Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 8 (1.5.1928)
- Article
- Caliban oder Politik und Leidenschaft [Rezension]
- Date
- 1928-05-01
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
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122 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 8 die Aufforderungen zum tätigen Bekennen jüdischen Volkstums. Er erkennt jedoch an, daß in einem (man kann sagen, dem überwiegenden!) Teil der Deutschjuden weder der Wille noch die Voraussetzungen hierzu vorhanden sind. An sie wird eine Minimalsorderung gestellt, ihren Kindern nicht nur das reine Bild des deutschen Geists zu übermitteln, sondern chnen auch, nach ihrer Möglichkeit, „ein Bild des jüdischen Wesens und Wertes zu gönnen/' ihnen jene Möglichkeit der Wahl zu geben, „die sie auf die Seite des jillnschen Volkstums treiben kann." Sehr beachtenswert ist, was über die Abwehr des Antisemitismus gesagt wird. „Als Regulativ aber hat immer zu gelten, daß jedem Affekt gegenüber Besonnenheit, Mut und Humor am weitesten hilft." Dies hat man in den Abwehrkämpfen der letzten Jahre — verständlicherweise — nicht immer genügend beachtet. Es fehlte ein wenig an dem gesunden Selbstvertrauen der Vernunft. — Daß dieses gesunde Selbstvertrauen der Vernunft nicht immer vorhanden ist, daß mancher Jude (es ist deren eine beträchtliche Anzahl!) „von sich selbst und von allen Juden etwa denkt, wie ein völkischer Abgeordneter", führt Zweig aus ein durch entmutigende Erlebnisse von zwei Jahrtausenden hervorgerusenes Minderwertigkeitsgefühl zurück. Von Anfang des 19. Jahrhunderts an sei Neurose die Schicklsalskrankheit des jüdischen Menschen geworden. Besonders stark war dies offenbar in Österreich, wo man dem Kulturglanz einer wirklichen Gesellschaft und einem verführerischen Menschentyp gegenüber stand. Das erschütterndste Beispiel ist wohl Meininger. Aus dieser Atmosphäre entstanden, gewissermaßen als ein Akt der Selbstheilung, die Wiener psychologischen Schulen Sigmund Freuds und Alfred Adlers insbesondere. Es ist eine gewisse Bestätigung der Richtigkeit dieser Anschauungen, daß die neuere Psychologie in der Hauptsache auf Wiener Boden entstanden sind. Auch über den Anttsemitismus wird die Menschheit hinauswachsen. Die Gruppe ist ein Kinder-Jch (Georg Simmel), heute noch. Sie bedaff der Erziehung und wer wäre geeigneter diese Erziehung zu leiten, als der Dichter. An ihm, aber nicht an ihm allein wird es liegen zu zeigen, daß Affekte keine Liebesakte sind. Der Zentralitätsaffekt ist nicht Liebe zum eigenen Volk, sondern Selbstanbetung, Überhebung. Menschheitskultur kann nur gefördert werden durch Zusammenarbeit der Nationen, die von dem Bewußtsein der Menschheit als wertgebender Größe getragen wird. Nationalismus ist auch innerhalb des Menschheitsgedankens möglich, aber nur ein nichtimperialistischer Nationalismus, der nicht auf Selbstvergottung und Unterdrückung anderer ausgeht, SMßJTj HD/ 'TTläSSi Jf\ass-SchneidETel — -Äodisches ßelweTl^, sondern auf die Möglichkeit, seine eigene Art und sein eigenes Lebensgesetz auf eigenem Boden zu leben. Die eigentliche Form der jüdischen Genialität ist die „spezifische Kraft des auf Vergöttlichung des Lebens gerichteten Geistes". Moses, Jesaias, aber auch Männer wie Marx, Lasalle, sind ohne diese spezifische Kraft nicht denkbar. Die herrschenden Religionen des europäisch-amerikanischen Kulturkreises gehen in ihren Wurzeln auf das Judentum zurück. Das Buch Arnold Zweigs hat mit erstaunlicher Klarheit, die