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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-03-15 · 5 (15.3.1928) · p. Seite 69

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
5 (15.3.1928)
Article
Die Juden in Bayern
Date
1928-03-15
Page
Seite 69 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 5 Bayerische Israelitische Gemeindezetrung 69 in der Nähe der Stadt! Die Miete ist durchaus erträglich und nach Verlauf von Jahren — nicht selten fünfzehn Jahre — geht der Besitz in tatsächliches Eigentum über. Bisher haben derartige Ideen bei den Juden nur geringen Widerhall gefunden. Neben der Rückkehr zur Natur — soweit es für die Juden unter den obwaltenden Verhältnissen möglich ist — bedarf es einer Erleichterung der jungen Juden zur Exiftenzgründung, damit das Frühheiraten die geziemende Bedeutung wieder erhält. Es ist ein unhaltbarer Zustand, daß zahlreiche, nach meiner Feststellung die meisten Großbetriebe, dem jüdischen Arbeitnehmer verschlossen sind. Einem Juden ist es heutigentags in Deutschland leichter, Direktor zu werden als einfacher Buchhalter, Portier, Straßenreiniger. Da die Wirtschaft immer mehr zu Großbetrieben sich entwickelt, die Kleinunternehmungen unaufhörlich zusammenschrumpfen, der Stand der Arbeitnehmer so ständig zunimmt, wird der Jude infolge der Nichteinstellung in das Wirtschaftsgetriebe von der sich anbahnenden Entwicklung außerordentlich in Mitleidenschaft gezogen. Ohne geregelten Erwerb keine Existenz, keine Familiengründung. Auch sei es den jüdischen Vereinen nahegelegt, der Geselligkeit die größte Aufmerksamkeit angedeihen zu lassen, um einen Gegenpol gegen die überhandnehmenden Mischehen zu schaffen. Jede jüdische Gemeinde sollte es als wichtige Aufgabe betrachten, ein jüdisches Heim als Zentralpunkt jedweder Unterhaltung des Wissens und des Vergnügens zu besitzen. Es gilt schnell zu handeln, um der ungünstigen Situation eine entscheidende Wendung zu geben. Das Bibelwort soll seine Wahrheit behalten: Völker stehen auf und vergehen, aber Israel bleibt ewig. Vom Kern der Religion von Dr. Artur Reichenberger (Jchenhausen bei Ulm) Eine Wahrheit ist nur dann Wahrheit, wenn sie allgemeine Gültigkeit hat. Gerade auf dem religiösen Gebiete hat es aber den Anschein, als gäbe es überhaupt kein Gemeinsames zwischen den einzelnen Konfessionen. Letzte Wahrheiten sollten aber doch allgemein gelten! Der moderne Mensch, der in religiösen Fragen oft nur wenig festen Boden unter den Füßen hat, würde aber vielleicht manchmal zu dem religiösen Gebiet eine stärkere Einstellung finden können, wenn er dies aus Überzeugung zu tun vermöchte. Die sogenannte „Aufklärung" in religiösen Fragen hat meistens nur Werte zerstört und geraubt, ohne dafür einen Ersatz zu bieten. Und so sind die meisten sogenannten modernen Menschen religiös haltlos geworden. Was dies bedeutet, zeigt sich erst, wenn es gilt, über irgendwelche Schicksalsprüfungen oder schwierige Lebenslagen hinwegzukommen. Da sehen wir dann oft plötzlich Verzagtheit, Angst, Unsicherheit, ja selbst Lebensüberdruß. Gerade solche Naturen aber wären mitunter sicherlich dankbar, wenn man ihnen einen Weg zeigen könnte, der sie aus ihrem seelischen haltlosen Zustand herausführt (haltlos ist übrigens auch jeder, der sich durch Vergnügungen zu betäuben sucht!). Die direkte Aufforderung, wieder orthodox zu werden, d. h. in die Formen