Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 12 (1.7.1928)
- Article
- Die Tagung und ihre Ergebnisse
- Date
- 1928-07-01
- Page
- Seite 199 (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 12 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 199 Doch sind die Vorarbeiten hier noch nicht weit genug vorgeschritten. Es wurde ein Antrag angenommen, wonach der Verband die Rabbinerkonferenz ersucht, ihrerseits Vorschläge zur Neueinteilung der Rabbinatsbezirke zu machen, wodurch die Vorarbeiten weiter gefördert werden. Nach der bisher immer eingehaltenen Reihenfolge war die Abschlußsitzung der Tagung sozialen Fragen gewidmet. Es sprachen Dr. Ollendorf, der Geschäftsführer der Zentralwohlfahrtsftelle der deutschen Juden über „Probleme der jüdischen Wohlfahrtspflege" und die Beamtinnen des Wohlfahrtsamtes Frl. Dr. Strauß und Frl. Katzenftein über die Wohlfahrtsarbeit des Verbandes. Rechtsanwalt Dr. Alfred Werner (München), Vorsitzender der Ortsgruppe München des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, behandelte in einem groß angelegten Vortrage die Siedelungsfrage. Er verstand die Notwendigkeit einer Berufsumschichtung der deutschen Juden in fesselnder und überzeugender Weise unter besonderer Heranziehung der Selbstmord- und Geburtenstatistik der deutschen Juden darzulegen. Er betonte insbesondere, daß es dem Frontbund fernliege, zu experimentieren; es handle sich nicht darum, Leute aus sicheren Existenzen herauszureißen, sondern zunächst die bereits ausgebildeten jüdischen Landwirte, die wegen der bekannten Verhältnisse keine Unterkunft finden könnten, unterzubringen. Auf Grund seines vorzüglichen Referates wurde der Beschluß gefaßt, Rat und Präsidium des Verbandes zu ermächtigen, zu weiterer intensiver Bearbeitung der Siedelungsfrage die erforderlichen Vorkehrungen zu treffen. Wir werden auf das Referat von Dr. Werner noch zurückkommen. Als zum Schluß S.-A. Weil (München) dem Präsidium des Verbandes für die geleistete ersprießliche Arbeit und der israelitischen Kultusgemeinde Bamberg für die bewiesene Gastfreundschaft dankte, sprach er aus, was ein jeder dachte und fühlte. Es ist ein tüchtiges Stück Arbeit geleistet worden, auf das die Verbandsleitung mit Befriedigung zurückblicken kann. Was die israelitische Kultusgemeinde Bamberg unter Führung ihres Vorsitzenden, Geheimrat Dr. Werner, unterstützt von eifrigen Helfern, vor allen Bankier Julius Wassermann, Rechtsanwalt Dr. Morgenroth und Jul. Strauß, an ausgezeichneter organisatorischer Vorbereitung geleistet und an liebenswürdiger vornehmer Gastfreundschaft gespendet hat, wird den Teilnehmern der Tagung in dauernder Erinnerung bleiben. S. Die Tagung des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden am 17. und 18. Juni 1928 brachte außer den offiziellen Verhandlungen noch eine Reihe sonstiger Veranstaltungen. Am Vorabend hielt der Münchener Kunsthistoriker Theo Harburger, der im Aufträge des Verbandes die Inventarisierung jüdischer Kunstaltertümer in Bayern vornimmt, im Saale der Ressource einen ausgezeichneten Lichtbilderoortrag über „Alte Kunst bei den Juden in Bayern". Das zahlreiche Auditorium spendete dem verdienten Vortragenden reichen Beifall. Am Sonntag vormittag fand vor dem offiziellen Festakt eine Besichtigung der Bamberger Synagoge statt. Die Synagoge ist in den Jahren 1908—1910 von dem Architekten Kronfuß mit einem Kostenaufwand von 400 000 Mark erbaut worden. Der imposante Bau hat in seinem oberen Teil burgartigen Charakter, der Gedanke der Zionsburg mag dem Architekten vorgeschwebt haben. Das Innere vermittelt mit seiner vornehmen Farbenkomposition und seinen reichen Beleuchtungskörpern einen weihevollen Eindruck. Den Höhepunkt bildete der Festabend, den die Gemeinde in den von der Gesellschaft Ressource liebenswürdigerweise zur Verfügung gestellten Räumen den Mitgliedern der Verbandskollegien und ihren