Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 3 (15.2.1928)
- Article
- Martin Buber: Sein Gang in die Wirklichkeit
- Date
- 1928-02-15
- Page
- Seite 38 (sequence 3)
- Language
- German
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38 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 3 Tanz-Unterricht Lasskorn Pettenbeckstraße 5 am Rosenta! rosa heinzmann gesch. Fernsprecher 296487 4 Abende je 2 Ltd. Faschings-Schnellkurse rm. 12.— / Einzelstunden Jederzeit / ki. Zirkel V. rm. 3.- an Leiterin des Institut bis heute unerreichte Pädagogin / Auskunft u.Anmeldung täglich ab 10 Uhr morgens (auch Sonntags) und schweigsam im treuen, objektiven Tun zu leben. In BuberS „Verborgenem Licht" gibt es eine Anekdote, nein, viele Anekdoten, die von der Einfassung des mystischen Grundgefühls in den trockenen, fast harten Buchstaben des „Dienstes" handeln. So erzählte der Rabbi von Kobryn gerne die Antwort, die der General Howin dem Zaren Nikolaj gegeben hatte: „Der General war sehr alt und hatte fünfzig Jahre Dienst getan. Bei einem Manöver, dem der Zar beiwohnte, war er der Führer der einen Armee. Nikolaj ritt die vorderste Reihe ab und sprach den General an: ,Nun, bist rüstig, Howin, brennt dir wohl noch das Blut!' — .Majestät', sagte Howin, ,das Blut brennt nicht, der Dienst brennt?" Das Blut mit seinem Brennen bezeichnet hier die Stufe des privaten Erlebens, die Stufe der noch nicht vollzogenen Objektivierung. „Dienst" aber ist der hohe Begriff des in die Welt völlig eingebürgerten Menschen. „Dienst" bedeutet, daß fich einer in Reih' und Glied gestellt hat und nicht mehr aus persönlichen Erregungen herauslebt, sondern aus der Ordnung des Ganzen. Was tut der „diensttuende" Mensch? Er tut nicht das Ungemeine, das Auffallende, das ganz Besondere; er tut gerade die einfachste, wirklichste Pflicht, er tut im schärfsten Sinn das „Richtige", er ist vollkommen „gegenwärtig" und hat die begeisterte Fügsamkeit gelernt, durch die jedes Wesen am meisten zur Erfüllung des Weltschicksals beiträgt. Ich halte es für Bubers vornehmste Leistung, daß er die mystische Frömmigkeit aufgezeigt hat als einen Weg zum Wirklichen, und daß er diesen Weg selbst gegangen ist, in diesem Augenblicke Deutschlands und Europas. Mystik ist immer junge oder fich verjüngende Religion. Sie ist das Stadium ihrer Einschmelzung oder Umschmelzung. Sie ist zeitlich gesehen ihr lebendiger Augenblick, räumlich gesehen ihr lebendiger Ort. Da mystische Religion spezifisch Leben ist, führt sie unvermeidlich in das Leben - Bedingende, also ins Naturhafte, Geschichtliche und Einmalig-Wirkliche hinein. Buber, der Jude, entdeckte sein Volk als Erlebnisort Gottes. Da, wo wir Vereinzelte Volk sind, nur da ist die religiöse Erfahrung echt, unzweideutig und vollständig. So kommt Buber zu seinen Reden über das Judentum und zu seinen chassidischen Schriften. Aber da dies nur Begleiterscheinung seiner Konkretisierung ist, oder vielmehr: da in dieser Arbeit das Konkretwerden das Wesentliche ist, bleibt er gerade da, wo er am entschiedensten für fremdes Volk und Wesen steht, am deutlichsten der deutsche Sprecher, der deutsche Führer. Denn um nichts anderes ging es in dieser Weltstunde als um Verwirklichung. Am 8. Februar 1878 ist Martin Buber in Wien geboren. Als Knabe lebte er längere Zeit auf den Gütern seines Großvaters in Galizien und empfing hier die ersten Eindrücke von der ostjüdischen Sekte, die von dem Baalschem ihren Ausgang nahm, von dem Chassidismus. Von großem und nachhaltigem Einfluß war auf ihn die Persönlichkeit seines Großvaters, des berühmten Midraschforschers Salomon Buber. In den Jahren 1896 bis 1900 absolvierte Buber in Wien, Leipzig, Berlin und Zürich seine philosophischen und kunstgeschichtlichen Studien. In dieser Zeit wandte er sich dem Zionismus zu, 1901 war er Redakteur der von Theodor Herzt begründeten „Welt", aus dem 5. Zionistenkongreh trat er als Führer der kulturpolitischen „demokratisch-zionistischen" Fraktion hervor. Von 1906 bis 1916 lebte er seinen religionswissenschaftlichen Studien bei Berlin, von 1916 ab in Heppenheim an der Bergsttahe. 1923 erhielt er einen Lehrauftrag für jüdische Religionswissenschaft und Ethik an der Universität Frankfurt am Main. Von Bubers bedeutendsten Schriften führen wir an: „Zur Kenntnis des Chassidismus,,, „Die Geschichten des Rabbi Nachmann" (1906), „Die Legende des Baal Schein" (1907), „Ekstatische Konfessionen" (1908), „Reden und Gleichnisse des Tschuang Tse" (1910), „Drei Reden über das Judentum" (1911), „Prinzipielle Religionsphilosophie" (Vorbereitendes), „Daniel" (1913), „Zum jüdischen Problem" und „Vom Geist des Zionismus" „1915), „Die jüdische Bewegung" (erster Teil 1916, zweiter Teil 1920), „Völker, Staaten und Zion" — Antworten an Hermann Cohen (1916), „Die Rede, die Lehre und das Lied" (1917), „Ereignisse und Begegnungen" (1917), „Mein Weg zum Chassidismus" (1918), „Der heilige Weg" (1919), „Cheruth" (1919), „Der große Magid" (1922), „Reden über das Judentum" (1923), „Ich und Du", erstes Buch einer Gesamtdarstellung (1923), „Das verborgene Licht" (1924). Seit 1926 erscheint die von Buber und Franz Rosenzweig gemeinsam besorgte Bibelübersetzung. 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