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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-07-01 · 12 (1.7.1928) · p. Seite 204

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
12 (1.7.1928)
Article
Protokoll der Verhandlungen der sechsten Tagung des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden in Bamberg
Date
1928-07-01
Page
Seite 204 (sequence 6)
Language
German
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204 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 12 Seidenhaus J. Haimann t Das Haus der guten Seiden München / Tel. 93834/35 / Am Schillerdenkmal ausschusses und neben einigen kleineren Vorlagen der Entwurf einer Verfassung für den Reichsverband der deutschen Juden zur Beratung und Beschlußfassung zugehen. Die Rabbinatsbezirksordnung wird Sie nicht beschäftigen. Die eingehenden Verhandlungen im Rat und Verfassungsausschuß haben dieses letzte große Stück der Gesetzgebung des Verbandes erheblich gefördert, aber noch nicht auögereift. Mehr als 100 Jahre wurde an der Lösung dieser Aufgabe gearbeitet, wir hoffen zuversichtlich, daß wir, gefördert durch Ihr lebhaftes Interesse an dem Problem und Ihre rege Mitarbeit an seiner Lösung, im nächsten Jahre einen Entwurf vorlegen können, der die gegensätzlichen Meinungen ausgleichen und Ihre Billigung finden wird. Auch zur Schächtfrage kann Abschließendes nicht gesagt werden. Wir danken der Staatsregierung und den Parteien des Landtages, daß sie uns hier Zeit gelassen haben. Als die umfassendste und gewaltigste Aufgabe stellt sich die Bildung eines Reichsverbandes der deutschen Juden dar. Die Verhandlungen in Nürnberg und Köln haben einen befriedigenden Abschluß gefunden. Die Voraussetzungen, welche die süddeutschen Verbände als unverzichtbar erachtet haben, wurden anerkannt. In besonderem Maße wurden die Anforderungen der konservativen Richtung berücksichtigt, und es ist dem in unserem Verband seit der Gründung hochgehaltenen Grundsätze Rechnung getragen, daß es in Gewissensfragen keinen Mehrheitsbeschluß gibt. Es wird nun Sache der Landesverbände sein, ohne auf die Einzelheiten näher einzugehen, zu den leitenden Gedanken des Verfassungsentwurfs Stellung zu nehmen. Wir erwähnen eine geschichtlich denkwürdige Urkunde aus den letzten Monaten. Am 23. März 1928 hat das Oberhaupt der katholischen Kirche ein Dekret über die Aufhebung der Vereinigung Amici Israel erlassen. Die Vereinigung bestand aus zahlreichen Gläubigen und Priestern, auch Bischöfen und Kardinalen, welche die Annäherung der Juden an die katholische Kirche bezweckten. Die Gründe zur Auflösung der Gesellschaft werden nicht näher bekanntgegeben. Der Akt selbst aber gibt dem Papste Anlaß zu folgenden Erwägungen: „Die katholische Kirche pflegt für das jüdische Volk zu beten. Von solcher Liebe bewegt, hat der heilige apostolische Thron dasselbe Volk gegen ungerechte Verfolgungen beschirmt, und gleichwie er allen Haß und alle Feindschaft unter den Völkern zurückweist, ebenso und am meisten verurteilt er den Haß gegen das einst von Gott auserwählte Volk, jenen Haß nämlich, den man jetzt mit Antisemitismus zu bezeichnen pflegt." Von maßgebender katholischer Seite werden wir darauf hingewiesen, daß die Auflösung der Vereinigung hier zum Anlaß genommen wird, mit besonderer Wärme gegen die judenfeindlichen Strömungen Stellung zu nehmen. Wir, danken dem Haupte der katholischen Kirche für seine liebe-- vollen Worte. Sie erhellen blitzartig die Lage, in der wir uns befinden. Wir wollen diese Lage aber nicht zu äußerlich nehmen und die Zeiten zu verstehen suchen. Nach dem gewaltigen Krieg und dem wirtschaftlichen Niedergang des