Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 4 (1.3.1928)
- Article
- Werden und Wesen der jüdischen Mystik
- Date
- 1928-03-01
- Page
- Seite 58 (sequence 3)
- Language
- German
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58 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 4 Wenn der Mensch in die Vertiefung und Versenkung gelangt, so gelangt er in die Sphären, so dringt er von Sphären zu Sphären, durch zehn Sphären hindurch bis zur letzten Sphäre hin. Die Sphären hat man gegliedert in: Thesis, Antithesis, Synthesis. Gerechtigkeit ist die Thesis, Liebe die Antithesis, Erbarmen die Synthesis. In verschiedenen Büchern hat die Mystik ihren Ausdruck gefunden. So im Buch Sohar, Buch des Glanzes. Alle diese Bücher haben nichts anderes zum Ziel als die Erklärung der Bibel. Die Bibel versteht demnach nur, wer sie mystisch versteht. Im 16. Jahrhundert setzt die letzte dritte Periode der Mystik ein. Hier tritt die Inbrunst des Gebets in den Vordergrund. Wer betet, aber nicht um etwas betet, sondern betet um des Betens willen, der gelangt zur Unmittelbarkeit Gottes hin, von Sphäre zu Sphäre. Dieser Gedanke wurde zuerst ausgesprochen von Isaak Luria. Von ihm aus ist dieser Gedanke weiter gegangen. Er hat dann Aufnahme und poetischen Ausdruck gesunden im Chassidismus. Auch der Chassidismus ist in seinem Prinzip Lehre von den Sphären und von der Inbrunst des Gebetes, die durch die Sphären hindurchführt. In jedem Menschen ist, wenn nicht als Wirklichkeit, so doch als Möglichkeit das Gute. Darum ist kein Mensch böse. In allem ist etwas Göttliches, darum ist die erste Forderung des Chassidismus die Demut. Die zweite Tugend und Forderung des Chassidismus ist die Freude. Denn überall ist das Klingen und die Musik Gottes. Wer diese Freude hat, hat den zweiten Schritt getan zur Allgegenwart Gottes hin. Um zu dieser Demut und dieser unendlichen Freude zu gelangen, gibt es nur eines: Beten, Beten im glühenden Verlangen, Beten um des Betens willen zum Geheimnis hin, zur Versenkung hin, zum Göttlichen, das alles erfüllt. Nicht Jedermann ist diese Ganzheit gegeben, aber wenn sie ihm gegeben ist, so ist dieser die lebendige Thora. Er ist der Zaddik. Wenn ein Zaddik da ist, dann ist die Harmonie der Welt hergestellt. Jeder Mensch, der schlecht ist, stört die Harmonie. Wenn, ein Frommer, ein Mensch, der Ganzheit und Einheit ist, da ist, dann ist die Harmonie erfüllt. Sabbat ist im Chassidismus Ruhe. Nicht um zu rasten, sondern ruhen um der Ruhe willen, Ruhe im Geheimnis, leben um des Lebens willen. Nur am Sabbat findet daher der Mensch Einheit und Ganzheit. Nur wo der Mensch die Allgegenwart Gottes empfindet, ist Einheit, nur im Sabbat also, in dem der Mensch ein sabbatlicher Mensch wird, in Einheit und Ganzheit es empfindet, wie die Wurzeln seines Ich, die Wurzeln seiner Kraft, die Wurzeln des Menschtums das im Ebenbild Gottes geschaffen ist, ruhen und sich strekken in die Tiefe des Geheimnisses. S. Philon aus Alexandreia Am 15. Februar sprach im Rahmen der gemeindlichen Lehrkurse in der Vortragsreche „Die Geschichte des antiken Denkens in seinen Beziehungen zum Judentum" Dr. Willy Meyer über Philon. Aus Philons Leben wurde insbesondere die Teilnahme an einer Gesandschaft der Alexandriner zu Kaiser Caligula als bemerkenswert erwähnt. Darüber hat Philon selbst in einer eigenen Schrift berichtet. In Philons Metaphysik ist letzte Ursache Gott. Philon spricht zum ersten Male besonders scharf umrissen jenen Gedanken der negativen Theologie aus, der besagt, daß wir wohl Die ordentliche Mitgliederversammlung des Vereins Israel. Schwesternheim e. V. in München findet am Mittwoch, dem 28. März 1928 abends 8 Uhr im Schwesternheim, Hermann-Schmid-Straße 5/1 statt, wozu hiermit Einladung an die Mitglieder ergeht. Tagesordnung: 1. Jahres- und Kassenbericht 2. Entlastung der Vorstandschaft 3. Neufassung des Pensionsstatuts für die Schwestern Der Vorstand sagen können, daß Gott ist, nicht aber wer Gott ist. Die Physik Philons ist darauf eingestellt, zwischen Gott und