der angestammten Konfession zurückzukehren, dürfte bei diesen Naturen völlig unangebracht und erfolglos bleiben. Es gilt, sich gerade auf diese Art Menschen einzustellen, wenn man ihnen dienen will. Man muß die Wege zur Religion überhaupt ebnen. Von da aus kann jeder zur Konfession weiterfinden. Hierbei müssen wir so voraussetzungslos wie nur irgendwie möglich bleiben. Manche Schwierigkeiten, die wir auf irgendeinem Gebiete finden, rühren nur daher, daß unsere Fragestellung eine unrichtige ist. So ist z. B. die Frage nach dem Wahrheitsgehalt der Religion, worüber z. B. ein interessantes Werk aus der Feder Rudolf Euckens existiert, letzten Endes solch eine unrichtige Fragestellung. Weshalb dies so ist, kann hier nicht weiter dargelegt werden. Nur soviel sei hier gesagt: In das Reich der Wahrheit fällt nur das, was wir nachprüfen können. Wo dies nicht der Fall ist, beginnt das Gebiet des Glaubens, das übrigens viel weiter in die Wissenschaft selbst hineinreicht, als meist zugegeben wird. Man hört mitunter die Ansicht vertreten, Religion sei etwas Überflüssiges. Man könnte auch ohne Religion leben. Ebensogut ließe sich sagen: Kunst ist entbehrlich, wir können auch ohne Kunst leben. Gewiß! Aber wie arm wird dann unser Leben. Wir wollen nun unter der einzelnen Konfession die geschichtlich gewordene Form verstehen, in der eine Gemeinschaft das Religiöse erlebt. Alle Konfessionen sind Versuche, das unfaßbar Letzte dieser Welt zu fassen. Aber — und das ist unseres Erachtens das Entscheidende! — nicht darauf kommt es an, ob ein Glaube „wahr" ist (was wir ja niemals nachprüfen können, soweit es sich um echte Glaubenslehren handelt), sondern darauf kommt es an, was uns unser Glaube seelisch gibt! Wo eine religiöse Form, z. V. das Beten, nur geistlos und ohne Überzeugung gehalten wird, da bleibt das Religiöse etwas Mechanisches, ja eigentlich etwas für unseren Geist geradezu Schädliches; denn nicht die Form, sondern der Inhalt unseres Glaubens ist das eigentlich Wertvolle, das unser Innenleben wesentlich formt. Worin besteht nun die Bedeutung, der eigentliche Kern der Religion? Um das Nachfolgende besser klarlegen zu können, sei folgende Unterscheidung vorausgeschickt: Die meisten Menschen meinen, ihr Leben sei bereits gesichert, wenn die wirtschaftlichen Unterlagen, ein gewisser Besitzstand in Gegenwart und Zukunft gesichert sei. Deshalb jene oft fast sinnlose Jagd nach Erwerb und Besitz. Betrachten wir aber unser Leben von höherer Warte aus, so sehen wir eine merkwürdige Verkettung von Schicksalen, die das einzelne Leben durchflechten. Und diese Schicksale durchkreuzen oft all das, was wir mit all unserer Besitzjagd für gesichert halten. Wer also nur auf seine Tüchtigkeit oder auf seinen Besitz usw. pocht, der wird in dem Augenblick hilflos, wo solch ein Schicksal ihm in den Weg tritt. Und worauf kommt es nun in solchem Falle an? In der Antwort auf diese Frage liegt die Lösung gar vieler Probleme; denn die ganze geistige Unsicherheit gerade in unseren Kreisen rührt daher (übertrieben betontes Selbstbewußtsein ist nur der Versuch, solche Ünsicherheit zn verbergen!), daß wir auf obige Fragen keine befriedigende Antwort wissen. All das, was wir mit innerer Unrast, Un- HAUS DER Q U A L I 7 ÄTSS TOPFE N. STARK & Cie. MÜNCHEN KARLSPLATZ 5 NÜRNBERG LUITPOLDSTRASSE 11 J

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