Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 12 (1.7.1928)
- Article
- Die Tagung und ihre Ergebnisse
- Date
- 1928-07-01
- Page
- Seite 197 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 12 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 197 wenn man nicht nach Worten, sondern nach Taten richte, so sei der israelitischen Gemeinde die Palme anzuerkennen, niemals habe er vergeblich ihre Hilfsbereitschaft angerufen. — Es erhebt sich die leise Frage, warum dringen solche Worte nicht über jenen Kreis hinaus, warum finden sie nicht Widerhall und bringen jene Kreise zur Besinnung, deren äußerste Exponenten von ihrer verantwortlichen Presse verhetzt, vor den Toren der Residenz allerdings nur schüchtern und in geringer Zahl vergeblich einen Mißklang in die Hochstimmung zu bringen versuchen. — Mit dem Rabbiner Dr. Rülf kommt ein Führer der jüdischen Jugend zu Wort und wenn er betont, es sei eine jüdische Aufgabe, den Kampf für die Unterdrückten zu führen, als einen Kampf für Gott, so spricht er aus, was weite Kreise der jüdischen Jugend — und nicht die schlechtesten unter ihr — bewegt. In die Welt der nüchternen Arbeit zurück führt uns der Bericht des Präsidenten, OberlandeSgerichtsrat Dr. Neumeyer. Hinter den trockenen Zahlen stehen beachtliche Leistungen. Im Jahre 1927 hat der Verband für kulturelle und soziale Zwecke 150 000 RM. verausgabt, darunter 53 000 RM. für BildungS- und Unterrichtsanftalten. Es wurden bedacht: Waisenanftalt und Realschule Fürth, Kinderheilftätte und Kurhospiz Bad Kissingen, Landheim und wirtschaftliche Frauenschule Wolfratshausen, Kinderheim München, Fürsorgeverein Aschaffenburg-Lohr, Lehrerbildungsanstalt Würzburg, Präparandenschule Höchberg, die drei deutschen Rabbinerseminare, die Anstalten des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes. — Eine seiner wichtigsten Aufgaben erblickt der Verband in der Unterstützung der kleineren Landgemeinden, die ohne die Hilfe des Verbandes in religiösen, sozialen und kulturellen Dingen des Notwendigsten ermangeln müßten. Regelmäßige Gehaltszuschüsse erhalten <51 Gemeinden, Ruhegehälter und Hinterbliebenenbezüge wurden an 28, Suftentationen an 18 Empfänger verabfolgt. Von den Großgemeinden Aschaffenburg, Augsburg, Bamberg, Fürth, München, Nürnberg, Würzburg wurden 87,48 Prozent der gesamten Umlagen aufgebracht. Es entspricht daher nur einem Gebote der Billigkeit, wenn zum Ausgleich künftig die Hälfte der Rabbinergehälter sämtlicher Gemeinden des Verbandes nach Maßgabe der Besoldungsordnung von dem Verbände getragen wird. Diese Leistungen des Verbandes, der es zudem verstanden hat, einen Betriebsfonds von 50 000, einen Landeswohlfahrtsfonds von 240 000 und einen Pensionsfonds von 18 000 RM. zu schaffen, sind um so anerkennenswerter, als der Staatszuschuß verhältnismäßig gering ist. Während der Staatszuschuß an die christlichen Bekenntnisse, abgesehen von den Aufwendungen für die katholische Hochschule und die christlichen theologischen Fakultäten RM. 4,24 auf den Kopf der Bevölkerung ausmacht, beträgt er nur RM. 1,22 auf den Kopf der Angehörigen des israelitischen Bekenntnisses. — Ein erfreuliches Novum ist die im Herbst bevorstehende Herausgabe einer Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland durch die Arbeitsgemeinschaft der jüdischen Landesverbände in Süddeutschland zusammen mit dem Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens in Berlin. — Das Dekret des Papstes vom 25.3.1928 über die Aufhebung der Vereinigung Amici Israel gab Dr. Neumeyer Anlaß, die bei dieser Gelegenheit gebrachten Ausführungen zu zitieren, wonach das Oberhaupt des katholischen Bekenntnisses am meisten verurteilt „den Haß gegen das einst von Gott auserwählte Volk, jenen Haß nämlich, den man mit Antisemitismus zu bezeichnen pflegt". Im Mittelpunkt der Verhandlungen stand naturgemäß der Punkt „Reichsarbeitsgemeinschaft und Reichsverband", über welchen Iustizrat Dr. Hommel (Schweinfurt) am zweiten Tage referierte. Bekanntlich sind die Bestrebungen zur Gründung eines Reichsverbandes schon lange im Gang, sie hatten nicht unerhebliche Schwierigkeiten zu überwinden. Der erste Entwurf wurde seinerzeit von der Tagung des Preußischen Landesverbandes verworfen. Der nunmehr vorliegende zweite Entwurf dürste unter günstigeren Auspizien stehen, Uber seinen wesentlichsten Inhalt hat unsere Leser bereits ein Aufsatz von Dr. Neumeyer, der auch an der Schaffung dieses Entwurfes den hervorragendsten Anteil hat, unterrichtet. Der Referent betonte insbesondere, daß der Verband eine religiöse Körperschaft sei. Dem Reichsverband fei eine Reihe wichtiger Aufgaben zugewiesen, wie insbesondere die Errichtung und Förderung von Unterrichts- und karitativen Anstalten, so daß von einer Bagatellisierung des Reichsverbandes keine Rede sein könne, ein Vorwurf, der von unitariftischer Seite erhoben wird. Man hat davon Abstand genommen, die Tagung des Reichsverbandes durch Urwahlen zu bilden. Auch dieser Punkt hat im Verlaufe der Verhandlungen Schwierigkeiten gemacht. Nach dem Entwurf sollen die Vertreter durch die Landesverbände delegiert werden, sofern diese selbst aus Urwahlen hervorgehen. Die stärkere Stellung hat offenbar der Rat des Reichsverbandes, doch hat die Tagung in wichtigen Punkten mitbeftimmenden Einfluß und ist, nachdem sie insbesondere das Budgetrecht hat, in der Lage, sich durchzusetzen. Nach Ansicht des Referenten ist die Zusammensetzung der Organe reichlich bemessen; er gab der Hoffnung Ausdruck, daß darunter ihre Arbeitsfähigkeit nicht leide. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß Umlagen bis zu einem Höchstsatz von 1 RM. pro Kopf der Bevölkerung erhoben werden können und daß zum Schutz der Gewissensfreiheit ein Vetorecht in religiösen Angelegenheiten besteht. Der Entwurf muß von den Organen sämtlicher Landesverbände angenommen werden, um in Kraft treten zu können. Als erster Verband hatte nun der bayerische Landesverband, der an den Vorarbeiten vor allem in Person seines Präsidenten Dr. Neumeyer in hervorragender Weise beteiligt war und auf das Erreichte mit berechtigtem Stolz blicken kann, zu dem vorliegenden Entwurf Stellung zu nehmen. Es erhob sich gegen den Entwurf kein nennenswerter Widerspruch, wenn auch von dem Sprecher der Volkspartei das Fehlen von Urwahlen bemängelt wurde. Die von den Konservativen vorgetragenen Bedenken konnten im wesentlichen als bereits durch Protokollarerklärungen beseitigt gelten, im übrigen wurden sie dem Präsidium als Material übergeben. Der Entwurf wurde unverändert vom Rat einstimmig, von der Tagung mit überwältigender Mehrheit (gegen 4 Stim- STOltWERCK SCHOKOLADE-PRALINEN "j