Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 3 (15.2.1928)
- Article
- Sprachliches und Sachliches aus dem Talmud
- Date
- 1928-02-15
- Page
- Seite 36 (sequence 4)
- Language
- German
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36 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 3 kenSzeit, die der Erlösung vorangehen soll, deutlich genug angekündigt wird. „Groß ist der Tag, daß keiner ihm gleicht; eine Zeit der Not ist es für Jakob, doch soll er daraus errettet werden", das. 30, 7. Unmittelbar vorher stehen die Worte Tip"P D'jS «Brui „jedes Angesicht verwandelt sich in Blässe". Aus den Worten D’js P folgert R. Iochanan, daß dieser Tag auch die Himmlischen in Angst und Schrecken versetzt, und zwar aus dem Grunde, den er weithin ausführt: -pKs -s\“ ’T 'i' ntpys )hn r/'2pr, losr “yeo *Px yso „Jene sind meine Geschöpfe, Diese sind meine Geschöpfe, wie kann ich Jene vor Diesen ausrotten?" Man würde den Sinn dieser Worte verkennen, wenn man glauben wollte, daß hier das Mitleid mit der Heidenwelt — die Israel unterdrückt — mit einem Male in ganz unmotivierter Weise zum Vorschein kommt, als ob der Allgütige die tausendfach wiederholten Verheißungen seiner Propheten zurücknehmen wollte. So ist es nicht gemeint. Es spricht hier die 1'”"i n*iö und vom Standpunkt der strengen Gerechtigkeit muß man sagen: „Wenn sich Israel in ethischer und religiöser Hinsicht in keiner Weise von der heidnischen Welt unterscheidet, mit welchem Rechte sollen Jene zurücktreten müssen, um für Israel Raum zu schaffen? Wenn die Leidenözeit in durchgehende gründliche Besserung Israels herbeigeführt hätte, dann könnte die Frage 'hx ’Jsö i’px -dnx “nt gar nicht auftauchen; dann wäre es nur recht und billig, daß die *J*jn '»"my den 'Lny weichen müssen. Weil es jedoch — leider — nicht der Fall gewesen, weil die Leiden ihren eigentlichen Zweck nicht erfüllt haben, so daß rv'zpri sagen mußte “dnn “jx\“, deshalb wurden auch die himmlischen Scharen s. v. v. vom Schrecken ergriffen, weil sie sagen, daß trotz der vorhandenen Leiden die TiPiru verschoben werden mußte. Aus der Betrachtung schöpfte R. Iochanan die schmerzliche Überzeugung: nTsrps* Kpl Ti”. „Er wird sicher kommen, ich werde ihn jedoch nicht sehen."' ----- Wir wollen am Schluß den Kern des Gedankens wiederholen. Die genannten Talmudlehrer haben wohl für ihre Zeit die Leiden und Geburtswehen des meffianischen Zeitalters als bereits vorhanden angesehen; dennoch aber wiederholten sie, einer nach dem anderen, wehmütigen Herzens, ihr rr'jTnx an „wir werden ihn nicht sehen", weil die mangelnde Würdigkeit des zeitgenössischen Israels ihnen diese betrübende Überzeugung aufdrängte. Sie sprachen damit den Gedanken aus. den ihre Vorgänger im Lehramte, die Propheten, vielfach geäußert haben. Oft genug wiederholen sie daö Bild von den vergeblich erduldeten Leiden, denen keine Geburt folgte, wie es etwa Hosea, 13, 13 heißt: „Wehen einer Gebärerin kommen für ihn, er ist jedoch ein unweiser Sohn, denn (wäre er weise) so würde er zu dieser Zeit beim Durchbruch der Kinder nicht stehen bleiben." Wie oft mag sich das im Laufe der Zeiten wiederholt haben! Die Geschichte Israels im Golus ist ja reich genug an Leidensperioden, die nach Umfang und Intensität