Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 8 (1.5.1928)
- Article
- Jüdische Buchmalerei im 18. Jahrhundert
- Date
- 1928-05-01
- Page
- Seite 117 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 8 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 117 eines Künstlers. Z'bi Hirsch, Sohn des verstorbenen R. Bezalel aus Lemberg hat es im Jahre 1738 unter der Regierung Karls (VI.) mit zierlich hervorgehobenen Initial-Worten und mit ganz eigenartigen Federzeichnungen geschmückt, die vom europäischen Kunftcharakter auffällig abweichen. In einem schmalen Streifen sehen wir sagenhafte Tiere miteinander kämpfen, eine Darstellung, die ohne jede Bezugnahme zum Text eingefügt ist, während zum Neumondssegen, der junge Mond und der Vollmond als erklärende Zutat erscheinen*. Diese interessante Arbeit führt uns auch die kulturgeschichtlich wertvolle Tatsache deutlich vor Augen, wie gelehrte und kunstverständige Männer aus den von inneren Kämpfen beunruhigten polnischen Landen sich nach dem Westen wandten und damit ihre eigenartige Kultur auch unter den deutschen Juden verbreiteten. Daß aber neben den geübten Künstlern auch Schreibenskundige ohne besondere zeichnerische Schulung sich an die Verzierung der von ihnen gefertigten Handschriften machten, lehrt uns die sehr primitive, aber dennoch nicht reizlose Th'phillah von Kriegshaber, die vom dortigen Vorsänger und Beglaubiget Nathan (Note) Sternburg, Sohn des R. Nastali Hirsch herrührt und im Jahre 1748 entstand. Die künstlerische Ausgestaltung der Handschriften mußte natürlich mit der größeren Verbreitung und Verbilligung des Druckes immer mehr in den Hintergrund treten. So ist es kein Wunder, daß immer seltener der beschaulichen Muße und dem heiligen Eifer solcher Buchschreiber sich Gelegenheit zur Betätigung bot und, daß die Objekte der Zierschrift immer gering- 4 Abbildungen in Jüdisches Lexikon, Band I, Spalte 769/770. fügiger wurden. Damit ging aber auch eine Kunstart zu Grunde, die wegen ihrer Eigenart und wegen ihrer Träger mit vollstem Recht „jüdisch" genannt werden darf. £jggÖj§jy| tihz'h MN NM ' ur6r?|] Abb. 10. Hausgebetbüchlein: Reisegebet Prioatbesitz: Herr Geh. Justizrat Dr. B. Meyer, München Über Nathenau Von Manfred Heß Selten ist das Schicksal von solcher Unerbittlichkeit, selten auch der Mensch von solcher Größe und Würdigkeit, daß sich die in jedes Leben zu innerst gelegte Tragödie vollendet. Der Religiöse erlebt sie beständig als Zwiespalt zwischen dem Heiligen und der Welt, der Denker als Diskrepanz von Idee und Wirklichkeit, der Künstler als die schmerzliche Einsicht von der ewigen Unerfüllbarkeit des Ideals, aber nur zu Ende gelebt wird aus diesen geistigen Schmerzen das Große geboren. Wenigen wird die Gnade und Sendung zuteil, aus dem Leid und dem Kampf ihres Lebens den großen Lohn zeitlosen Beispiels zu gewinnen; Rathenau ist unter ihnen. Das Wesen einer solchen Gestalt völlig zu erfassen, genügt, wie bei allem Lebendigen, nicht eine psychologische oder historische Formel. Aber es ist charakteristisch, daß sich im Bedeutenden viel deutlicher ein gewisses einheitliches Prinzip — vor allem von den späteren Betrachtern — erkennen läßt, daß das Bedeutende einem immer sichtbarer werdenden Sinn zulebt im Gegensatz zu dem Gemeinen, das mit dem Tag sich ändert. Das „Gesetz, nachdem es angetreten", erfüllt sich mehr und mehr im Laufe des großen Daseins. „Unsere Naivität" sagt Rathenau mit anderen Worten, „strebt zum Absoluten, und aus diesem Streben, gebrochen an unserer Endlichkeit, entsteht das Persönliche"; wobei als Absolutes von jedem wieder ein anderes gedacht oder gefühlt werden kann, insgesamt man es aber als eine Mischung aus Sehnsucht nach dem Göttlichen und unerfüllten Wünschen entstehen sieht. Nach diesem selbftgeschaffenen Bilde zustreben, das seine Gültigkeit durch seine in allen Zeiten sichtbarwerdende Notwendigkeit beweist, um Annäherung an dieses Ideal zu ringen - obwohl es proportional unserem Näherkommen fernerrückt — ist eingeborene Aufgabe des menschlichen Geistes. Und gerade die aus diesem Kämpfen und Wollen zwischen Mensch und Gott entstehende Spannung ist das lebenschaffende Prinzip, es ist der Segen des Gegensätzlichen, der sich darin erfüllt. Welt und Absolutes, Mensch und Gefordertes: das sind Urformen der schöpferischen Polarität, jener Kraft, die wir fast immer in den Trägern höchftmenschlichen Geistes wirken sehen. Und gerade bei Rathenau erreichte sie eine Stärke und Macht, daß uns dieses Prinzip des zeugenden Gegensätzlichen beinahe als die Konstante seines Geistes und Lebens erscheint; so sehr, daß daraus der Sinn seines Daseins deutbar ist, wie er ja selbst — in anderem Zusammenhang — schrieb: „Erkennen heißt Polaritäten aufdecken." Am auffälligsten ist in seinem Leben der Zwiespalt von Gedanke und Tat, ihm oft zum Vorwurf gemacht, von ihm selbst als unrichtig und oberflächlich bezeichnet. Nach außen sichtbar und die materielle Tätigkeit feine Tage füllend, diente er lebenslang den gegenwärtigen Zwecken, ein mächtiger Herr im Reiche der Wirtschaft und Technik. Der Erbe seines großen Vaters, des Begründers Deutscher Elektrischer Großwirtschaft, hatte er eine hohe industrielle Tradition fortzuführen. Später selbst an der Spitze der A.E.G. stehend, war er völlig umgeben von der Atmosphäre zweckbestimmten Tuns. Er — dem der Zweck eine