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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-03-01 · 4 (1.3.1928) · p. Seite 57

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
4 (1.3.1928)
Article
Werden und Wesen der jüdischen Mystik
Date
1928-03-01
Page
Seite 57 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 4 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 57 Es gibt auch unechte Mystik, welche künstliche Ekstase, ein künstliches Zentrum schaffen will. Diese künstliche Mystik gab es und gibt es überall. In Persien versuchen die Mystiker durch berauschende Getränke einen Zustand zu schassen, in dem sie der Welt entrückt sind. Der Persier trinkt nicht, weil ihm der Wein schmeckt, sondern um künstlich ein Mystiker zu werden. Andere wi^er versuchen das Gleiche mit Giften, Fasten, quälender Askese und wilden Tänzen. Das ist alles künstliche Mystik. Vom wahren Mystiker aber gilt das Wort „non nt, sed nascitur“! Er hat durch sein Organ den Zugang zum Geheimnis, er braucht keine künstliche Mystik. Es kommt ein Letztes noch hinzu. Jeder Mysterienübung ist es charakteristisch, daß sie durch ein bestimmtes Mittel zu dem Geheimnis hingelangen will. Der Mystiker aber kommt unmittelbar zu dem ewigen, einen Geheimnis, zu Gott. Dieses Unmittelbare ist für den Mystiker kennzeichnend. So mannigfach die Mystik auch ist, dies ist ihr gemeinsam. Es gibt verschiedene Arten von Mystik, mit vielem Gemeinsamen zwar aber ausgehend von verschiedenen Religions-und Weltanschauungen. Deshalb kann man nicht von einer Mystik schlechthin sprechen. Man unterscheidet eine Mystik des Buddhismus, Mohammedanismus, Katholizismus, des Judentums und so weiter. Sprechen führt vom Geheimnis eigentlich schon fort. Doch muß der Mystiker sprechen und zwar in der Sprache seiner Religion. Der Ausgangspunkt wird dem Mystiker durch seine Religion gegeben. So ist die Mystik atheistisch oder pantheistisch. Jede Religion und Weltanschauung hat ihre Mystik. Mystik des Judentums. Das Besondere an ihr ist Ausgang und Sprache. Der Ausgangspunkt ist ein zweifacher. Zunächst ist er ein soziologischer. Das Volk der Offenbarung war in seiner klassischen Zeit ein Volk des Bodens, des Ackerbaues. Erez bedeutet gleichzeitig Boden, Land und Welt, dies ist charakteristisch. Damals war der Jude ein Mensch des Geheimnisses, aber kein Mensch der Mystik. Für ihn ist das Geheimnis mit der Welt verbunden. Er geht nicht fort von der Welt, er verschließt sich nicht vor der Welt, darum ist diese Zeit des Ackerbaues die nicht mystische Zeit. Das änderte sich, als vom Boden losgelöste Berufe entstanden. Das steht man wieder an einem Wort der nachbiblischen Zeit für Welt: Olom-Ewigkeit. Was einst Ewigkeit hieß, ist jetzt Welt. Damit ist die Mystik möglich geworden nun ist Geheimnis das Unendliche der Zeit und des Raumes, nicht mehr gebunden an den Boden. Jetzt beginnt die Mystik. Auch religiöse Anschauungen und religionsgeschichtliche Vorgänge sind Ausgangspunkt der jüdischen Mystik. Gott suchen heißt, nach Gutem streben, Gott finden, Gutes tun. Als nun die Religiosität von der Erde wegzog, da konnte dieser ursprüngliche Begriff von Frömmigkeit nicht mehr genügen. Jetzt wollte sie von einer Frömmigkeit der Erde zu einer Frömmigkeit des Kosmos werden. Die ethische Frömmigkeit wurde zu einer kosmischen. Die Sprache ist das andere besondere Kennzeichen der Mystik des Judentums. Für das Judentum ist Gott der Transzendente. Das Judentum spricht den biblischen Namen für Gott nicht aus. Gott ist der Jenseitige und die Mystik im Judentum hat es nie unternommen, „die Hand an Gott zu legen", trotz mancher Ausschreitungen. Die jüdische Mystik war daher nie pantheistisch sondern immer atheistisch. Keine Welt ist zwischen dem jüdischen Mystiker und Gott, er selbst ist Welt, ist ein kosmisches Wesen. Der Mensch wird ins Unendliche gedehnt, zu Gott hin. Man