Gästen gab. Justizrat Dr. Morgenroth, der 2. Vorsitzende der Bamberger Gemeinde, gab in seiner Begrüßungsansprache einen interessanten Überblick über die Bamberger Gemeinde, die durch Alter und Geschichte, Kultur und Tradition Achtung und Interesse verdiene. In bewegten Worten dankte der Präsident des Verbandes Oberlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer. Es sei der schönste Tag seines Lebens gewesen, als am 20. April 1920 der Zusammenschluß der bayerischen Juden erfolgt sei, doch die juristischen Normen müßten auch durchlebt sein von der Kraft des Geistes. Mit Stolz könne der bayerische Verband auf seine Mitarbeit urn das Zustandekommen einer Reichsverfassung der deutschen Juden blicken. Ministerialrat Mezger vom bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus betonte, daß ihn besonders sympathisch der Ton warmer und aufrichtiger Vaterlandsliebe in allen Äußerungen und Reden berührt habe. Sein Hoch galt dem engeren und weiteren Vaterlande. Oberbürgermeister Weegmann gedachte des guten Verhältnisses zwischen der israelitischen Kultusgemeinde und der Stadt Bamberg und erklärte, daß dieses Verhältnis keine Trübung erfahren solle. Für die bayerische Pfalz sprach Kommerzienrat Joseph (Landau). Justizrat Sinauer (Nürnberg) hielt mit gewohnt köstlichem Humor die Damenrede. Anschließend fanden Vorträge von Angehörigen der Bamberger Gemeinde statt. Besonders bemerkt wurden Variationen über das Thema „Moos zur jeschuosi" von Dr. Michael Wassermann, meisterhaft improvisiert, ein lustiger Sketch „Im Büro des Landesverbandes", von demselben Verfasser, flott gespielt von Kommerzienrat Buxbaum und Frau Annie Rau, einige von Fräulein Olga Buxbaum liebenswürdig gesungene Chansons. Gleich ausgezeichnet waren die Leistungen der übrigen Mitwirkenden. Bei trefflichem Mahl und vorzüglichem von der Pfalz gespendetem Trank vergingen die Stunden wie im Flug. Das Behagen und die frohe Stimmung der Gäste waren für die Veranstalter des herrlich gelungenen Festes schönster Lohn. Die israelitische Kultusgemeinde, an ihrer Spitze die unermüdlichen Herren Geheimrat Dr. Werner, Justizrat Dr. Morgenroth und Bankier Julius Wassermann, hatte durch ihre Mühewaltung den wärmsten Dank aller Teilnehmer verdient. Protokoll der Verhandlungen der sechsten Tagung des Verbandes vayerischer Israelitischer Lemeinden in Samberg am 17. und 18. Eröffnungssitzung am Sonntag, dem 17. Juni, vormittags 11.45 Uhr, im Kaisersaal der Residenz. Oberstlandesgerichtsrat Professor Dr. Silberschmidt: Hochverehrte Anwesende! Ich eröffne die Tagung des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden und heiße Sie alle, die Sie als Abgeordnete und Ratsmitglieder hierher geeilt sind, herzlich in diesen wunderbaren Räumen willkommen. Ein wichtiger Tagungsabschnitt steht uns bevor, ein Tagungsabschnitt, der vor allem auch die Idee des Verbandes hinaustragen soll in die jüdischen Gemeinden des ganzen Deusschen Reiches, der ein einheitliches Band um alle deusschen Juden schlingen soll. Und wenn ich Sie herzlich willkommen heiße, dann ist der nächste Gedanke, daß nicht alle, die Juni 1928 einst zu uns gehört haben, wieder erscheinen konnten. Der Tod hat im verflossenen Jahre wiederum schwere Lücken in unsere Reihen gerissen. Wir beklagen den Tod der Tagungsmitglieder Jakob Fränkel (München), Nathan Grünebaum (Brückenau), Moritz Neu (Pirmasens), und wir beklagen vor allem den Tod des Vizepräsidenten der Tagung, Dr. Kossy Silberschmidt (Bad Kissingen). Es sind das Männer, die der Tagung ihre ganze Kraft gewidmet haben; und wenn ich den letzteren, der dem Präsidium der Tagung angehört hat, noch besonders erwähne, so ist dies natürlich, weil wir hier seine Persönlichkeit so besonders schwer vermissen. Das gilt in verstärktem Maße von dem Mitglied des Rats Simon Dingfelder, der vor wenigen Tagen jäh aus unseren Reihen gerissen wurde, ein Mann,