Vaterlandes zeigt es sich in allen Ländern, daß die geistigen und materiellen Grundlagen unserer Zeit wanken und anderen Strömungen Raum geben. Wohin diese Strömungen führen, wissen wir nicht. Wir sehen und fühlen aber, daß der Grund, auf dem wir stehen, erschüttert ist. Die Menschen und Völker sind von Leidenschaft erfüllt und suchen nach einem Halt. Sie suchen ihn in feindseligem Haß, sie suchen ihn auf okkulten, geheimnisvollen Wegen. Da darf ich Ihnen gestehen, als wir vor wenigen Wochen das Fest der Gesetzgebung am Sinai feierten, da war ich tief bewegt von der Wucht und Eindringlichkeit der Worte der Bibel: „Ich bin dein Gott, der dich aus dem Land Ägypten geführt, aus dem Lande der Sklaverei." Es ist die Freiheit, die in der Autorität verwurzelte Freiheit, die am Anfänge der Gesundung des Volkes steht. Mit Posaunenstößen, mit Schofartönen folgen die Worte: „Du sollst — Du sollst — Du sollst nicht." Der deutsche Geist hat die Gedanken der Bibel ausgenommen und auf seiner höchsten Stufe den Begriff der Pflicht geprägt, den Begriff der herben, unnachsichtigen Pflicht. Das allgemeine Gesetz, die sittliche Norm, sind Prinzips des menschlichen Wollens, Richtschnur des menschlichen Handelns, unabhängig von allen menschlichen Zwecken und Neigungen. So weisen uns der Genius der Bibel und der Genius des deutschen Volkes enge verschwistert den Weg durch die Wüste der Gegenwart in das gelobte Land der Zukunft, den Weg der strengsten, unerbittlichen Pflichterfüllung. Möge der Funke göttlicher Liebe auf diesem Wege uns^begleiten und in uns wirksam werden, dann werden wir, das Volk der Bibel und das deutsche Volk, gesegnetere Zeiten erreichen. Wir wollen nunmehr wiederum festeren Boden unter den Füßen fühlen, den Boden unserer lieben Stadt Bamberg. Möge ihre Schönheit und Würde unseren Beratungen das Gepräge verleihen! Mit diesem Wunsche treten wir in unsere Verhandlungen ein. Oberstlandesgerichtsrat Professor Dr. Silberschmidt: Den Worten unseres verehrten Vorsitzenden etwas hinzuzufügen erübrigt sich. Wir danken ihm für alles das, was er bisher getan. Er hat uns auch heute große Gedanken gegeben, vor allem in dem Schlußwort. Das ist das Charakteristische dieser Berichte, daß hinter ihnen die Persönlichkeit unseres Vorsitzenden steht. Und so wünschen wir, daß diese Persönlichkeit weiter walten möge über diesen Verband und daß es ihr vergönnt sein möge, reichen Segen auszustreuen für unsere Gemeinschaft. Oberstlandesgerichtsrat Professor Dr. Silberschmidt gibt hierauf ein Schreiben des Mitglieds des Bayerischen Landtags Ludwig Rieß an die Kultusgemeinde Bamberg vom 16. Juni bekannt: „Leider kann ich infolge anderweitiger Verhinderung nicht an der feierlichen Eröffnungssitzung der Tagung des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden teilnehmen. Darum bitte ich auf diesem Wege der Tagung Gottes reichsten Segen und einen recht erfolgreichen Verlaus wünschen zu dürfen. Das Glück unseres Volkes und der Aufbau unseres Vaterlandes ist nicht zum letzten gegründet auf dem Frieden unter den verschiedenen Konfessionen des deutschen Volkes und auf wahrem Gottesglauben. Hier Mehrer zu sein, ist Ehre und Pflicht. Alle, die es gut meinen mit Volk und Vaterland, müssen darum diesen Weg gemeinsam gehen. In diesem Sinne Ihren Beratungen nochmals ein herzliches Glückauf!" Mit diesen uns ehrenden Worten schließe ich die Beratungen der heutigen Vormittagssitzung. (Fortsetzung des Protokolls in der nächsten Nummer der Zeitung.) 'Perl / m c/tw coo vsSKJ'a. (perusästimse ixxri£fom7ß9rD2r£^^ Aiss-ScfineLd.er'eL - Aocüsches 8-elwerk.

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