der Welt Mittelwesen einzuschieben. Diese nennt er „dynameis". Bei Philon ist die Materie das Prinzip, das das Böse veranlaßt, das Hemmende. Zum Beispiel das Material des Kunstwerkes. Auf anthropologischem Gebiete lehrt Philon, daß die Empfindung das Mittelglied ist zwischen dem Stofs und der Wahrnehmung und der künstlerischen Vernunft, die den Stoff umgestalten will. Auf ethischem Gebiete vertritt Philon den Standpunkt, daß man frei von Affekten werden müsse, „apathia" (Überwindungsethik). Da jedoch, wo die Stoa an das Selbstvertrauen appelliert, appelliert Philon an das Gottvertrauen. Bei Philon beginnt die Entwicklung einer philosophischen Mystik. Jnsoferne läßt sich sagen, daß Philon, von dem der mystische Gedanke der Ekstase seinen Ausgangspunkt nimmt, wie jeder große Philosoph das gedacht hat, was seine Zeit als innerste Notwendigkeit brauchte. S. Ausstellung James Vieberkraut Im Monat Januar hat James Bieberkraut in der Galerie Paulus eine Reihe von Radierungen ausgestellt. Unter den Arbeiten fiel besonders die erst vor kurzem vollendete Mappe „Eine Wintersymphonie" auf, die die künstlerische Verarbeitung eines seelischen Erlebnisses im Rahmen der Winterlandschaft der Bayerischen und Tiroler Berge bringt. Die Folge Jntroduküon — Romanze — Sonate — Elegie — Nocaturno — Cantate — verrät schon äußerlich eine Haupttriebfeder dieses künstlerischen Schaffens: eine starke Musikalität. Diese Symphonie erklingt in den hinreißenden Akkorden winterlicher Vergespracht. Venediktenwand, Graseck, Leutaschtal, Reiterspitze, Oberleutasch, Raintal ziehen an uns vorüber, uns neue Einblicke in die Schönheiten des Bergwinters vermittelnd, ohne weiteres erkennbar gezeichnet von einem, der die Berge liebt. Auch sonst finden sich in der Ausstellung noch einige eindrucksvolle alpine Radierungen. Nicht minder jedoch ist der Künstler in der Welt des Südens zu Hause. Besonders fielen auf, „Zypressen" und eine Radierung von Capri. Wie hier über schmuckloser enger Gasse und Torbogen der Blick aus das weite Meer hinaus frei wird, ist ausgezeichnet empfunden und für jeden, der Capri gesehen hat, unvergeßlich. Erwähnt sei endlich das ganz reizende „Kind im Spiegel". Auch ein holländisches Motiv „Schiffe" zeigt'Einfühlungsvermögen und Können. Die Ausstellung als ganzes lieferte ein sehr eindrucksvolles Bild von der ernsten Arbeit und dem sicheren Können Bieberkrauts. S. Herr Geheimrat Professor Ritter Carl v. Marr, Akademiedirektor a. D., der international berühmte Münchner Maler, beging am 14. Februar seinen 70. Geburtstag. Anläßlich dieser Gelegenheit hat v. Marr dem Münchener Maler Herrmann Legall zu einem Porträt gesessen. vücberschau Der Morgen Die neue Nummer (sechs) der Zeitschrift „Der Morgen" bringt wiederum einige sehr interessante Aufsätze. Erich Stern gibt einen Beitrag „Zur Psychologie des jüdischen Kindes". Ausgehend von der alten Streitfrage: ist die Veranlagung oder das Milieu die Hauptmacht, die das Individuum formt? — führt er aus, der „Lebensrhychmus" des Juden fei ein anderer, als der seiner Umwelt, auch heute noch, und sucht die Ursachen hiefür zu erklären. In erster Linie hält er die Umweltverhältnisse bestimmend für die Prägung der heute vielfach als spezifisch jüdisch bezeichneten Züge und zwar hauptsächlich deswegen, weil die Menschen, mit denen der Jude zusammenlebt, ihm ganz anders gegenübertreten, als dem Nichtjuden. Der Jude steht immer und überall unter einem stärkeren sozialen Druck als der Nichtjude. Man begegnet ihm mit Mißtrauen und Haß und das Kind, das die Ursachen dieses Widerstandes, das Judesein, noch nicht kennt, leidet ganz besonders darunter. Es bezieht den Widerstand auf seine Person und kommt so zu Minderwertigkeitsgefühlen, die um so stärker sind, je stärker der Druck ist. Der Ausgleich für die Minderwertigkeitsgefühle ergibt sich dann' aus einem immer wachsenden Geltungsverlangen: Züge, die typisch jüdisch genannt werden, die aber nicht ererbt sind, sondern zurückzuführen aus die typische Lage des Juden, nicht München, Februar 1928