Sphäre der Andergafts. Etzel steht diesen merkwürdigen Mann, auf dem Schulweg vor dem Hause. Unter dem Schirm der Mütze hervor schnellt ein Blick gegen ihn, der ihn durch und durch trifft. Der Mann bedeutet Schicksal, das ahnt er. Etzel nähert sich ihm und erfährt, daß er der alte Maurizius ist, ein vierundsiebzigjähriger Mann, der sein Leben hingab, die Welt von der Unschuld des Sohnes zu überzeugen. Etzel erfährt die Geschichte des unglücklichen Privatdozenten Maurizius. Die Empörung des Sechzehnjährigen ist grenzenlos; denn sofort ist ihm in einer intuitiven Erkenntnis klar, daß der seit siebzehn Jahren Eingekerkerte unschuldig sein muß. Nun findet er keine Ruhe mehr, er muß den Dingen nachgehen. Es gibt nur eine Möglichkeit: Jener Waremme hat einen Meineid geschworen. Er findet in Vaters Arbeitszimmer eines der vielen Begnadigungsgesuche des alten Maurizius, aber schon hat die gestrenge Hand des Oberstaatsanwalts mit Rotschrift quer darunter geschrieben: Zur Begnadigung ungeeignet. Etzel weiß, daß er beim Vater nichts ausrichten kann. Er zögert nicht lange und fährt nach Berlin, die Fährte des Zeugen Waremme aufzuspüren. Er hinterläßt dem Vater einen Brief, in dem es heißt: „Gedanken erzeugen Gedanken, sagt man, aber die Wahrheit ist außerhalb und man muß sie sich erarbeiten wie ein Werk, glaube ich. Ohne Hebel kann man Schweres nicht heben, ein Name ist für mich Hebel geworden. Seit ich von dem Schicksal und dem Prozeß des Leonhard Maurizius weiß, und dem Anteil, den Du an seiner Verurteilung hast, ist keine Ruhe mehr in mir. Da muß die Wahrheit an den Tag, ich will die Wahrheit finde n." Nach einer Dienstreise findet der Staatsanwalt statt des Sohnes diesen Brief vor. Etzel ist spurlos verschwunden, die Nachforschungen sind vergeblich. Der hohe mächtige Beamte ist übertölpelt, der eigene Sohn wird sein Revisor, seine Gesetze von Zucht und Disziplin haben keine Geltung mehr. Die Welt des Baron Andergaft beginnt zu schwanken. Und nun teilt Wassermann in unvergleichlicher Geschicklichkeit die Bahn des Geschehens, die sich am Schluß des Werkes erst wieder vereinigen soll. Der Staatsanwalt ist durch das Verschwinden seines Sohnes schmerzlich auf den Fall Maurizius hingedeutet worden. Auch er spürt in der Tiefe des Herzens, daß ein bestimmtes Schicksal sich nähert, er hat daö Gefühl, das Steuer seines Lebens langsam aus den Händen verloren zu haben, und nun wird er getrieben von einer unerklärlichen Macht und aus den Sicherungen seines streng umzirkelten Daseins wie von einer gigantischen Welle hinausgespült. Nach siebzehn Jahren taucht der Kopf des Angeklagten Maurizius vor ihm auf, nicht eine Stunde des Tages ist er ohne Gedanken an den Prozeß. Ohne daß er es eigentlich will, hat er bereits Anweisungen gegeben, daß man ihm die vergilbten Akten aus den Archiven bringt. Er läßt sie in seine Wohnung tragen, verbringt ganze Nächte mit ihrem Studium und entdeckt Lücken in der Beweisführung und verdächtige Umstände, die der Zeugen Glaubwürdigkeit erschüttern. Er muß zu seinem maßlosen Erstaunen feststellen, daß die Anklage sich die Sache sehr leicht gemacht hatte, daß er, junger ehrgeiziger Staatsanwalt, wie ein schneidiger Feldherr vorgegangen war und nicht wie ein vom Staate bestellter verantwortungsreicher Ankläger. Andergaft findet keine Ruhe mehr, er muß dem Fall nochmals mit letzter Konsequenz auf den Grund gehen. Er fährt in das Zuchthaus, läßt sich eine Zelle aufschließen und steht Maurizius gegenüber. Andergaft gelingt es, in den Sträfling zu sehen, in stundenlangen, ja tagelangen Verhören wird es dem Staatsanwalt klar, daß hier ein furchtbarer Irrtum vorliegen muß. Maurizius berichtet ihm alle näheren Umstände, die letzte Erklärung zu geben weigert er sich aber wie vor siebzehnJahren. Andergaft erkennt die Tiefe der Tragödie, daß es Dinge gibt, hinter die der Richter nicht kommen kann, seelische Gesetze, die nur eine einmalige Gültigkeit haben. Erschüttert verläßt er den Sträfling. Telegraphisch beantragt er bei der Vorgesetzten Behörde die Begnadigung. Sie erfolgt: Maurizius ist frei, auf dem Gnadenwege frei und nicht durch ein Wiederaufnahmeverfahren. Der ehemalige Sträfling taumelt buchstäblich in die Freiheit, er erkennt die Welt nicht wieder, ein großer Krieg hat sie um und um geknetet. Der alte Vater stirbt wenige Minuten nach dem Wiedersehen. Maurizius irrt in einer unerklärlichen Haft durch Europa, sein inzwischen herangewachsenes uneheliches Kind erlaubt man ihm nicht zu sehen — er ist doch „Mörder" —, er findet sich nicht mehr zurecht, er begegnet Anna Jahn und stößt

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