Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 5 (15.3.1928)
- Article
- Die Juden in Bayern
- Date
- 1928-03-15
- Page
- Seite 68 (sequence 2)
- Language
- German
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68 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 5 Der Rückgang in den Ortsgrößenklaffen unter 5000 ist in 2535, 1900: 3017 und 1925: 2504 Juden. Bis zum Jahre Tabelle II ganz besonders auffallend. So ist es erklärlich, daß 1867 war Fürth die größte jüdische Siedlung, wurde dann von die bayerischen Städte an jüdischer Seelenzahl trotz Abnahme München und Nürnberg verdrängt. Zur Klarstellung der Adder Gefamtjudenheit zugenommen haben. Es lebten in München Wanderung will ich im folgenden die Zahl der Juden in den einim Jahre 1897: 2884, 1900: 8739 und 1925: 10 068, .in zelnen Regierungsbezirken gemäß der VolkSzählungSergebniffe Nürnberg in den gleichen Jahren 1831, 5956, 8603, in Augsaus den Jahren 1818, 1840, 1867, 1900, 1910 und 1925 bürg 660, 1171, 1208 und schließlich in Fürth im Jahre 1840: demonstrieren: Regierungsbezirke 1818 Juden % 1840 Juden °/oo 1867 °/oo 1900 Guben °/oo 1910 Juden °/oo 1925 Juden °/oo Oberbayern 489 0,8 1528 2.3 2154 2,6 9076 6,9 11652 8,0 10790 6,4 Niederbayern 5 0.0 15 0,0 36 0,1 294 0,4 468 1,0 348 0,4 Pfalz 10470 23,5 15396 27,0 13042 20,8 10108 12,2 8998 9,0 7868 8.4 Oberpfalz 991 2.5 1061 2.4 1045 2.1 1472 2,7 1395 2,0 1181 1,8 Oberstanken 6286 16,1 6568 13,7 4129 7,7 3322 5,5 2946 4,0 2544 3,3 Mittelstanken 11816 27,3 11377 22,5 10522 18,2 13111 16,1 14219 15,0 13719 1.3 Unterstanden 16337 33,8 16451 28,8 14400 24,6 13641 20,9 11925 17,0 9879 12,9 Schwaben 6514 13,6 9891 12,9 14512 7,7 3904 5,4 3462 4,0 2834 3.3 i sgesamt: 53208 14,5 59288 13,8 49840 10,3 54928 8,9 55065 8,0. 49163 6.7 Teilweise sind die Bevölkerungsverlufte der bayerischen Juden aus Abwanderung nach außerbayerischen Gebieten, teilweise auf die unaufhörliche Abnahme der jüdischen Geburtenrate zurückzuführen. Im Jahre 1879 belief sich die Geburtenziffer der Juden auf 30%° (Gesamtbevölkerung 40°/oo), 192,5 kamen auf 1000 Juden nur 11,3 Geburten. Was bedeutet diese Zahl? Es empfiehlt sich, zum vollen Verständnis der Tragweite dieser Zahlen sich darüber Rechenschaft abzulegen, was die Zahl von 20 Lebendgeborenen als Geburtenziffer für ein Volk bedeutet. Da bei den Völkern Mitteleuropas die durchschnittliche Lebensdauer in den letzten Jahren vor dem Kriege ungefähr 50 Jahre betrug, so würden bei einer stationär gedachten Bevölkerung 20 Todesfälle auf das Tausend der Einwohner kommen und somit 20 Lebendgeburten zu ihrem Ersatz bedürfen, d. h. eine Geburtenziffer von 20 bedeutet nichts mehr und nichts weniger als die Zahl, unter die eine Bevölkerung von normaler Altersklassenbesetzung nicht sinken darf, wenn sie sich nicht vermindern soll. Bayern gehört zu denjenigen Ländern, wo mehr Juden sterben als geboren werden. Jahr Jüd. Geburten* Jüd. Sterbefälle 1881 1558 935 1913 689 686 1922 751 769 1923 721 719 1924 650 720 1925 583 746 Diese Entwicklung, die obige Aufstellung darftellt, ist anormal und denkbar ungünstig. Es scheint, als ob sre keineswegs nur vorübergehender Art ist, sondern eine Situation herbeiführt, die die schwersten Bedenken auSlöft. Seit Jahren tritt uns eine passive Bilanz entgegen. Daß hierbei auch die überhandnehmenden Mischehen keine unwesentliche Rolle spielen, bedarf wohl keines besonderen Hinweises. Denn durch die Zunahme der Mischehen werden immer weniger rein jüdische Ehen geschlossen. So muß * Die Zahl der jüdischen Geburten ist errechnet aus der Summe der Geburten aus jüdischen Ehen, der unehelichen Geburten von jüdischen Müttern und 20 Prozent der Geburten aus Mischehen. die Zahl der Kinder aus ihnen eine Minderung erfahren. Ferner wird nur eine verschwindend geringe Zahl der Mischlinge dem Judentum zugeführt (23 Prozent). An Mischehen zählte man im Jahrfünft 1876 — 1880 durchschnittlich jährlich 15, 1896 bis 1900 bereits 50, 1906-1910 56, 1922 116, 1923 108, 1924 93, 1925 79. Die Entwicklung will ich wiederum an einer Tabelle aufzeichnen. Jahr Jüd. Ehen Mischehen Auf 100 jüd. Ehen fallen Mischehen 1901 414 54 8 1910 507 55 15 1915 589 62 16 1922 512 116 24 1925 406 108 26 1924 252 95 40 1925 284 79 28 Die Nachkriegszeit bewirkte also nicht allein ein außerordentlich starkes Fallen der jüdischen Geburtenquote, sondern gleichzeitig auch ein unerwartetes Steigen der Mischehen, beides verhängnisvoll für den Bestand der jüdischen Bevölkerung. Stellen wir uns zum Schluß die Frage, wie der Entwicklung Einhalt getan werden kann, so glaube ich, daß die Situation mit der Zusammenballung der Juden in den Großstädten in engster Verbindung steht. Es wohnen bereits 43 Prozent sämtlicher bayerischen Juden in den drei Städten München, Nürnberg und Fürth. So möchte ich schließen mit den Gedanken, die ich in einer Abhandlung, die in der nächsten Nummer des Gemeindeblattes in Frankfurt a. M. erscheint, ausgesprochen habe. An eine Berufsumschichtung ist für die deutschen Juden in ihrer Gesamtheit nicht zu denken und so die Rückkehr aufs Land für die große Masse nicht angängig. Dennoch bedarf es zur Regeneration der deutschen Juden der intensivsten Verbindung mit der Natur. Die Großstadt trennt ja den Menschen vom Land. Er stirbt gleichsam ab. Man könnte auf die Durchführung des Wocheuendgedankens mit der Wochensiedlung auch in den jüdischen Kreisen mehr als bisher das Augenmerk richten, um zur Natur zurückzukehren. Auch die Heimstättenbewegung findet viel zu wenig Beachtung. Jedem sein Häuslein auf dem Lande,