könnte die jüdische Mystik als eine pananthropistische bezeichnen. Als die Mystik begann (1. bis 2. Jahrhundert), war sie zart, voller Scheu. Man will nicht von dem Geheimnis sprechen, nicht einmal zu zweit. Aber ein Mystiker, der das mystische Organ hat, darf mit dem darüber sprechen, der dieses Organ auch hat. Später wurde die Mystik im Judentum religiös möglich durch den Gedanken von der Gegenwart Gottes. Gott wohnt da, wo der Mensch und die Offenbarung Gottes zusammen sind. Durch diesen Gedanken hat die Mystik im Judentum gesiegt. Man hat die Bibel nun kosmisch aufgesaßt. Manche Irrwege der Mystik (Kabbala-Zauberei) gingen zwar daraus hervor, doch steht jetzt zwischen dem Mystiker und Gott nichts Weltliches mehr. Daraus ging die jüdische Mystik hervor. F. O. Die Mystik war von dem Geheimnis ausgegangen. Das tiefste Geheimnis, Gott, findet zweifachen Ausdruck. Zunächst in der Schöpfung Gottes, von dem ja auch der Mensch ein Stück ist. Zu den Geheimnissen der Schöpfung zu gelangen, war das Erste was diei Mystik versucht hatte. Aber aus Gott geht nicht nur die Schöpfung hervor, sondern auch das Gebot, das er gegeben hat. Das Gebot ist die Offenbarung des Ewigen, das Gebot ist aus Gott hervorgegangen. Wer zu dem Urgrund alles Geheimnisses gelangen will, für den ist der andere noch viel bedeutungsvollere Weg der, daß er in das Geheimnis des Gebotes, in den Urgrund allen sittlichen Tuns sich vertieft. Ein>e Mystik, die man als Erlösungsmystik bezeichnen kann, erkennt: In jedem Menschen lebt etwas vom Helden und etwas vom Verbrecher. Unglück kommt für den Menschen aus dem Willen. Der Mensch, der zum Übermenschen hinausstrebt, wird zur tragischen Persönlichkeit. Wer vom Willen losgelöst ist, ist auch losgelöst von der Welt, denn der Wille bindet den Menschen an die Welt. Fast überall hat Mystik Befreiung vom Willen zum Inhalt gehabt. Loslösung vom Willen ist Loslösung vom Ich, von der Persönlichkeit. Das Ich spricht immer ein Ja, auch wenn es Nein sagt, darum ist alle Mystik gegen das Ja, sie ist nihilistisch und will vom Ja loskommen. Diese Mystik erwartet die Erlösung davon, daß die ganze Welt zu sich selber dieses Nein spricht. Von dieser Mystik ist aber die Mische Mystik des Mittelalters verschieden. Sie will die Erhebung des Jchs ins Komische, in die Unmittelbarkeit Gottes hin. Doch welches ist der Weg hiezu? Man hat zunächst die Antwort gegeben, daß der Weg durch die Erfüllung der Gebote hindurchführt. Doch wann hat ein Mensch ein Gebot erfüllt, wann ist ein Mensch einmal diesen unendlichen Weg gegangen? Aus dem Suchen nach einer Antwort auf diese Frage hat die Mystik einen wesentlichen Teil ihrer Kraft geholt. Die Antwort, die gegeben wurde, ist: das Tun des Menschen ist ein Fragment, aber in einem ist ihm Ganzheit gegeben, so daß er v'cht Fragment, sondern Einheit ist. Wenn Jemand eine Tat mit garzer Kraft tut, dann ist ihm Ganzheit, Einheit gegeben. Wenn dem Menschen Ganzheit, Einheit gegeben ist, dann ist er in der Unmittelbarkeit des einen einzigen Gottes. Dies ist die Antwort der jüdischen Mystik. Diese Anwort hat mannigfache Variationen gefunden. Niemals hat die jüdische MysUk gewollt, was die sogenannte Erlösungsmystik wollte. Die Transzendenz Gottes wird festgehalten. Da zwischen dem Menschen und Gott etwas ist. so muß der Mensch, um zu der Einheit und Ganzheit zu gelangen, durch ein Medium hindurchgehen. Es muß doch etwas zwischen ihm und Gott sein. So hat die Frage, was zwischen Gott und dem Menschen ist, die Geister in der Mystik beschäftigt. Die Antwort lautet: Zwischen Gott und dem Menschen sind die Sphären. Die Sphären klingen und schwingen zur Gottheit hinauf. Diese Lehre von den Sphären hat schon die erste Periode der jüdischen Mystik enthalten. J'pemrastmsse 'm&ssi iximehnsThmiekls^^ Aass - Schneiderei. - Aodisches 'Beiwerk ,

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