durch den Stil, der offenbar die Bewegtheit des Autors von seinem Gegenstand wiedergeben sollte, nur wenig beeinttächttgt wird, in die Probleme hineingeleuchtet, die uns alle bewegen. Es ist geschrieben aus einer leidenschaftlichen Liebe zum Leben und aus einem unbesiegbaren Glauben an eine höhere Ordnung der Dinge. Eugen Schmidt. Cine Gedächtnisfeier für Paul Natban Am 15. März, an dem sich der Todestag Paul Nathans zum ersten Male jährte, fand in den Räumen der Kunsffammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde in der Oranienburger Straße die Einweihung einer Büste Paul Nathans statt. Eine ausgezeichnete Schöpfung des Münchener Bildhauers Arnold Zadikow, ist sie von einem süddeutschen Mäzen und Freunde Paul Nathans der Gemeinde geschenkt. In leichtem Goldschimmer hob sich die Bronzebüste, schwarz umflort, vom dunklen Lorbeerhintergrund ab. Die mächtige nach vorn gehämmerte Stirn, unter den buschigen Brauen tiefliegende Augen voll Klugheit und Güte, der feingeschwungene Mund, in dessen Winkeln die Ironie heimisch ist, gaben dem Bildwerk eine ergreifende Lebenswärme und Lebensnähe. Professor Schäfer für den Hilfsverein der deutschen Juden, Dr. Weil für den Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Dr. Singalowfki für den Verband „Ort" zeichneten in warmen und klugen Worten das Wesen des seltenen Menschenfreundes und Kulturmenschen. Namens des Vorstandes nahm Dr. Sandler das Kunstwerk in die Obhut der jüdischen Gemeinde, an die besondere Förderung erinnernd, die Dr. Nathan, inmitten seiner vielen anderen Obliegenheiten, auch der wichtigen und wertvollen Kunstsammlung gewidmet hat, in deren Mitte jetzt sein Bild aufbewahrt bleibt. Indisch-Soziale 5d)nhwg5wod)e Unter Beteiligung von etwa 200 Teilnehmern, von denen ein großer Teil aus dem Reiche nach Berlin gekommen war, fand vom 18.—23. März 1928 in Berlin eine von der Zentralwohlsahrtsstelle der deutschen Juden gemeinsam mit den anderen großen Wohlfahrtsorganisationen veranstaltete Jüdisch- Soziale Schulungswoche in der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums statt. Unter den Teilnehmern waren vor allem in der jüdisch-sozialen Arbeit der verschiedensten Gebiete beruflich tätige Kräfte; aber auch Rabbiner, Lehrer und freiwillige Mitarbeiter der Wohlfahrtspflege nahmen an der Veranstaltung teil. Die Schulungswoche wurde durch einen Vortrag von Frau S. Wronsky über „Neuzeitliche Wohlfahrtspflege" (Wandlungen der Ideen, Begriffe und Methoden) eingeleitet, der den Gesamtzusammenhang der jüdischen mit der allgemeinen Wohlfahrtspflege sowie der einzelnen Themen untereinander herstellte und zahlreiche Anregungen für die neuzeitliche Ausgestaltung der Arbeit gab. An den Vortrag schloß sich ein geselliges Zusammensein fast aller Teilnehmer in den neuen Räumen der Zentralwohlfahrtsstelle. Nachdem Professor Dr. Erich Seligmann am nächsten Tage die Schulungswoche mit einer Ansprache eröffnet hatte, wurden auf den einzelnen, während der Schulungswoche behandelten Gebieten eine Reihe ausgewählter Themen möglichst vom allgemeinen und vom jüdischen Standpunkt aus dargestellt, um sie für die Praxis nutzbar zu machen. So ergänzten sich die Vorlesungen von Stadtrat Dr. Muthesius und Dr. Berge! über „Durchführung der Reichsfürsorgeoerordnung", ferner die Vorlesung von Frl. Dr. Wunderlich über „Produktive Sozialpolitik" mit denen von Adler-Rudel über „Jüdische Wanderungen und Wanderfürsorge" und Dr. Kreutzberger über „Fragen der Arbeitsfürsorge", während Rechtsanwalt Dr. Frau-