Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 7 (15.4.1928)
- Article
- Denkwürdige Überreste der alten Judengemeinde Rothenburg o. d. T.
- Date
- 1928-04-15
- Page
- Seite 103 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 7 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 103 5. Monats des 6. Jahrtausend (12. Aw) hörte jede Freude auf und am dritten Tag kam Befreiung, so möge denn kommen mein heiliger Erlöser. Amen Amen Amen? Am oberen Ende der Iudengasse, am weißen Turm, finden wir das ehemalige Iudengafthaus. Die Innenräume sind wohl 4 In Salfeld Martyrologium S. 186, 191 wird nach dem Mainzer Memorbuch zitiert, daß die Tage des MordenS der 14. TamuS 5058 (1298) sowie der 10., 11. und ein Teil des 12. Aw 5058 waren. Auch der nsaa (Befestigung),. in die sich die Juden gerettet und heldenmütig verteidigten, wird erwähnt. Der Unterschied im Datum zwischen 14. TamuS im Mormorbuch und 19. TamuS kann sich durch einen Abschreibefehler erklären. Vielleicht ist daö ,,'L'Lin itsnV-T’ ’&Si'n M'2i" eine Andeutung auf das im Memorbuch erwähnte Datum des 10., II. und einen Teil des 12. Aw, also auf das fast drei Tage dauernde Morden. Allerdings besteht noch eine Differenz, da der Stein doch scheinbar sagen will, daß das Morden erst am 12. begann, da am 12. Aw die Freude aufhörte und am 3. Tag die Befreiung kam. Ferner geht aus dem Memorbuch hervor, daß alle Juden ermordet wurden, während hier.doch von einer Befreiung die Rede ist, wenn man nicht 'trenn unStr' — 'trsn setzt, wonach die Bedeutung etwa wäre, der Feind ließ die Stadt leer. Der Stein stammt wahrscheinlich aus der Zeit von 1300— 1349, da sonst auch die Märtyrer des Jahres 1349 erwähnt worden wären. So dürfte dieser denkwürdige Stein zugleich eine Bestätigung sein für die erstmalig von Salfeld aufgestellte Behauptung, daß diejenigen Blätter des Mainzer MemorbucheS, die merkwürdigerweise mitten in den Nürnberg betreffenden Teil hineingeraten sind und lange nicht eingereiht werden konnten, tatsächlich das Rothenburger Martyrologium darstellen. Ebenfalls eine Bestätigung für die Angabe des MemorbucheS, daß die Verteidigung der Juden in einer Befestigung im Jahre 1298 war und nicht wie Bensen (Geschichte von Rothenburg) und nach ihm Breßlau (Geigers Zeitschrift III) im Jahre 1349. Unter den Märtyrern befanden sich zwei berühmte Rabbiner, die in einer „Kinah" (Machsor Saloniki, Salfeld S. 34) beklagt werden. R. Mordochai Halevi und R. Meir Hakohen. Letzterer wahrscheinlich der Verfasser der „Hagohoth Maimonioth", ein Kommentar zu Maimonides Mischne Thora. Er war ein Schüler des Maharam und zitiert viele seiner halachischen Entscheidungen. ME :p Bild 6: Iudentanzhaus. 'EMM Bild 7: Relief über dem Kellerportal im Iudentanzhaus. nicht viel verändert, doch enthalten sie nichts eigenartig Jüdisches. Lediglich am Kellereingang im Hof ist als Krönung des Torbogens ein Relief angebracht, das das Gesicht eines Juden angeblich darstellen soll. Im Keller findet sich eine Nische in der Mauer, die in den Boden hinein sich vertieft und Grundwasser hält, eine andere Nische noch, die bereits verschüttet. Vielleicht sind es die Spuren eines Ritualbades? Diese spärlichen Reste einer großen jüdischen Kehillo sind gewaltig genug, um uns wehmütig zu stimmen. Sprechen doch aus ihnen die Qualen und Martern einer finstern Zeit. Wir sind ergriffen, wenn wir die Steine vor uns sehen, die in deutlicher Schrift uns Kenntnis bringen von einer weit zurückliegenden Zeit, da sie gestellt wurden zu Häuptern der Frommen, ein Denkmal zu sein für die ruhenden Gebeine. Wir sind hingerissen von der einfachen aber wuchtigen Sprache, in der der damalige Stifter des Gedenksteins an die Märtyrer zur Mit- und Nachwelt ruft. Wir wissen, daß wir an geweihter Stätte uns befinden, wenn solch beredte Zeugen zu uns sprechen. Hier auf dem „Iudenkirchhof" ruhen sie in dieser Erde, soweit noch nicht kultivierende Menschenhand für den Bau von Kanälen Gräber geräumt, all die Kedoschim und Frommen, deren Ruhestätten durch wüste Mörderhände bei der Iudenvertreibung geschändet, bis auf den heutigen Tag noch nicht wieder in Ehren gehalten werden können. Vielleicht finden sich bei Studium der Akten noch mehr denkwürdige Überreste früheren jüdischen Lebens in Rothenburg. Sind es aber auch nur die angegebenen, so genügen sie wahrlich, um einem jüdischen Wanderer dasjenige zu zeigen, was er als Jude gesehen haben muß, was er als pietätvoller Jude besucht haben muß, wenn er mit dem vielen anderen Großartigen und Seltsamen dieser Stadt ein geschlossenes Bild finden und um ein ganzes Erlebnis bereichert aus der Stadt des Maharam heimkehren will. 5 In Merz Geschichte von Rothenburg S. 38: „noch befinden sich in n Kellern die alten Bäder."