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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-02-01 · 2 (1.2.1928) · p. Seite 19

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
2 (1.2.1928)
Article
Warum und wie führen wir die jüdische Frau zur Landwirtschaft?
Date
1928-02-01
Page
Seite 19 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 2 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 19 lVarum und wie führen wir die jüdische 8rau zur Landwirtschaft? Von Hannah Bodenheimer (Wolfratshausen) Wenn wir die beiden Begriffe: „die jüdische Frau und die Landwirtschaft", nebeneinander hören, so erscheint uns die Verbindung derselben etwas ungewohnt. Es ist zwar heute allgemein bekannt und von allen möglichen Seiten anerkannt, daß die jüdische Frau bei dem landwirtschaftlichen Aufbau Palästinas eine ganz außerordentliche Rolle spielt und daß man einen besonderen Wert auf ihre Mitarbeit und ihre Tüchtigkeit legt. Daß es aber für das Judentum von großem, gesundheitlichem und sittlichem Einfluß und nicht hoch genug einzuschätzender wirtschaftlicher Bedeutung wäre, wenn es gelänge, jüdische Frauen in allen Ländern wieder zur landwirtschaftlichen Tätigkeit und vor allem auch zum Leben auf dem Lande zu führen, ist noch lange nicht genügend beachtet worden. In der allgemeinen deutschen Presse kann man beobachten, daß der Tätigkeit der Frau auf dem Lande schon seit Jahrzehnten erhöhte Aufmerksamkeit zugewandt wurde. Daß diese größere Würdigung der Landfrauentätigkeit begründet war, hat der Krieg so gründlich bewiesen, daß nach diesem, trotz oder gerade auch wegen der Verarmung des Landes die Ausbildung der weiblichen Landjugend auf eine andere Basis gestellt wurde. Die systematische Ausgestaltung des weiblichen Lehrlingswesens, der Berufsschule, der Fortbildungsschule, der Ausbau der weiblichen Berufsausbildung auf dem Lande, wie z. B. der ländlichen Hausbeamtinnen und insbesondere der landwirtschaftlichen Lehrkräfte wie der landwirtschaftlichen Haushaltungslehrerinnen ist ständig noch in vollem Entwicklungsgänge. Der Krieg war ein Ereignis, durch das wieder einmal fühlbar geworden ist, daß die volkserhaltende Kraft im Staatsgebilde die Familie ist. Diese hängt wiederum von der gesunden persönlichen Kraft der Frauen, insbesondere aber der Landftauen ab. Durch den ungeahnten schnellen Aufschwung der Industrie nach den siebziger Jahren entstand die Landflucht, und die Großstadt nahm immer neue Menschenmassen auf; Männer und Frauen, die sie an die Maschinen der Fabrik stellte. Während so die einzelnen wähnten, zu leichterem Verdienst und bequemerem Leben gekommen zu sein, wurden sie der Natur, dem Heim und dem Familienleben entfremdet und immer weiter mechanisiert. In dieser materiellen Zeit wurde das Geld als Ziel aller Wünsche gewertet und nicht mehr als Mittel zum Zweck betrachtet. Es ist merkwürdig, daß auch die Frauen diesen Irrweg eine Zeitlang gingen, da doch die Frau als Hüterin und Schützerin des Lebens diese falsche Lebensauffassung hätte erkennen müssen. Immerhin ist es anzuerkennen, daß zuerst wieder die Frau den rechten Weg gefunden hat und als das Ziel der Lebenswünsche nicht mehr das Geld, sondern die Erreichung der gesunden Körperkraft und einer gesunden Lebensauffassung erstrebt. Diese Erkenntnis ist allerdings erst wieder gekommen, nachdem schon schwerste Schädigungen am Volkskörper eingetreten waren. Es ist eine unleugbare Tatsache geworden, daß die Großstadt die Menschen in ungeahnter Weift aufreibt, sie während einiger Generationen verschwinden läßt, so daß die Großstädte ausfterben würden, wenn nicht fortwährend der gesunde Nachwuchs vom Lande da wäre. Auf dem Lande steckt daher einzig und allein die frische und volkserhaltende Kraft. Bei uns Juden ist die Lage deshalb noch etwas ernster als bei der christlichen Bevölkerung, da der gesunde Nachwuchs vom Lande fast vollständig fehlt, so daß wir einem allmählichen aber sicheren Niedergang entgegensehen, was auch statistisch bereits öfters nachgewiesen worden ist. Aus derartigen Beweggründen heraus sind wir dazu gekommen, den Weg einzuschlagen, den christliche Frauenkreise uns seit drei Jahrzehnten gezeigt haben, zu versuchen, durch gute Schulen die Heranwachsende weibliche Großftadtjugend, wenn auch in vielen Fällen nur für kurze Zeit, auf das Land zu ziehen. So wurde Ostern 1926 die erste jüdische wirtschaftliche Frauenschule auf dem Lande in Deutschland gegründet und wir ahnen bereits heute, daß wir damit vieles zur Hebung des Judentums beitragen können. Die Schule konnte glücklicherweise in einer landschaftlich und gesundheitlich besonders begünstigten Gegend untergebracht werden. Es ist in der Tat sehr interessant, von einzelnen Beobachtungen aus auf die Möglichkeiten zu schließen, die uns zur allgemeinen Ertüchtigung jüdischer Mädchen und Frauen damit gegeben worden sind. Wenn schon in den Schulen der anderen Konfessionen es offensichtlich ist, daß die jungen Mädchen aus der Großstadt während ihrer Lehrzeit auf den landwirtschaftlichen Frauenschulen eine entschiedene Kräftigung erfahren, so trifft das nach meinen persönlichen Beobachtungen bei den jüdischen jungen Mädchen aus der Großstadt noch viel mehr zu. Unsere gebildete weibliche Jugend ist jeder körperlichen Betätigung, sei es im Haus oder im Freien, fast vollständig entwöhnt und überhaupt durch die besorgte Einstellung der jüdischen Familie, die doch heute in der Mehrzahl nur ein bis zwei Kinder kennt, in einer Weise verweichlicht, daß es höchste Zeit ist, daß sie zur gesunden kräftigen Arbeit auf dem Lande kommt. Selbstverständlich muß diese Arbeit so sein, daß nicht nur die physischen Kräfte der jungen Mädchen in Anspruch genommen werden, sondern auch die geistige Tätigkeit in entsprechender Weise mit der körperlichen Betätigung verknüpft wird. Diesem Umstande kommt die sich heute immer mehr durchsetzende Methode des Arbeitsunterrichts vollständig entgegen. Praris und Wissenschaft sollen möglichst lebendig verknüpft werden, indem man von dem praktischen Vorfall im praktischen Unterricht ausgeht und diesen mit den chemischen, physikalischen und anderen naturwissenschaftlichen Grundsätzen verbindet. Es kommt dabei nicht so sehr auf die Menge des durchgenommenen Stoffes an, als darauf, die Freude und das Interesse an dem Stoff und damit auch an der allgemein körperlichen Betätigung zu erhöhen. Die Freude, die die jungen Mädchen an allem gewinnen, was sie selbst erarbeitet haben, sichert ihnen Interesse an den erworbenen Fertigkeiten auch über dieses Lehrjahr hinaus im späteren Berufs- und Familienleben und bereitet somit die einfache Grundlage eines natürlichen Glückes. Die praktische Betätigung der jungen Mädchen in den landwirtschaftlichen Frauenschulen erstreckt sich auf Küche, Haus, Garten und Geflügelhof. Die Ertüchtigung der jungen Mädchen im Haus und in der Küche ist ebenso wichtig wie der Unter-

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