Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 3 (15.2.1928)
- Article
- Martin Buber: Sein Gang in die Wirklichkeit
- Date
- 1928-02-15
- Page
- Seite 37 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 3 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 37 schehen in ihm entspricht. Es spiegelt sich in ihr die fortschreitende Vereinfachung durch das allmähliche Mächtigwerden der mystischen Frömmigkeit und das darauf folgende Hineinwachsen in alles Wirkliche, Leibhaftige und Gegenwärtige. Das echte Verhältnis zum Leib der Sprache gewinnt der Mensch (da er sich auf jeder Entwicklungsstufe nach allen Seiten hin gleichsinnig dokumentiert) erst dann, wenn er ein echtes Verhältnis zum Leibhaften überhaupt gewonnen hat. Buber sagt in der Vorrede zum „Verborgenen Licht": „Seit ich, vor zwanzig Jahren, die Arbeit am chassidischen Schrifttum begonnen habe, ist es mir um die Lehre und den Weg zu tun. Aber damals meinte ich, das sei etwas, was man auch bloß betrachten könne und dürfe; seither habe ich erfahren, daß die Lehre zum Lernen und der Weg zum Gehen da ist. Je tiefer ich es erfuhr, um so mehr ist mir diese Arbeit, an der sich mein Leben maß und vermaß zur Frage, zum Leid, und doch auch zum Trost geworden." Menschen, wenn ihr wüßtet, was es heißt, wenn ein Schriftsteller so etwas sagt! Was wir uns auch vorsagen mögen: wir sind doch alle erwachsen in einer Welt, wo mit keiner Sache der Einsicht Ernst gemacht, wo kein Wissen gelebt, kein erkannter Weg wirklich gegangen wurde. Wir haben Denkweisen und Glaubensweisen alter und neuer Zeit betrachtend genossen, und blieben doch Kinder unseres Säkulums, stumpf und unergriffen, Schauspieler und Koftümträger, verlacht von unserem eigenen Gewissen und doch vollkommen unfähig, uns aus dem anschauenden Genießen in ein tathaftes, echtes, „gemußtes" Leben zu retten. Wann und wo beginnt das neue, das zwanzigste Jahrhundert? Es beginnt nicht mit Jahr und Stunde, sondern es beginnt für jeden von uns mit dem Ereignis, das Buber in dem angeführten Satze angibt. Es beginnt mit dem Ernftmachen. Es beginnt mit dem Aufhören der Stumpfheit, mit der Erschütterung, mit dem Übergreifen der Einsicht in das Bereich der tatsächlichen Lebensentscheidungen, wenn es die Kraft besitzt, uns praktisch zu verpflichten. Buber hat als die geheime Idee seines, des jüdischen, Volkes die Bestimmung erkannt, die weltändernde, die verwirklichende Tat zu leisten. Judentum ist für ihn da gegeben, wo die Lehre „getan", wo der Wille Gottes verwirklicht wird. Er ist für die deutsche Gegenwart wichtig geworden, indem er diese Tendenz zur Verwirklichung den Zeitgenossen vorlebte. Sein ganzes Schrifttum hat ein Gravitieren zum Tun; es ist eine geheime Schwerkraft in seinen Worten, die zu Entscheidung und Wirklichkeit zieht. Wirklichkeit? Ist es nicht gewagt, von einer Tendenz zur Wirklichkeit zu sprechen bei einem Manne, der das grenzenlos weltdurchschweifende, unerlöst freizügige, ungeschichtliche, ja geschichtstötende Element der mystischen Frömmigkeit so stark in sein eigenes Leben zog? Ist das Mystische nicht aller Anbindung feind, ist es nicht eine Kraft, alles Wirkliche und Historische in lauter zeitlosem Licht zu ertränken, alle Gestalt im „Sinn" aufzulösen, alle Grenzlinien auszulöschen, alles Einmalige in ein seliges Überall und Nirgends hinabzutauchen? Kann eine solche Kraft des wunderbaren Zerstörens eine Beziehung zur Wirklichkeit besitzen? Buber erzählt im „Großen Maggid" eine Geschichte: „Wenn Rabbi Elimelech am Sabbat das Gebet der Heiligung sprach, mußte er von einer Weile zur andern das Zifferblatt seiner Uhr betrachten, um sich in der Zeit zu erhalten. Denn die Worte, die er sprach, zogen ihn mit Macht in die Zeitlosigkeit." Kommt hier nicht das Entraffende, das Entziehende der mystischen Frömmigkeit zum Ausdruck. Aber die behauptete Beziehung der Mystik zur Wirklichkeir besteht. Sie besteht in einem unerhörten, überwältigenden Grade, und selbst wenn sie dies nie erwiesen hätte: heute, in uns und unserem geistigen Weg, hat sie es so unwiderleglich erwiesen, daß wir nicht mehr daran zweifeln können. Mystik bezeichnet nichts als den Eintritt ins Wirkliche. Sie bezeichnet das Preisgeben der Illusion, das Erwachen zur Nüchternheit, das Aufwachsen zur Genauigkeit und Bestimmtheit, zur Gesetzlichkeit und Dringlichkeit aller Dinge. Erft von der mystischen Schau her ernüchtert sich die Welt bis auf den Grund. Alles Leben tritt in seine feste, bestimmte Form. Alles Vergängliche ist freilich „nur" ein Gleichnis; aber Gleichnis, das heißt faßbare Erscheinung des Einen und Unvergleichbaren, ist eben nur das Vergängliche. Deshalb ist Mystik der Durchgang zu einem neuen, unendlich vertieften Ernstnehmen der Welt. Sie geht in den Urgrund, um mit einer tiefen Erfrischtheit aller Kräfte erst recht in Natur und Geschichte hineinzugehen. Deshalb sieht man viele der Frommen, die Buber schildert, mit einer vertieften Liebe, ja Begierde in den Verhältnissen und Pflichten des Diesseits stehen.Mystische Frömmigkeit hat eine unabweisbare Tendenz, sich vom Subjektiven zu reinigen iar>sft*as$e 1 EsäSk iUH^- na cli 9üaji ßevSaivit Aeit u&ea 50 £fa(vten W'tijd- ^cnJßii £R.eyetui£bt<it Se&fe