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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1928-01-15 · 1 (15.1.1928) · p. Seite 3

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
4 (1928)
Issue
1 (15.1.1928)
Article
Episoden aus der Geschichte der Juden in Bayern
Date
1928-01-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 3 Nr. 1 auch auf das Verhalten der christlichen Bevölkerung zu den Juden Übergriffen und sie fast noch mehr verwirrten als diese. Die Juden bereiteten sich offenbar für das erwartete große Ereignis in vollem Umfange vor, waren bestrebt ihre Außenstände im Hinblick auf die bevorstehende Auswanderung einzuziehen und ihr liegendes Besitztum zu liquidieren. In der Bevölkerung verbreitete sich die Kunde, daß sie einem „Propheten nachlaufen" und darum alles verkaufen wollten. Daraufhin verweigerte man ihnen überall die Zahlung der Schulden, da sie ja doch bald das Land verlassen würden und man daher auf sie keine Rücksicht mehr zu nehmen brauche. Der Besitzer des von der Stadt Nürnberg abhängigen Gutes Eschenau z. B. verbot seinen Untertanen die Schuldenzahlung an die Juden und beschlagnahmte selbst den Betrag. Das ganze Erwerbsleben der Juden war abgeschnitten; es gelang ihnen weder Barnoch ZinS- und Warenaußenstände einzuziehen. Ja noch mehr. Es kam zu den schwersten Ausschreitungen und Tätlichkeiten gegen sie. Überfälle auf einzelne, wie z. B. den Lehrer Jakob in OttensooS, waren an der Tagesordnung. In ihrer Verzweiflung wandten sie sich an die bayerische Regierung in Amberg um Beistand, denn die Bewegung hatte auf eine ganze Anzahl bayerischer Amtsgebiete hinübergegriffen. Der Hilferuf wurde gehört und mit ganz außerordentlicher Schnelligkeit und Wirksamkeit gehandelt. An die inländischen in Betracht kommenden Ämter erging der Befehl, die Juden gegen die gefährlichen Folgen dieser „leeren Zeitung" mit aller Kraft zu schützen, an die Stadt Nürnberg aber das Ersuchen, ihnen bei Einziehung ihrer Forderungen nicht im Wege zu stehen, ihnen überdies hierbei hilfreiche Hand zu bieten. Schon vier Tage darauf erließ die Stadt an alle Ämter dementsprechende Weisungen. Für die Juden im Bezirk Schnaittach erging im Gefolge dieser Bewegung ein außerordentlicher bayerischer Schutzbrief mit den schärfsten Strafandrohungen. Ganz besonders war eine Verwarnung an den Hofmarksherrn Seb. v. Lochner in Hüttenbach ergangen, der einzelne Juden in das Gefängnis hatte werfen lassen. Es dauerte fast ein volles Jahr, bis sich die Wogen dieser Aufregung völlig geglättet hatten und wieder ein gesetzmäßiges, friedliches Verhältnis zwischen den Juden und der umwohnenden Bevölkerung eingetreten war. Odyssee des unbekannten Soldaten Von Manfred Sturmann Nach den „Novellen von Claudia", die den feinsinnigen Novellisten verrieten und den großen Epiker ahnen ließen, schuf der jüdische Dichter Arnold Zweig zwei biblische Dramen. Dann kam der Krieg. Die Möglichkeit künstlerischer Fortentwicklung ward jäh gesprengt. Zweig, siebenundzwanzigjährig, Künder einer fast beängstigend verfeinerten Kultur, wurde in einen grauen Rock gesteckt, an die Ostfront geschickt, mußte exerzieren, graben oder Akten führen. Wer hätte es unnatürlich gefunden, wenn der Schöpfer jener „Novellen um Claudia" hinfort geschwiegen und an der Umkehrung der Dinge sich selbst und damit sein Weltbild und das seiner Generation widerlegt gesehen hätte? Daß dem aber nicht so war, der Dichter den Gang in die jedem humanen Gesetz widersprechende Wirklichkeit