Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 8 (1.5.1928)
- Article
- Über Rathenau
- Date
- 1928-05-01
- Page
- Seite 119 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 8 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 119 öffnet die Augen; ist es ein Mensch, so leben wir in ihm, ist es die Natur, so lösen wir uns hin und werden in ihr geboren." Jeder Schöpfer schuf sich eine Welt, Michelangelo ebenso wie Nietzsche, der in Qual und Not verstrickte hilflose Mensch gibt sich ein nie erreichtes immer ersehntes Ziel, bei Rathenau das Reich der Seele, der Liebe, geheißen; hier das Ich in bedrückendfter Einsamkeit gefangen, mißverstanden und getrennt von allen — dort die Liebe, der Wille aufzugehen in die Gemeinschaft, solange noch Glaube an die Menschen auch nur in Spuren besteht, oder das extreme Verlangen nach endgültigem Erlöschen, nach dem Nichts, dem seligen Nirwana. Mehr aus dem Charakter als dem Geist kam Rathenaus Eigenart, innerlich von ganz künstlerischer sensibler Natur, aber gegen die Umwelt, gegen das Außen von betontem, unnahbarem Herrentum. Unter der Schutzmaske der Distinktion, des wohlgewahrten Abstandes, einer bewußten Korrektheit und Förmlichkeit verbarg er ein Inneres, das nur allzuleicht zu verwunden war. Es war schwer, diese gewollte Distanz zu überwinden. Adel im schönsten, schwermütigen Sinne hatte sie errichtet, das Bewußtsein von der Fremdheit der Menschen untereinander, von der Unmöglichkeit wirklichen gegenseitigen Verstehens — gewußt von dem Manne, der die verbindende Liebe predigte, — ließen ihn unter peinlich gewahrten Formen sein Inneres verbergen. „Vornehmheit heißt Entsagung" steht in seinen ungeschriebenen Schriften. Als mehr von außen herangetragen, aber dennoch vom eigenen Geiste durchkämpft, erscheint die Problematik um das Verhältnis von Deutschtum und Judentum. Von der deprimierenden Erkenntnis, „daß der Jude in Deutschland als Staatsbürger zweiter Klasse geboren werde" bis zur lebendigen segensreichen Vereinigung der beiden Kräfte ging der Weg durch Anfeindung und Beschimpfung, durch Schmähung und Beschuldigung. Rathenau löste das Dilemma nur im Geiste: „Auf ihn komme es an, nicht auf das Blut." Ihm verband alle Europäer das Christentum, das ihm höchst entwickeltes Judentum bedeutete. Durch seine Vorftellungswelt sei alles Europäische geformt oder beeinflußt, ob bewußt, ob unbewußt. Daß die Gegenpartei nicht so empfand, zeigt die Hetze, die man gegen ihn als Juden führte. Von der großen Erkenntnis und Erfahrung feines reichen Lebens zur lächelnden Resignation gebracht, schenkte er ihr keine Beachtung. Nie hat er persönliche Angriffe nur eines Wortes der Erwiderung gewürdigt; es galt ihm immer nur das Sachliche als wichtig. Daß er aber wohl wußte, wie die realen Kräfte gelagert waren,, daß er den Blick für die weltliche Wirklichkeit nicht so verloren hatte, um zu glauben, große Spannungen, die eben doch aus tiefem Anderssein entspringen, könnten durch rein geistige Erkenntnisse aufgehoben werden, bezeugen Äußerungen, aus denen die klare Voraussicht seines Schicksals spricht. Tatsächlich wurde auch der Jude, nicht der Genius, ermordet. Damals starb ein Mensch, der mehr war als ein Denker, mehr als ein großer Wirtschaftler. Zwecke des Materiellen, die Erkenntnisse im Geistigen vereinigte er gleicherweise, sich hingebend an die Zeit, umspannte er Ewiges. Es wäre müßig, einzig die vielen Gegensätzlichkeiten dieses Lebens als sein Schema zu konstruieren; es wäre falsch, dessen Sinn nur in einem bestimmten, umschreibbaren Begriff zu suchen. Ein Mensch eben dieser Gegenwart, geboren in spezielle Umstände, begnadet mit einem großen Geschick, einem tragischen Ende zulebend, groß und gütig in Gedanken und Taten, war er der Genius, wie diese Kultur der späten Großstädte ihn hervorzubringen vermag. „Geisteswellen, die Energieformen der Ewigkeit" gehen von ihm aus. Aufs Irdische übertragen gilt für ihn Spinozas Wort: Der menschliche Geist kann mit dem Körper nicht vollkommen aufgelöst werden, sondern es bleibt davon etwas übrig, das ewig ist. (kden8 llumana non potest cum corpore ab8oIute de8trm sed eius aliquid remanet, quod aeternum est.) Der Zusammenbruch der Wissenschaft - Von Dr. Ludwig Freund, München Hugo D i n g l e r, der bekannte Münchener Physiker und Philosoph, ist der Verfasser des Buches „Der Zusammenbruch der Wissenschaft", welches 1926 im Verlag von Ernst Reinhardt in München erschien und sofort großes Aufsehen in der wissenschaftlichen und philosophischen Welt erregte. Bestimmte und naheliegende Gründe veranlassen uns, das Buch einer Würdigung zu unterziehen. Nicht etwa, als ob dies Werk im engen Nahmen einer kurzen Besprechung überhaupt in seinem entscheidenden Werte „gewürdigt" werden könnte. Es ist viel um das Werk und seinen grundlegenden Gedanken gestritten und geschrieben worden. Es hat Lob und Tadel, begeisterte Anhängerschaft und ernste Kritik gefunden. Ob es bisher überhaupt in seiner tiefsten Bedeutung verstanden worden ist, ob es in den leidenschaftlichen Kämpfen unserer Zeit, die gerade das geistige Gebiet erschüttern, verstanden werden konnte, das ist und bleibt — vorläufig wenigstens — eine offene Frage. Man kann vom streng methodischen und erkenntnistheoretischen Standpunkte aus gewiß manche Einzelheiten der Gedankenführung kritisieren. Solche Kritik aber vermag den Grundgedanken der Arbeit kaum zu erreichen. Dinglers Buch ist die ernste Mahnung eines mit weiten historischen Kenntnissen und tiefem Verständnis für seine eigene Zeit erfüllten Wissenschaftlers. Sein Thema ist die Schilderung der Unzulänglichkeit wissenschaftlicher Forschungsmethoden, soweit sie rein theoretisch begründet und gesichert sind. Er schildert den Zusammenbruch der antiken Philosophie, die ganz aus Mitteln der Theorie leben wollte. Auf der Suche nach dem letzten Wahrheitsgrunde, am Geltungsproblem mußte sie zerschellen. Denn Theorie zehrt sich selbst auf, wenn sie nur auf Theorie und immer wieder auf Theorie fundiert ist. Es gibt keine Theorie, an der nicht irgendwoher kommend der Zweifel nagt. Und der Zweifel wird jede Theorie schließlich zerfressen, wenn sie nicht irgendwie außertheoretisch verwurzelt ist. In der Gegenwart erleben wir den Zusammenbruch des neuen Weltbildes, das die abendländische Menschheit entwarf. Überall, in der Philosophie, Pbysik, ja sogar in der Mathematik sind grundlegende Begriffe ins Schwanken geraten. Dingler zeigt in meisterhafter Kulturkritik die naturnotwendige Entstehung dieser Krisis aus dem Geiste der wissenschaftlichen Arbeit, aus dem Bemühen, absolute Geltungsmaßftäbe für die Wahrheit aus den Mitteln theoretischer Konstruktion herzustellen und unerschütter-