Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 12 (13.12.1927)
- Article
- Religiöse Erneuerung und jüdischer Religionsunterricht
- Date
- 1927-12-13
- Page
- Seite 368 (sequence 3)
- Language
- German
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368 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 12 die heutige Erziehungswissenschaft und -Praxis betonen wieder die Lebensganzheit. Und ebenso wäre ein Religionsunterricht, der nur religiöses Wissen erstrebt und damit der Forderung „ganz selbst zu sein mit dem Ewigen, deinem Gotte" zu entsprechen glaubt, von minderwertiger Beschaffenheit. — Allgemein stimmt man heute dem Religionspsychologen James zu, der behauptet, daß das Gefühl eine tiefere Quelle der Religion sei als der Verstand, und daß die philosophischen und theoretischen Formeln nur sekundäre Produkte seien, ähnlich wie Übersetzungen des Textes in eine andere Sprache. Darum verschaffe der Religionslehrer seinen Schülern religiöse Erlebnisse, sei es durch Teilnahme an religiösen Gemeinschaftsäußerungen, sei es im Nachleben religiöser Persönlichkeiten. Darauf kommt alles an, daß die im Religionsunterricht angeschauten Stoffe mit Gefühlswert erlebt werden, daß das Kind in den Religionsstunden liebt und verabscheut, sich begeistert und sich entrüstet, sich bedrückt und sich befreit fühlt. Die dankbare und nicht eben leichte Aufgabe des Religionslehrers besteht darin, die religiösen Persönlichkeiten so lebendig und naturgetreu vor die Kinder hinzuftellen, daß diese, deren Handlungen und Schicksale nicht nur, sondern vor allem auch deren Seelenvorgänge als gegenwärtig miterleben. — Aber den Intellektualismus, die für den Religionsunterricht stets drohende Gefahr, bekämpfen bedeutet nicht, den Intellekt von der Mitarbeit ausschließen. Was das Herz ergriffen, muß Eigentum der Erkenntnis werden. Das religiöse Gefühl ist — wie jedes Gefühl — unklar, schwankend und unberechenbar. Es erlangt erst Festigkeit, Klarheit und Stetigkeit durch seine Einschmelzung in Wertbegriffe und Werturteile. Wir fordern, daß der Intellekt Klarheit und Ordnung in die Aussagen des religiösen Gefühls bringe und so die Grundlagen einer jüdischen Lebens- und Weltanschauung lege, daß er über die Grenzen zwischen dem Judentum und den anderen Weltreligionen, über die Grenzen auch zwischen den innerjüdischen Parteien orientiere und mit der jüdischen Apologetik vertraut mache. — Aber nicht nur als Gefühls¬ und Verstandssache sollen die Schüler unsere Religion kennen lernen: „sie ist in deinem Munde und in deinem Herzen, um sie a u S z u ü b e n." Religion will nicht nur erlebt, sondern auch gelebt sein. Welcher Schüler möchte es nicht seinem Helden nachtun? Aller Erlebnisunterricht drängt auf ein Gestalten hin. Aber wie aus der Gesinnung das Handeln erwächst, so formt und gestaltet wiederum das Handeln die Gesinnung und bewahrt sie vor Erstarrung und Verkümmerung. Religion und Leben sind im Judentum wie in keiner anderen Religion aufs innigste verbunden, Religion, welche — wie Baeck sagt — bewiesen werden soll durch das Leben, das Leben, welches erfüllt werden soll durch die Religion. Sorgen wir deshalb dafür, daß unseren Schülern Gelegenheiten gewiesen und geschaffen werden, um die im Religionsunterricht gewonnene Gesinnung und Lehre in Schule und Haus zu üben und zu bewähren: eine Aufgabe, für einen auf Wahrhaftigkeit begründeten Religionsunterricht zu schaffen! Und wenn Professor Niebergall recht hat, daß es keine Methode in der Vergangenheit gäbe, die nicht an ihrem Orte heute noch angewandt