angetreten hat, ohne irgendwo am Wege verzagend oder anklagend zusammenzubrechen; daß er sich mutig durchgequält und durchgegraben hat, als ein subalternes Geschöpf und daß er schließlich bei diesem Gang die Bausteine für eine Dichtung an sich nahm, die erst ein Jahrzehnt später uns geschenkt werden sollte — das alles gibt uns Recht genug, ihn unter die größten Geister zu rechnen, die diesen Krieg schöpferisch zu überdauern vermochten. Und wir wollen uns nicht scheuen, das Ergebnis feftzuhalten: Zweig hat als Erster d i e Dichtung des Krieges geschrieben, die Odyssee des Unbekannten Soldaten, des rühmlosen Kämpfers. „Der Streit um den Sergeanten Grischa" nennt Arnold Zweig dieses man könnte auch diesen auf die Kerngeftalr der Dichtung bezogenen Titel erweitern und grundthematisch formulieren: Der Streit um die Menschlichkeit im Kriege. Aus einem übervollen Herzen ist diese Dichtung geströmt, und man möge es nicht für Vermessenheit halten, wenn wir uns fragen: Strömte sie nicht auch aus unser aller Herzen? Alle, in denen die Kriegsjahre noch wach sind, alle, die sich schaudernd ihrer erinnern, haben auf ein solches Werk gewartet. Es wurde acht Jahre nach Kriegsende niedergeschrieben, mit einer flammenden, aus dem tiefsten emporquellenden Sprache, aber es kam 1 Erschienen bei Gustav Kiepenheuer, Potsdam 1928. nicht zu spät. Es ist, als hätte der Dichter endgültig jene Zeit abgeschlossen, und einer besseren versöhnlicheren den Weg geöffnet. Ich glaube jetzt erst können wir Jüngeren, die wir im Weltkriege noch Kinder waren, in allen seinen wahnsinnigen Konsequenzen den Unsinn jener Jahre erfassen; denn keiner wagte es, den Seuchenherd so mutig aufzudecken wie Zweig in seinem Roman. Sein Grischa-Buch zeugt von so viel Blut und Leidenschaft, von so viel ehrlichem Bekennertum, von so viel Weisheit und, trotz seiner Grausamkeit, von so viel Liebe und Schönheit, daß hier Kritik zu schweigen hat. Woran sollte man auch diese Dichtung messen! Es wurden viele Bücher vom Kriege geschrieben: Sie waren Proteste oder Klagegesänge, sie blieben in der Tendenz hängen und brachen sich den Flügel des Zeitlosen — oder sie waren (wie ein jüngst geschriebenes und in seiner Art außerordentliches) so sehr vom Individuellen umzirkelt, daß der Mensch, homo, mehr als die Menschheit (humanitas) ihr Thema war. Sie waren nicht grausam, nicht grenzenlos genug, um so liebend zu sein wie Zweigs „Grischa". Und nun schreibt einer dieses erste, für uns alle und für die ganze Welt so gültige Buch, schreibt ein jüdischer Dichter, der aus einer kultivierten Stille seinen Ausgang nahm, diese Tragödie Europas, herauskristallisiert aus dem Schicksal eines armen unwichtigen russischen Gefangenen, und erhebt dieses Schicksal, diesen, am Kriege verglichen, mikroskopischen Vorgang zum heiligsten Symbol: Grischa, kriegsgefangen und kriegsmüde, möchte heim. Er ersehnt die russische Steppe, das Weib und das Kind, das noch nicht geboren war, da er auszog. Er flieht aus dem Gefangenenlager und führt Wochen hindurch ein besinnliches Waldleben. Er ist frei wie nur Tiere frei sind, aber die Gefahr, wieder eingefangen zu werden, nähert sich wie ein Gespenst. Grischa muß unter dem Namen eines inzwischen Verstorbenen durch die von den deutschen Truppen besetzten Ortschaften und fällt in Merwinsk in die Hände der Ortskommandantur. Der Verstorbene, dessen Namen er angenommen hat, war als Spion gesucht — Grischa wird zum Tode

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