die Geburtswehen des messianischen Zeitalters hätten sein können, und wenn dennoch die Geburt des p"is Px’tt nicht erfolgte, so müssen wir annehmen, daß auf diese Zeiten das Wort des Propheten anzuwenden war ,tp^ ",'8 pdi es fehlte die Kraft zur Geburt, zur sittlichen Wiedergeburt, so daß die pin n"ü sprechen mußte: tVx iVn "qxx "nt Unsere Zukunftshoffnung beruht jedoch trotz alledem auf fester Basis! Sagt doch der Prophet: Für deine Mauern, Ieruscholajim, habe ich Wächter bestellt bei Tag und bei Nacht, die nicht schweigen, die unablässig ihre Mahnrufe an das israelitische Volk ergehen lassen, die dadurch auch den Ewigen erinnern an das, was er durch den Mund seiner Propheten verheißen: Ieruscholajim wieder zu gründen und es zu seiner Ruhmesstätte auf Erden zu machen." Vgl. Iesaias <52, <5. Daß es solcher Männer noch viele in Israel gibt, das ist unsere Hoffnung, darauf gründet sich unsere Zuversicht. Martin vuber: Sein Sang in die Wirklichkeit Zu seinem 50. Geburtstag von Wilhelm Michel In Martin Buber ist der Schriftsteller gegeben, der Führer wird, weil er am meisten Opfer ist. In Martin Buber lebt der Schriftsteller, der zum Sprecher wird, weil er der am meisten Angesprochene ist. Er hat mit einer nachdrücklichen, stillen Herzhaftigkeit gelebt. Er hat sich nicht geschont, sondern gebärdenlos aus tiefer Ergriffenheit das Rechte erduldet, gesagt und getan. Er hat gehört und gehorcht. Selten ist bei soviel gespannter, hingegebener Achtsamkeit soviel Aktivität und kühner Griff. Er hat ein Ohr für das Ewige. Er hat ein Ohr für die Zeit. Wenn er schreibt, scheint er immerDiktierteS nachzuschreiben. Ein tiefes Horchen ist in jeder seiner Niederschriften. Man weiß von ihm, daß er bis ins Letzte gehorsam sein wird. Er hat mit allem, was er hat, gedient. Er ist ein frommer, das heißt durch hörende und tätige Hingabe tüchtiger Mensch. Jeder hat einmal eins seiner Worte gehört. Er ist dem einen wichtig geworden als Chronist und Deuter * Aus der Schrift Martin Buber „Sein Gang in die Wirklichkeit" von Wilhelm Michel. Verlag Rütten & Loening, Frankfurt a. M. chassidischer Frömmigkeit. Er hat dem andern die durchheiterte, hochsommerliche Welt der Tao-Lehre des Tschuang-Tse aufgeschlossen. Er war unter den Ersten, die heute wieder die ekstatischen, begeisterten Stimmen des deutschen Mittelalters vernahmen. Er ist dann vorkämpferisch den Weg zum ewigen Jenseits der Mystik, nämlich zu einem neuen, gesättigten Asspekt der Wirklichkeit, weiter gegangen. So ist er in der Wildnis der tausend geistigen Möglichkeiten, die wir wie einen Wald durchwandert haben, vielen Irrenden zum Führer geworden. Er ist in dem Vierteljahrhundert seiner Arbeit untadelhaft den Weg des deutschen Geistes gegangen. Er gehört in vollstem Ernst zu den entscheidenden deutschen Sprechern dieser Zeit. Es gibt dafür vielleicht keinen besseren Beweis als das Deutsch, das er schreibt. Seine Bücher gehören sprachlich zum Edelsten, das die essayistische Kunst dieser Zeit hervorgebracht hat. Seine Sprache ist tastbar und leibhaft, zugleich aber von einer wunderbaren Transparenz für den inneren leuchtenden Gedanken. Es kann in Bubers Sprache eine Wandlung gelesen werden, die sehr wahrscheinlich dem großen geistigen Ge-