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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-02-01 · 2 (1.2.1928) · p. Seite 24

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
2 (1.2.1928)
Article
Die Weltreligionen und das Judentum
Date
1928-02-01
Page
Seite 24 (sequence 2)
Language
German
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24 Bayerische Israelitische Gemeindezeilung Nr. 2 men der Biographie als literarische Gattung. Auch die Autobiographie trat damals auf. Man wendet dem eigenen Seelenleben Aufmerksamkeit zu, die Psychologie wird geboren. . . Die merkwürdige Tatsache, daß „Apikaures", eine Bezeichnung für einen nichtfrommen Juden, von Epikur kommt, ist wert, etwas näher untersucht zu werden. Epikur lehrt, daß wertvoll ein Mensch wird, erst wenn er frei von der Gemeinschaft geworden ist. Diese Lehre mußte vom Judentum im innersten abgelehnt werden. In bezug auf die Staatsform hat der Hellenismus, der den griechischen Stadtstaat zerbricht, die Monarchie geschaffen und sogar die vergöttlichte Monarchie. Im Hellenismus zerfällt die Universitas litterarum. Die Fachwissenschaften kommen auf. An Stelle des Universitas tritt die Enzyklopädie. An Stelle des Dialoges tritt die Diätribe. Die Diatribe ist in Wahrheit ein Monolog, in dem die Einwendungen von dem Redner gewissermaßen selbst gebracht werden. Die Philosophie wird demokratisch und durch die Wanderredner verbreitet. Hier wird schon die Askese gepredigt. Wir sehen also bereits Vorläufer des Christentums. Die Götterwelt Homers wird allegorisch umgedeutet. Es werden die neuen Lebensanschauungen den alten Symbolen unterlegt. Durch die äußere Tatsache des Alexanderzuges kommen Hellenismus und Judentum zusammen. Der Hellenismus als solcher hat in der ersten Zeit des Bestehens Toleranz geübt. Die Juden haben sich in drei Arten gegenüber dem Hellenismus eingestellt. Wir denken an die Essäer, Sadusäer und Pharisäer. Die Saduzäer nennen sich nach einem Hohenpriester, also bereits eine sehr tiefe Assimilation, da sich eine jüdische Gruppe nach einem einzelnen Menschen nennt. Dies ist bereits die Einwirkung des hellenistischen Individualismus und Monarchentums, während das Judentum das Königtum von der Vergöttlichung zu bewahren sucht. Die Saduzäer haben gewisse Freiheiten vom Gesetz gestattet und sollen auch in dogmatischer Hinsicht sich vom Judentum entfernt haben. Wir besitzen allerdings keine saduzäische Quellenschrift. Den Saduzäern gegenüber stehen die Pharisäer. Die Pharisäer sind das jüdische Volk in seinen bewußten und kämpfenden Schichten. Travers Herford hat dieser Tage ein Buch über die „Pharisäer" geschrieben, das ein Hohelied des pharisäischen Judentums darstellt. Im Hellenismus gab es auch den Begriff des Weisen. Er bekam die Bezeichnung soter, mit einem beinahe göttlichen Charakter, die lebten vielleicht als Eremiten. Das Judentum verwirft das Eremitendasein. Einen dritten Weg gehen die Essäer. Sie gehen den Weg der individuellen Rettung. Sie wollen weder dem Griechentum verfallen, noch sich gegen das Griechentum zur Wehr setzen, sondern sich selbst retten. Darum sind allein die Essäer eine Sekte. Die Saduzäer sind Überläufer, die Pharisäer das jüdische Volk. Allein die Essäer sind eine Sekte. In der Entwicklung des Christentums können wir drei Stufen unterscheiden in den Männern: Christus, Paulus und Martion. Es ist sehr schwer, die Stellung Christus genauer zu umschreiben. Paulus ist ein viel gelehrterer Jude als Christus, sein' Vater war römischer Bürger; Paulus gehörte in seiner Jugendzeit zu den größten Gegnern des jungen Christentums. Paulus hat die wesentliche Wendung, die Heidenmission vollzogen. Dadurch hat er das Judentum endgültig von dem Christentum getrennt. Paulus Werk setzte Martion Wollen Sie Ihrem Kinde eine Freude machen und gleichzeitig zu seiner jüdischen Erziehung beitragen? Bestellen Sie ihmein Abonnement auf Zeitschrift für die jüdische Jugend DAS ZELT VERLAG B. HEUER MÜNCHEN HERZOG-MAX-STR. 4 fort. Durch Martions Bemühungen kommt der Kanon des neuen Testaments zustande. Martion lehrt, daß der Gott des neuen Testaments ein anderer Gott ist, als der Gott des alten Testaments. Martion hat sich nicht durchgesetzt — immerhin werden seine Ideen heute wieder aufgegriffen. Die dogmatische Entgegensetzung