Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 8 (1.5.1928)
- Article
- Über Rathenau
- Date
- 1928-05-01
- Page
- Seite 118 (sequence 2)
- Language
- German
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118 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 8 Schöpfung des niederen „Furchtmenschen" war, der die zwecklose um ihrer selbst willen geschehende Tat - geboren aus dem Geiste des edlen „Mutmenschen" — pries. Der in allen seinen Schriften als höchstes Ziel menschheitlicher Entwicklung das zweckbefreite „Reich der Seele" zu erweisen suchte. Die Mechanisierung der Gegenwart (dies oft gebrauchte Wort stammt übrigens von Rathenau) bedeutete ihm daher nur Übergang und Prüfung. Hervorgerufen durch riesige und rasche Bevölkerungsvermehrung zusammen mit späterer. Umschichtung innerhalb der Völker war sie ihm keineswegs an sich schlecht, wenn ihr auch „alles nur Mittel, nichts Selbstzweck" ist. Nur weigerte er sich, sie als Spitze der historischen Entwicklung anzusehen; besonders der Zustand der wilhelminischen Epoche ließ ihn die Worte schreiben: daß „die menschliche Gemeinschaft nicht eine Zweckvereinigung bedeutet, sondern eine Heimat der Seele", und „diese Aufgabe und Schikkung das Reich der Seele zu gewinnen aber spricht sich aus als eine Not wie alle Menschheitsschulung". Ja, er redet noch so oft und eindringlich von diesem seelischen Sinn menschlichen Daseins, daß man füglich fragen darf, ob eine so starke Betonung nicht bloße Reaktion eines enttäuschten Gemütes auf eine kalte Umwelt sei. Sie wird aber, dünkt uns, sinnvoller und ihrem Wesen nach bester erfaßt, wenn wir sie dem Gesetze von Rathenaus innerer Gegensätzlichkeit unterordnen. Der Zweckmensch postuliert die Suprematie des Seelischen. Mitten im Kampf des Alltags kommt aus einer tiefen Sehnsucht — die auch nur eine Spannung ausdrückt, übertragen ins Gefühl — das Bekenntnis, daß „alles irdische Handeln und Zielen in dem einen Sinne seine Rechtfertigung findet: in der Erfüllung der Seele und ihres Reiches". Reinsten Ausdruck aber fand diese Tendenz, in der sich jüdischer Messianismus in einer neuen Form erkennen läßt, in Bayerische Vereinsbank Niederlassungen an allen größeren Plätzen Bayerns rechts des Rheins Stahlkammern Vermietung von Schrankfächern. Aufbewahrung geschlossener Depots Individuelle Beratung in allen Vermögensangelegenheiten dem fast prophetenhaften Wort: „Über der kommenden Zeit steht die schwere Erkenntnis, daß wir nicht zum Glücke streben, sondern zur Erfüllung, daß wir nicht um unsertwillen leben, sondern um des Gottes willen." Die umfastende und tiefe Persönlichkeit Rathenaus durste auch Gedanken ihrer eigenen Vernichtung erleben und aussprechen. Sicher waren ruffische Einflüffe und die indische Metaphysik Schopenhauers wirksam; aber die psychische Voraussetzung zum Umfasten und Bekennen dieser Anschauungen — denen als höchstes Ziel erscheint das Individuum aufzulösen und zu vernichten oder, irdisch, es in jene liebende Gemeinschaft einzuordnen, in der der einzelne verschwindet und seine entselbstete Existenz nur im Dienste des Gesamtorganismus führt — diese psychische Voraussetzung war zweifellos gegeben in einer ursprünglichen dämonischen Liebe und Sucht zur Vereinigung und Verschmelzung der leidvollen Gegensätze und darüber hinaus zur Auslöschung und Vernichtung alles Persönlichen. Wie viele Große vor ihm, so erlebte Rathenau das ewige, unerfüllte Sehnen nach Erlösung vom Ich und Befreiung von nichtdurchbrechbaren Schranken. In diesem Sichhingeben an die Ideen vom Leid, vielleicht von der Urschuld, aller Individuation, die jedes tiefgegründete Denk- und Religionssyftem zumindest berührt, zollt er Tribut dem naturnotwendigen Pessimismus, der jeden Wahrhaften erfüllen muß, gelangt er zu den letzten Fragen unseres Geistes. Aber er läßt es sich nicht genug sein mit einem metaphysischen Aspekt; das Erkannte wird in Erde und Geschichte verwurzelt, und so prophezeit er der Menschheit die Entwicklung zum neuen, überpersönlichen Kollektiv-Ich zum Reich der Liebe und der Einheit. Sein persönlichstes Werk verficht diese Thesen, die „Mechanik des Geistes". Die hohe Betrachtungsweise und Universalität dieses Buches würde allein Rathenaus Leben rechtfertigen. Immer wieder seine wenigen Grundsätze ausführend, abwandelnd, an Beispielen erläuternd: von der Mechanisierung und ihren Gründen, vom Streben nach dem Reich der Seele und verwandten, baut er auf die Fundamente erkannter und gefühlter Wahrheiten seine neue Welt. Kongeniale Einfühlung ist gerade für dieses Werk erforderlich, leicht ist es mißzuverftehen, falsch zu deuten. Nicht mit der bloßen Logik des Verstandes will es gelesen werden, sondern aus Erfahrung des Lebens, aus der Reife unbeweisbarer Einsichten. Erft dann ist Kritik möglich. Sie verstummt aber, wenn begriffen wird, daß hier nicht die Methoden der Naturwiffenschaften anwendbar sind, sondern die Folgerungen dieses Werkes, wenn auch abgeleitet aus realen, beweisbaren und empirisch erfaßbaren Vorgängen, auf anderer Ebene liegen, gewonnen durch oft mißbrauchte, hier aber glücklich und bedeutend angewandte Intuition. Die Liebe wird als Ziel der Entwicklung erblickt, sie ist der Inhalt des neuen Seelenreiches, an besten Schwelle der Mensch steht. Zurück liegt das Gewordene, die Bahn vom Einzeller zum homo sapiens, zum Organismus des Individuums. Vor ihm das neue Kollektiv-Ich, wo dieses nur eine Zelle sein wird, der Kollektivgeist, in dem sich die Liebe erleben wird, gleichzeitig mit dem Erwachen der Seele im Ich — das als solches natürlich noch besteht — durch dieses Erlebnis. Vier Wege hat der Mensch zu diesem Ziel: den des Leidens, den des Schweigens, den der Betrachtung und den des Glaubens. Dann geschieht das Wunder: „in eben dem Augenblick, wo Liebe uns ergreift, zum Menschen, zur Gottheit oder zur Kreatur, löst sich jede Spannung des eigenen Wollene; wir sind nicht wir selbst, und sind doch zum ersten Male wahrhaft wir selbst, wir leuchten, und mit uns die Welt, in einem neuen Lichte, dagegen ist alles Denken und Begehren ein vergessener Schatten. Ein neus Bewußtsein und ein neues Begreifen