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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-07-15 · 13 (15.7.1928) · p. Seite 214

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
13 (15.7.1928)
Article
Der jüdische Reisende Petachjah aus Regensburg
Date
1928-07-15
Page
Seite 214 (sequence 2)
Language
German
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214 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 13 Ha-Lawan genannt, doch auch dieser Annahme setzen sich gewichtige Schwierigkeiten entgegen, schon aus dem Grunde, weil die beiden Brüder nicht an einem Orte, sondern der eine in Prag, der andere in Regensburg wohnten. Der wissenschaftliche Wert der Reiseaufzeichnungen PetachjahS ist im Vergleich mit dem seines Zeitgenossen des Reisenden Benjamin aus Tudela als nicht allzugroß zu bezeichnen. Er enthält zwar sehr viel interessante Einzelheiten aus dem Leben der Juden in Vorderasien, aber seinen Angaben fehlt fast durchweg jene Exaktheit, die die Notizen des Benjamin auszeichnen. Während Benjamin immer genaue Angaben über Weg, Reisedauer, Zahl der Mitglieder der bereiften jüdischen Gemeinden, Namen berühmter Persönlichkeiten usw. macht, finden wir bei Petachjah nicht sehr viel davon. Einigermaßen genaue Daten macht er über Mesopotamien oder, wie er es gewöhnlich nennt, Babylonien; über alles andere, einschließlich Palästina berichtet er ziemlich flüchtig. Selbstverständlich finden sich bei Petachjah, genau so wie bei Benjamin aus Tudela sehr viele Märchen und Schifferfabeln, die in keiner Reisebeschreibung der früheren Zeiten fehlen. Das größte Augenmerk widmet Petachjah den Ländern des Irak, von ihm durchwegs Babylonien genannt. Die Gründe dafür sind unschwer zu finden. Babylonien war damals ein reiches, blühendes Land, in welchem die Juden in Ruhe und Wohlstand lebten und sich sogar einen gewissen, nicht unbeträchtlichen Rest von Selbstverwaltung erhalten hatten. Das Exilarchat, welches seit der ersten Hälfte des zehnten Jahrhunderts nicht mehr besetztwurde, erstand wieder nach etwa zweihundertjährigem Erlöschen, eine neue talmudische Hochschule, deren Oberhaupt wieder den-Titel Gaon führte, entstand in Bagdad und die gesamte Iudenschaft im Reiche der Abbassiden bildete eine politische und religiöse Einheit. Palästina befand sich in den Händer der Kreuzfahrer und zählte kaum mehr als tausend jüdische Familien, während eö in Irak eine große Zahl von Gemeinden mit Tausenden von jüdischen Seelen gab. Was Wunder also, daß sich die Augen der bedrängten europäischen Juden oft nach diesem glücklichen Lande richteten und in vielen der Gedanke entstand, dorthin auszuwandern. Die Geschichte meldet uns jedoch nichts von der Ausführung dieses Planes; einer größeren Emigration von Juden aus Europa nach dem Zweistrom-Lande stellten sich wohl ganz beträchtliche Hindernisse in den Weg. Die Reise in Babylonien wird von Petachjah in breiter Ausführlichkeit erzählt. Sein Weg führte ihn von Armenien über Nisibis nach Mossul, von ihm Neu-Niniveh genannt. In Mossul fand' er eine große jüdische Gemeinde an, die etwa sechstausend Familien zählte unter zwei Vorstehern, die den Titel „Nassi" (Fürst) führten und angeblich aus dem davidischen Königshause stammten. Nach den Angaben PetachjahS hatten die beiden Vorsteher weitgehende Steuer- und Iuftizbefugnisse. Hier machte Petachjah auch die Bekanntschaft eines Astrologen, Rabbi Schelomoh, den er nach der Ankunftszeit des Messias fragt. Diese Frage war in der damaligen Zeit eine bevorzugte Beschäftigung vieler Astrologen und Gelehrten. Die Antwort, die Petachjah auf seine Frage erhielt, findet sich jedoch nicht verzeichnet. Der Reisebericht enthält hier vielmehr den Vermerk: .. Rabbi Iehudah der Fromme wollte es nicht aufzeichnen, damit man nicht denke, daß er den Worten R. Schelomohs Glauben beimeffe." (Diese Stelle ist auch insofern wichtig, als