werden dürfte, ja müßte, dann erfordert der heutige Religionsunterricht — das verantwortungsvollste Fach im Gesamtgebiete der Menschenbildung — eine Meisterschaft, die nie erreicht werden kann und die ihr Gegenstück findet in dem nie endenden Streben, die Kunst, andere zu religiösen Persönlichkeiten zu erziehen, zunächst an sich selbst zu bewähren. Das Beispiel des Propheten, der in einer Zeit der Auflösung und Zerstörung aus dürren Gebeinen neues Leben erblühen sah, mag uns anfeuern, unermüdlich und unerschütterlich wie er mitzuarbeiten an dem Aufbau des Gottestempels, der am Ende der Tage die in Lauterkeit und Reinheit geeinigte Menschheit umschließt. Zur Schachttrage Am 2Z. November 1927 wurden in der SanitätSanftalt des städtischen Schlachthofes in München der Bayerischen Rabbinerkonferenz die elektrischen Betäubungsversuche an Schlachttieren vorgeführt. Die Versuche beruhen auf einem Verfahren, das bereits vor 25 Jahren von Professor Dr. Leduc in Nantes zur Anwendung gekommen ist. Der praktische Arzt Dr. Lieben in Prag hat dieses Verfahren ausgenommen und wissenschaftlich ausgebaut und gemeinschaftlich mit Oberingenieur Weinberger, bier, praktisch ausgeftaltet. Die Apparate lieferten die SiemenS- Reiniger-Veifa-Werke. Das Verfahren benützt ununterbrochenen Gleichstrom. Die Elektroden werden am Kopf und am Rücken oder am Kopf und am Schwanz der Tiere befestigt. Den Versuchen wohnten die sämtlichen Rabbiner des rechtsrheinischen Bayerns, ferner Rabbiner der Pfalz, von Württemberg und Baden bei. Anwesend waren Vertreter der staatlichen und städtischen Behörden, Geheimrat Prof. Dr. Mayr, Vorstand der chirurgischen, tierärztlichen Klinik, hier, und Dr. Lieben. Schlachthofdirektor Dr. Opel begrüßte die Anwesenden und erteilte Oberingenieur Weinberger zu einem kurzen Vortrag über das elektrische Verfahren das Wort. Die Versuche wurden sodann in dreistündiger Dauer an zahlreichen Viehftücken von Prof. Dr. Müller, dem Vorstand der Sanitätsanstalt und Oberingcnieur Weinberger vorgeführt. Es zeigte sich, daß die Betäubung sofort eintrat und daß nach Ausschaltung des.Stromes die Tiere in kurzer Zeit zu ihren normalen Lebensfunktionen wieder zurückkehrten. Der erste Vorsitzende der Konferenz, Rabbiner Dr. Freudenthal, Nürnberg, erstattete sodann in herzlichen Worten den Dank der Konferenz und des Verbandes. Am Nachmittag des 23. November und am darauffolgenden Tage trat die Rabbinerkonferenz zur Beratung über die religiöse Beurteilung der Versuche zusammen. Es wurden wesentliche Fortschritte des Verfahrens in technisch-wissenschaftlicher Hinsicht anerkannt, die gegebenen Unterlagen aber für die religionsgesetzliche Beurteilung als noch nicht hinreichend erachtet. Die Versuche werden nachdrücklich fortgesetzt. Gutachten von medizinischen Sachverständigen sind eingefordert. Nach deren Eingang wird die Rabbinerkonferenz sobald nur möglich abschließende Stellung nehmen. In der Sitzung des Staatshaushalts des Bayerischen Landtags vom 6. Dezember 1927 wurde an die Staateregierung die Anfrage gerichtet, wann der Beschluß des Landtags in der Schächtfrage durchgeführt werde. Innenminister Dr. Stütze! teilte mit, daß die Versuche wegen der Betäubung der Schlachttiere sich sehr lange hinausgezogen hätten. Ein neues Verfahren sei jetzt die Betäubung mit Elektrizität. Dieses Verfahren unterliege zur Zeit einer technischen und jüdisch-rituellen Prüfung. Es sei zu hoffen, daß diese Prüfung bald abgeschlossen werden könne, dann werde es wohl auch möglich sein, den Gesetzentwurf dem Landtag zuzuleiten.