Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 10 (1.6.1928)
- Article
- Jüdisches Leben in Augsburg
- Date
- 1928-06-01
- Page
- Seite 148 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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148 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 10 jüdisches Leben in Augsburg Von Referendar Ludwig Mayer, Augsburg Das moderne jüdische Gemeinschaftsleben, wie es seit der Emanzipation sich herauskriftallisiert hat, trägt durchaus andere Merkmale, als dies noch um das Jahr 1700 der Fall war. Im Ghetto war die Förderung jüdischen Lebens in allen Zweigen des Daseins Selbstverständlichkeit und Notwendigkeit. Selbstverständlichkeit — weil der Ghettojude allein auf die jüdische Gemeinschaft angewiesen war und nur in ihr sich behaupten konnte, Notwendigkeit — weil diese Gemeinschaft den einzigen Gesellschastskompler darftellte, auf dem er zu einer schöpferischen Entfaltung seiner Kräfte gelangen konnte. Eine Spaltung in privates und öffentliches jüdisches Sein war undenkbar, der Individualwille ging in dem der Gesamtheit auf, der seinerseits rückströmend ersteren befruchtete. Die Betrachtung und Bewertung der Intensität des damaligen jüdischen Lebens muß sich daher auf die Totalität, auf alle Verzweigungen des Daseins der damaligen jüdischen Menschen erstrecken. Der Emanzipations- und als seine Folge der Assimilationsprozeß haben die engen Bande, die zwischen dem einzelnen Juden und der jüdischen Gemeinschaft bestanden, wesentlich gelockert. Eine neue Umwelt tat sich auf, vielfältige Beziehungen wirtschaftlicher, kultureller und politischer Art verknüpfen heute den deutschen Juden mit der nichtjüdischen Welt. Was früher unentrinnbares Schicksal war, die Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft, wird heute freie Willensbestimmung, die eine abgestuste Skala von Intensitätsgraden hinsichtlich der Beteiligung am jüdischen Leben zuläßt. Wenn man diese veränderte Sachlage berücksichtigt, wird man bei der Bewertung des jüdischen Lebens der Gegenwart in der Pflege und Erhaltung der jüdischen Komponente unseres Daseins das entscheidende Kriterium erkennen müssen. Unter den dargelegten Gesichtspunkten soll das jüdische Leben in Augsburg, in Vergangenheit und Gegenwart, einer kurzen Betrachtung unterzogen werden. Die Geschichte der Juden in Augsburgs ist fast so alt und wechselvoll wie die der Stadt selbst. Angeblich sollen schon in der römischen Ansiedlung Augusta Vindelieorum Juden gewohnt haben. Die frühesten urkundlichen Beweise für das Auftreten der Juden in Augsburg stammen aus dem beginnenden dreizehnten.Jahrhundert. Um das Jahr 1290 scheint die jüdische Gemeinde in Augsburg eine ziemliche Ausdehnung und Bedeutung erlangt zu haben. Wir hören von einem reichen vielgeftalteten Gemeindeleben: Die Gemeinde besitzt neben der Synagoge einen Iudenfriedhof, ein Iudenhaus (vermutlich das jüdische Rathaus), ein eigenes Badhaus, Tanzhaus und andere gemeindliche Einrichtungen. Der körperschaftliche Aufbau der Gemeindeorganisation gipfelt in einer eigenen jüdischen Gemeindevertretung, bestehend aus einem Iudenmeister und zwölf gewählten Räten. Für Streitigkeiten zwischen Juden war die Kompetenz eines jüdischen Gerichtshofes gegeben. Auf ein hochstehendes und ausgebreiteteö religiöses Leben weist das Wirken einer Reihe von berühmten Rabbinern, darunter vorübergehend auch der Rabbi Meier von Rothenburg, hin. * Die folgenden historischen Daten sind der ausgezeichneten Darstellung des Augsburger Bezirksrabbiners Dr. Grünfeld: „Ein Gang durch die Geschichte der Juden in Augsburg", Augsburg 1917, entnommen. Um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts begann die Vertreibung der Juden aus Augsburg, die sich dann in den Augsburg benachbarten Orten, wie Kriegshaber, Steppach, Pfersee und Göggingen ansiedelten. Erst die zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts einsetzende Emanzipation der deutschen Juden hat den dauernden Aufenthalt von Juden und damit die Bildung einer jüdischen Gemeinde zum zweiten Male in Augsburg ermöglicht. Die israelitische Kultusgemeinde Augsburg, die zu den jüdischen Großgemeinden zu rechnen ist, zählt heute etwa zwölfhundert Seelen. Ihr religiöser Mittelpunkt ist die im Jahre 1917 eingeweihte Synagoge, ein in künstlerischer Hinsicht sehr bemerkenswerter Bau, der unter den in Augsburg gewiß reichlich vorhandenen architektonischen Sehenswürdigkeiten einen hervorragenden Platz einnimmt. Ihrer religiösen Einstellung nach steht die große Mehrzahl der Gemeinde auf liberalem Boden, wobei der stete Zuzug aus kleineren Orten - eine für die gegenwärtige soziologische Situation des deutschen Judentums symptomatische Erscheinung — eine etwas konservative Färbung aufweist. Das Tätigkeitsgebiet der jüdischen Gemeinde in Augsburg erschöpft sich heute — wie in zunehmendem Maße in den anderen jüdischen Großgemeinden - nicht mehr allein in der Verwaltung von Kultusangelegenheiten. Die soziale Arbeit, gerade nach den Erschütterungen, die Krieg und Inflation dem jüdischen Mittelstand zufügten, ist heute ein integrierender Bestandteil der Gemeindearbeit geworden, die in Augsburg von einer Wohlfahrtsftelle der jüdischen Gemeinde als der Zentralstelle der Augsburger jüdischen Wohlfahrtstätigkeit einheitlich geleitet wird. Zu ihrer Ergänzung wirken im Geiste lebendiger jüdischer Religiosität, als Chewrah Kadischah, der Israelitische Männer- und der Israelitische Frauenverein. Der Pflege und Verbreitung jüdischen Wissens dienen die von der Gemeinde unterhaltene und ständig weiter im Ausbau begriffene Gemeindebibliothek, sowie eine gut ausgeftattete Lesehalle. Diese kulturellen Bestrebungen finden ihre Resonanz in den alljährlich in den Wintermonaten von der Gemeinde veranstalteten jüdischen Vorträgen, von denen die im letzten Jahre gehaltenen der Herren Dr. Martin Buber, Rabbiner Dr. Baeck und Dr. Ernst Simon (Frankfurt a. M.) besondere Erwähnung verdienen. Bei der Beurteilung jüdischen Lebens innerhalb einer Gemeinde darf das Vereinsleben nicht übersehen werden. Gerade die jüdischen Vereine, denen heute in weit höherem Maße gesellschaftsbildende Kräfte als der Gemeindeorganisation als solcher zukommen, sind in ihrer Gesamtheit heute ein wichtiger Faktor zur Verlebendigung des Gemeindelebeus. In Augsburg sind dir hauptsächlichsten deutsch-jüdischen Organisationen durch Ortsgruppen vertreten, deren Arbeiten und Vorträge ein getreues Abbild von den religiösen und politischen Strömungen im Judentum der Gegenwart darftellen. In einer der letzten Nummern dieser Zeitschrift' war bereits ausgeführt, daß die Bestrebungen des VerbandesBayerischer Israelitischer Gemeinden auch in Augs- - 1928, Nr. 7: Zur Einführung der „Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" in Augsburg.