zeigt folgendes Bild: Am Beispiel der unbefleckten Empfängnis ist zu sagen, daß das Wunder im Christentum konstitutiv ist. Anders bei den Juden, wo das Wunder als Notbehelf auftritt, wenn das jüdische Volk anders nicht weiterkommt. Dies Wunder ist nicht notwendig der Größe Gottes halber, sondern der Schwäche des Volkes wegen. Die Rede Jesu beginnt an entscheidenden Stellen „Ich aber sage Euch". Nie kann eine jüdische Rede so beginnen. Sie widerspricht der Anonymität des Judentums. Es gibt im Judentum keine Unterscheidung zwischen profan und heilig. Das Judentum gibt Gott was Gottes und auch was des Kaisers ist. Das christliche Bewußtsein der Erbsünde übt einen ungeheueren Druck aus, der jenen Mut nicht zuläßt, der dem Judentum den Gedanken der tätigen Arbeit in der Welt gibt. Das Judentum kennt insbesondere keine Erlösung, die in der Vergangenheit oder Gegenwart liegt. Die Juden glaubten nicht an den Erlöser, weil sie tiefer an die Erlösung glaubten, weil sie den Erlöser maßen an der unerlösten Welt. Aus tiefster skeptischer Gläubigkeit geht das Judentum durch die unerlöste Welt als einziger Bürge der Erlösung. Am zweiten Abend, oder besser Morgen, denn der Vortrag war mit Rücksicht auf das Konzert des Jüdischen Gesangvereis auf vormittags 10.30 Uhr verlegt worden, sprach Dr. Simon in nicht minder fesselnder Weise über „Islam und Buddhismus in ihrem Verhältnis zum Judentum". Wir leben in einer Welt, die aufgebaut ist auf dem Christentum, nicht in einer Welt, die Elemente des Buddhismus und Islams enthält. Es ist somit der Vergleichsgegenstand unbekannter und somit schwieriger. Es ist daher notwendig, mit elementaren Tatsachen zu beginnen. Als Buddha im 6. Jahrhundert v. Chr. auftrat, hatte sich in Indien die Kastenordnung, die ursprünglich eine politische Institution zur Erhaltung der Reinheit der Herrenkaste war, in eine religiöse Institution umgebildet, in der die Priesterkaste, die Bramanen, an erster Stelle vor die Kriegerkaste trat. Bon der Schichte der Bramanen breitete sich die Religion in die unteren Schichten aus. Brama war vermutlich zuerst ein geistiger Begriff und wurde dann Gott. Dies wäre eine interessante Umkehrung der sonst üblichen Entwicklung. Das Brama war ursprünglich wohl das Ding an sich. Aus diesem philosophischen Begriff soll nach neueren Forschungen der Gott Brama entstanden sein. Dies ist die Lage, die Buddha vorfindet, die festgelegt ist in einer rein mündlichen Literatur, als bereits die Kenntnis der Schrift nach Indien gelangte. Die erste Handschrift stammt aus dem Jahre 1500 nach Christus. Auch das Judentum hat bekanntlich eine mündliche Lehre. Auch hier galt es lange Zeit als verboten, die mündliche Lehre aufzuzeichnen. Wenn das Judentum jedoch sich dagegen sträubte, die mündliche Lehre aufzuzeichnen, so geschah es nicht deswegen, weil es einer bestimmten Kaste die Lehre der Religion Vorbehalten wollte, sondern gerade aus der umgekehrten Überzeugung, weil man der Meinung war, daß die Sprache höher steht als die Schrift. Solange es daher ging, suchte man den Sprachcharakter der Lehre aufrechtzuerhalten. Früher hat man häufig Buddha als Revolutionär aufgefaßt, der die Bramanenkaste zerschlug und die Religion demokratisierte. Diese Auffassung ist heute nicht mehr zu halten. Er war ein Mann, den man sich am besten vorstellen kann, wenn man an Gandhi denkt. Dieselbe Art des Widerstandes ist auch für Buddha charakteristisch. Der Pessimismus Buddhas ist nicht das Ergebnis einer Differenz zwischen Lust und Leid, sondern auch die Lust ist Leid im Sinne Buddhas. Im Alter von 29 Jahren verließ Buddha Frau und Kind, um in der Einsamkeit zu leben. Später kommt er davon ab. Er sagt, es gibt zwei falsche Arten zu leben, erstens die Lust voll Hingabe an den Leib, zweitens die Askese. Charakteristisch für Bramanentum und Buddhismus ist die Seelenwanderung, die als Erlösung nur im Niowana endet. In einem Teil der jüdischen Literatur, insbesondere in der Kabbala, findet sich auch der Begriff der Seelenwanderung, allerdings nicht innerhalb des offiziellen Rabbinismus. Auch hier ist die Seelenwanderung die Ursache einer gewissen Unvollkommenheit, hauptsächlich eines, der unglücklich verheiratet war. Derjenige, der nicht seine Partnerin

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