Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1928
- Issue
- 6 (15.6.1928)
- Article
- Simon Dingfelder
- Date
- 1928-06-15
- Page
- Seite 11 (sequence 1)
- Language
- German
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Mitteilllllgm Des MMMen Lchnrvemns für Wem Schriftleitung: M. Rosen seid, München 1928 München, 15. 3uni Nr. 6 Simon Vingfelder y? Am Donnerstag, dem 31. Mai, haben wir das, was sterblich war an ihm, in die kühle Erde gebettet. Ein. letzter Strahl der untergehenden Sonne umspielte den einfachen Schrein, der ein so reiches Leben umschloß. Der weite Platz vor dem Leichenhause des alten jüdischen Friedhofes in München faßte kaum die zahlreiche Trauergemeinde, die sich versammelt hatte, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Mit den fast vollzählig erschienenen Mitgliedern der Verwaltung des Lehrervereins umstand eine große Anzahl Kollegen die Bahre des verehrten Toten. Keiner von ihnen konnte ahnen, daß der Abschiedsgruß, der erst vor wenigen Wochen bei einer Verwaltungssitzung in Nürnberg gewechselt worden war, ein Abschied fürs Leben sein sollte. In einem Alter von 59 Jahren, auf dem Höhepunkte seiner Erfolge, mitten aus einem Leben weitgreifender Wirksamkeit, strengster Pflichterfüllung und rastloser Arbeit ist er für immer von uns gegangen. Kein Vermächtnis, kein letztes Wort an uns war ihm vergönnt. Und doch kennen wir seines Willens Richtung, wissen wir, was fein Geist uns spricht. Sein Leben, wie er es gelebt, sein Wirken, wie wir es geschaut, wird uns Ziel fein auf unseren Wegen. Wir sehen ihn vor uns, wie er auf unseren Versammlungen in vorbildlicher, musterhafter Ruhe und Sicherheit die Verhandlungen leitete. Die kräftige, gedrungene Gestalt, der feste ruhige Blick, das klare treffende Wort, die feine und doch eindringliche Geste kennzeichnete den überlegenen, geistig hochstehenden Führer, der Gegensätze meisterhaft zu überbrücken verstand, Resultate einer Beratung kurz und prägnant zusammenzufassen vermachte. Immer gelang es ihm, Formvollendetes zu schaffen. In den wenigen Jahren der Vereinsleitung hatte er das seltene Glück, alles das reifen zu sehen, was er in jungen Jahren geplant und gedacht, wofür er sich stets mit seiner ganzen Kraft eingesetzt hatte. Als junger Lehrer erkannte er bereits die Probleme, die sich um Schule und Judentum gruppierten, in ihrer vollen Schärfe. Die Verhandlungsprotokolle der letzten vier Jahrzehnte zeigen oft seinen Namen unter Anträgen, die viele, viele Jahre später erst Verwirklichung fanden. Diese umfassende, jahrzehntefüllende Tätigkeit galt in erster Linie der Schule, den Berufs- und Standesfragen und nicht in letzter Linie der gesamten bayerischen Iudenheit. Im Mittelpunkt aller Arbeit stand ihm die Schule. Der Kampf um die jüdische Volksschule fand ihn in den vordersten Reihen. Was er in dieser vielumftrittenen Frage geleistet, wie er durch Vorträge auf Lehrertagungen, durch Aufklärungsarbeit in den Gemeinden, durch zahlreiche Zeitungsartikel und Broschüren befruchtend gewirkt hat, wird uns stets in lebendiger Erinnerung bleiben. Wenn ihm trotzdem ein voller Erfolg versagt geblieben ist, so lag es nicht an ihm und auch nicht daran, daß die Gründe, die er ins Feld zu führen wußte, nicht durchschlagend genug gewesen seien, sondern einzig und allein in den bevölkerungspolitischen Schwierigkeiten, unter denen das deutsche Judentum litt und noch leidet. Die Abwanderung aus den Klein- und Mittelgemeinden, der Geburtenrückgang haben die jüdische Volksschule dezimiert, ja fast ganz aufgerieben. War nach dieser Richtung durch äußere mißliche Begleiterscheinungen seine Tätigkeit gehemmt, so konnte sie sich um so stärker und nachhaltiger auf anderen organisatorischen Gebieten entfalten. Jahrzehnte zurück liegen die Anfänge des Kampfes um den Zusammenschluß der jüdischen Gemeinden Bayerns. Solange die Landgemeinden, stark und zahlreich, die Hauptkraft des Judentums repräsentierten, waren diese in der Lage, selbst für ihre religiösen Bedürfnisse zu sorgen. Erst als die Abwanderung in die großen Städte empfindliche Lücken riß, trat ein Problem in den Vordergrund, das die große Misere der Kleingemeinden und damit auch des jüdischen Lehrerstandes offenkundig zutage treten ließ. Der in den kleinen Gemeinden zurückbleibende Rest konnte die Lasten nicht mehr tragen. Die Lehrerschaft, die treu auf den Posten ausharrte, besiegelte diese Treue mit ihrer wirtschaftlichen Niederhaltung. Frühzeitig schon erkannte Simon Dingfelder im Zusammenschluß aller Gemeinden die einzige Rettung. Nach einem von dem jetzigen Seminaroberlehrer Anfänger gehaltenen Referate auf der Lehrerversammlung zu Bamberg im Jahre 1904 wurde dem jungen Verwaltungsmitglied Dingfelder die Bearbeitung einer vorzunehmenden Umfrage über die rechtlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse der israelitischen Religionslehrer Bayerns übertragen. Es war eine schwierige Arbeit. Vier Jahre verstrichen. Dann erschien ein grüngeheftetes Büchlein von etwa fünfzig Seiten, und was hier in knappen Sätzen und Zahlen zusammengetragen war, das war der erschütternde Aufschrei eines niederbrechenden Standes. Die gründliche Arbeit wurde zwar allseitig gewürdigt, aber die Konsequenzen daraus zu ziehen versagte man sich — weil die Gesetzgebung dagegenstand. Aber Dingfelder verzagte nicht. Der nun auf der ganzen Linie einsetzende Kampf um die Revision des Judenediktes von 1815 fand ihn überall dort, wo für die Interessen seiner in tiefer Not lebenden Standesgenoffen gestritten wurde. Das Jahr 1914 sollte eine Wendung zum Besseren bringen. Der nunmehrige Präsident des Rates bayerischer Gemeinden, Herr Oberlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer, trat in den Vordergrund. Eine Versammlung der Großgemeinden Bayerns, zu der Herr Dr. Neu-