sie beweist, daß die vorliegende Fassung des Berichtes nicht von Rabbi Iehudah dem Frommen stammen kann. Sicher scheint jedoch die erste oder wenigstens eine frühere Herausgabe des Reiseberichtes von ihm besorgt worden zu sein.) Von Mossul begab sich Petachjah nach Bagdad. Auf dem ganzen Wege, der entlang des Tigris führte, traf er in jeder Stadt und in einem jeden Dorfe jüdische Gemeinden an. In Bagdad selbst befand sich eine zahlreiche jüdische Ansiedlung, deren Familienzahl von Petachjah und Benjamin aus Tudela übereinstimmend auf tausend Familien angegeben wird. Seine große Bedeutung für das gesamte Judentum verdankte Bagdad dem talmudischen LehrhauS, welches sich unter dem zweiten Exilarchen Daniel zu einer Höhe erhob, die an die Zeiten der Gaonen erinnerte. Diesen Aufschwung führte ein Mann herbei, dem Petachjah ganze Seiten seiner Reisebeschreibung widmet, Samuel ben Ali Halevi, der Präsident des Lehrhauses. Petachjah bezeichnet ihn als hochgelehrten Mann, der den ganzen Talmud auswendig kannte und sogar im Besitze des Gottesnamens war, mit dessen Hilfe man Wunder verrichten konnte. Dieses Lob scheint übertrieben gewesen zu sein; sicherlich stand die Lehre in den Lehrhäusern von Spanien und Frankreich zu der damaligen Zeit höher als in Bagdad. Immerhin scheint Samuel ben Ali eine undurchschnittlich begabte, zielbewußte und energische Persönlichkeit gewesen zu sein, der sich seine Autorität durch kräftige Mittel zu behaupten wußte. Nach dem Tode des Exilarchen Daniel setzte er sich in den Besitz der Befugnisse, die bloß dem Exilarchen zuftanden; er zog die Abgaben der Gemeinden ein, ernannte Richter und Rabbiner, umgab sich mit einer Leibgarde usw. Unser Reisender erhielt von ihm ein Geleitschreiben, das ihm überall Schutz und Zutritt zu den Gräbern der Gelehrten und Frommen gewährte. Dieser Sehenswürdigkeiten scheint er sehr viel gesehen zu haben. Das Grab des Propheten Ezechiel und seines Schülers Baruch ben Nerijah, Esras, Abba Arekas und Rabbi MeirS, sowie die Löwengrube Daniels, den Palast Nebukadnezars und eine ganze Reihe anderer. Von allen diesen Gräbern weiß Petachjah interessante Legenden zu erzählen, die er aber selbstverständlich als wahrheitsgetreue Überlieferung betrachtet. Die dem Judentum im allgemeinen wesensfremde Gräber- und Heiligenverehrung scheint von den Juden unter dem Einflüße des Islam angenommen worden zu sein. Es ist auch möglich, daß die Gräber der Propheten ursprünglich von den Mohammedanern als solche entdeckt wurden und die Juden später anfingen, zu ihnen zu wallfahren und ihnen Verehrung zu zollen. Während der Anwesenheit Petachjahs in Babylonien kamen von einem kaukasischen Volk Boten nach Bagdad, welche im Aufträge ihrer Fürsten Gesetzeskundige für ihr Land wünschten, da die Fürsten beschlossen hatten, das Judentum anzunehmen. Diese Boten sah Petachjah mit eigenen Augen. Auch sonst weiß Petachjah von Bagdad und Babylonien sehr viel Merkwürdiges und Wunderbares zu erzählen. Märchen, wie das von einem fliegenden Kamel, einem wunderbaren Elefanten, von Gold, das wie Gras wächst, sind in den Berichten früherer Reisender keine Seltenheit und es darf uns nicht wundern, wenn wir sie auch bei Petachjah wiederfinden. Vom Irak zog Petachjah nach Palästina. Was er jedoch darüber zu berichten weiß, unterscheidet sich wesentlich von den ausführlichen Schilderungen des Benjamin aus Tudela. Er tut die Reife im allgemeinen recht kurz ab und beschränkt sich im wesentlichen auf die Beschreibungen der Gräber und denkwürdiger Stätten, die er besucht hat. Sein Weg führte von Norden nach Süden. Er besuchte Tiberias, wo er eine kleine Gemeinde antraf und einige kleinere Städte Galiläas und ging von dort nach Jerusalem. In Jerusalem traf er bloß einen einzigen jüdischen Bewohner. (Palästina befand sich damals in der Hand der

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