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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-05-01 · 8 (1.5.1928) · p. Seite 121

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
8 (1.5.1928)
Article
Caliban oder Politik und Leidenschaft [Rezension]
Date
1928-05-01
Page
Seite 121 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 8 Bayerische Israelitische Gemeindezettung 121 Laliban oder Politik und Leidenschaft Versuch über die menschlichen Gruppenleidenschaften dargetan am Antisemitismus*. (Ein Buch von Arnold Zweig) Dieses Buch ist unter der zahllosen Literatur, die sich mit dem Antisemitismus befaßt, die einzige würdige Antwort des deutschen Juden auf den Nachkriegsantisemitismus. Dies gilt auch gegenüber dem gewiß vortrefflichen Buch Goldsteins „Deutsche Volksidee und deutsch-völkische Idee", welches das Buch eines Gelehrten ist. Hier aber spricht ein Dichter und ein Mensch in seiner Not. Man braucht deswegen mit Zweig nicht in jedem Punkte einverstanden sein, man kann von ganz anderen politischen Grundanschauungen Herkommen, im menschlich Tiefften verschwinden diese Gegensätze. Arnold Zweig geht von einer „Entdeckung" aus. Zwei Affekte find es, die das Jntergruppenleben wesentlich mitbestimmen: der Differenzaffekt und der Zentralitätsasfekt. Der Differenzaffekt ist „die triebhafte Erregung und Abstoßung, mit welcher Menschengruppen auf das Verschiedensein anderer Menschengruppen antwortend reagieren", während der Zentralitätsaffekt „die daran gebundene Überbetonung der Wichtigkeit und Vollkommenheit der eigenen Gruppe für das Weltall vorstellt." Dies ist nun eigentlich keine Entdeckung, denn diese Vorgänge hat schon Georg Simmel beschrieben und in neuerer Zeit hat sie Alfred Adler für das Individuum unter den Begriffen „Entwertungstendenz" und „llberlegenheitsstreben", eingehend dargestellt. Es ist also nur eine bescheidene Entdeckung, die hier gemacht wurde, wie Arnold Zweig selbst korrigierend bemerkt. Das Verdienst Zweigs ist somit weniger diese Entdeckung, als die Entdeckung des Wertes dieser Entdeckung, der Bedeutung nämlich, welche die Feststellung hat, daß der Antisemitismus nicht eine außergewöhnliche, nur von Juden schicksalhaft zu ertragende Bewegung ist, sondern eine besondere Nuance allgemeiner Kräfte ist, wie sie jede Gruppe in mehr oder minder starkem Maße zu ertragen hatte und noch zu ertragen hat. Das Gefühl nicht einem einzelnen persönlich zu beziehenden, sondern einem allgemeinen menschlichen Übel gegenüberzustehen, hat noch immer befreiend gewirkt. Mit der erfreulichen Nüchternheit eines klaren Geistes steht Zweig dem Problem des Antisemitismus gegenüber. Zwar kommen jene Gruppenaffekte aus der Zone des Orphischen und Dionysischen, aber elementare Ausbrüche dieser Gruppenaffekte, Ausbrüche, die als heroische bezeichnet werden könnten, sind im 20. Jahrhundert selten. Der Antisemitismus der Nachkriegsjahre war kein solcher elementarer Ausbruch nach den Gesetzen elementarer Kraftentfaltung, er war das Ergebnis einer Kalkulation, einer Risikoberechnung, er war feige und daher doppelt unsympathisch. Er war wissenschaftlich begründet und politisch organisiert und trug so den Keim der Unehrlichkeit in sich. Man kann sich zwar Affekten hingeben, aber man kann sie nicht wissenschaftlich begründen, ohne unehrlich zu sein. Daher, was bei den Griechen zur Tragödie hinaufführte, führte hier zum Pamphlet herab: die Weisen von Zion. Wie Zweig richtig bemerkt, ist der Antisemitismus auch nur von untergeordneten Köpfen m der deutschen Öffentlichkeit vertreten worden. Der Charakter des Antisemitismus als einer Teilerscheinung zeigt die Aussicht seiner Aufhebung. Auch zwischen Bayern und Preußen bestanden und bestehen noch solche Spannungen. In dem am Horizont der Welt auftauchenden ungeheueren Problem Farbige-Weiße, wird das Problem des Antisemitismus spurlos untergeben. Der deutsche Antisemitismus der Nachkriegsjahre ist entstanden aus der Gewissensnot der deutschen Nationalisten. Er ist eine Verdrängungserscheinung. Der Vater war der Zusammenbruch, die Mutter die Verdrängung. Dem ersten Kapitel setzt Zweig folgendes Motto aus Nietzsches „Jenseits" voraus: „Das habe ich getan", sagt mein Gedächtnis. „Das kann ich nicht getan haben" sagt mein Stolz und ble>bt unerbittlich. Endlich — gibt das Gedächtnis nach. — In der Tat, das war es! Es ist zwar nicht schön, i Potsdam 1927. Gustav Kiepenheuer. Verwendet die Telegramm-lkrsatz-ssormulare aber verständlich, daß man dem ungeheuerlichen Drucke der Verantwortung für das, was als Folge des Weltkrieges an Unglück und Leid sich ergab, nicht standhalten konnte. Das kann ich nicht getan, nicht verschuldet haben, sagte der Stolz des Nationalismus und suchte nach einem Schuldigen. Und dieser war nicht schwer zu finden. Was den Antisemitismus menschlich am tiefften kennzeichnet, ist seine Humorlosigkeit. Er hat, ganz abgesehen von seinem Niveau, keinen Witz, sondern Spott und Hohn. Er bewegt sich in einem Lirculu8 vitio8U8. In dem er von vorneherein Germanisch — Gut, Semitisch — Böse setzt, sucht er zu beweisen, daß er gut und seine Feinde böse seien, oder auch umgekehrt, was gut ist, kann nur germanisch, was böse ist, nur semitisch sein. Vernunft und Urteil sind geschwunden, oberste Richtschnur ist der vergottete Affekt. Mit Recht verweist Zweig aus eine in letzter Zeit wenig beachtete Wurzel des Antisemitismus, auf die religiöse nämlich. Sie ist sicher die erste historisch feststellbare. Vielleicht ist sie sogar die wichtigste. Man ist geneigt heute die Bedeutung des Religionsgegensatzes als Enfftehungsquelle zu unterschätzen. Offenbar zu Unrecht. Müller-Claudius hat in seinem Buche „Die deutsche Rassenangst" darüber beachtenswerte Dinge gesagt. Das dritte Buch, „Antisemitismus als Reaktion", beginnt mit den Worten: „Es könnte scheinen als fei der Verfasser der Meirung, nichts sei am Antisemitismus schuldloser als das Judentum; als sehe er es in der Rolle des armen Lämmchens unter die Wölfe gefallen, als schreie seine Schuldlosigkeit zum Himmel, der durch nichts anderes als durch die fürchterlichsten psychischen und moralischen Leiden dieses Volk auserwählt hat und zu nichts es dauern lasse als um einen Maßstab für die Bestialität der Nationen zu haben. Nun, scheint es so, so scheint es falsch." Zweig nimmt die deuffchen Juden nicht minder scharf unter die Lupe als das antisemitische Phänomen. Er glaubt in wohl etwas einseitiger Betrachtung, daß sich die deuffchen Juden ihr Leben nach außen fast ausschließlich von Feindschaftstendenzen der Umwelt haben vorschreiben lassen. Ihre Waffe in diesem Kampf sei die wirffchaftliche gewesen, die einzige, die man ihnen gelassen, ja aufgedrängt habe, das Geld. Sicher ist, daß die jüdische Seele ungeheuer unter dem Drucke der Umgebung geschädigt worden ist. Niemand hat das Recht, die Juden darob anzuklagen, in einer Welt, die „vier Jahre lang ganze Länder mit Raub und Gewalttaten ausgeplündert, verheert und zerstört" hat. „Wir aber messen hier den Juden an dem Maßstab, den er selbst in die Welt gebracht hat, an den Satzungen sittlich religiösen Lebens, die er gelebt hat." Vor diesem Maßstab allerdings muß er heute versagen. Indem Zweig auf die durch den Antisemitismus verengerte Wirkungsmöglichkeit des deuffchen Juden hinweist, legt er den Finger auf eine offene Wunde. Nicht nur daß viele Wirtschaftsgebiete verschlossen sind, jede kulturelle Ausgabe ist dadurch, daß Juden für sie eintreten, in den Augen eines gewissen Publikums sofort eine jüdische Sache und damit eine schlechte Sache geworden. Dies gilt nicht minder auf dem Gebiete der Politik. Mit Recht wird hier von einem „tragischen Sozialisten" gesprochen und auf Landarmer verwiesen. Dies gilt in gleichem Maße für den „demokratischen Juden": man denke an den Namen Preuß. Die deuffchen Juden samt und sonders sind Afsimilanten. Dies ist bei den Zionisten ebenso sehr als bei den deuffchen Juden der Fall, wenngleich die Bezeichnung „Afsimilanten" in verächtlichem Sinne gebraucht wird. Mit Recht wird hier bemerkt: „Und si./d unsere national-jüdischen Bürger, die Nationalisten chauvinistischer Observanz, die Zionisten der Ortsgruppen, die jüdischnationalm Akademiker, die wandernden Jugendbunde, hervorgerufen vom Wandervogel, die Literaten deutschen Uffprungs mit jüdischen Stoffen, Tendenz, Worten, vielleicht weniger assimiliert als die Afsimilanten? Von Wilna aus betrachtet ist der Schattierungsunterschied redlich komisch." Zweig richtet an die Juden der Welt Israelitischen ftanen-Vereins le. V.j von 1830!

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