Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 12 (13.12.1927)
- Article
- Religiöse Erneuerung und jüdischer Religionsunterricht
- Date
- 1927-12-13
- Page
- Seite 367 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 367 schaft des Judentums. Und wenn auch wichtige Gebiete jüdischer Forschung vernachlässigt blieben und der größte jüdische Denker der Zeit, Hermann Cohen, in seinem letzten großen Werk im Rationalen befangen blieb und deshalb zum Führer unserer Tage nicht geeignet erscheint, so hat trotzdem die genannte Gesellschaft für die Kenntnis des Judentums, für das Verständnis seines Wesens und die Festigung religiöser Gesinnung außerordentliches geleistet. — Jüdisches Wissen in populärer Form verbreitete in alle Gaue unseres Vaterlandes der Verein für jüdische Geschichte und Literatur, der im Jahre 1907 bereits 16 000 Mitglieder zählte. — Erwähnen wollen wir auch, daß der Babel-Vibel-Streit, der eine Zeitlang alle Gebildeten in Spannung hielt, auch unseren Glaubensgenossen die bleibende Bedeutung des Alten Testaments und die Überlegenheit der Lehre Israels über die seiner Nachbarn in glänzendster Weise vor Augen führte. — Und wenn auch der Antisemitismus viele wertvolle jüdische Kräfte gebunden und edleren Aufgaben entzogen hat, so hat auch er, freilich ungewollt, das jüdische Selbstbewußtsein gestärkt, zu religiöser Selbstbesinnung erzogen. — Noch ist das Urteil über den Zionismus geteilt, und erst eine spätere Zeit kann hier gerecht entscheiden. Aber auch seine Gegner geben zu, daß er viele Laue und Gleichgültige wieder innig mit unserer jüdischen Gemeinschaft verbunden, Begeisterung und Opferwilligkeit erzeugt und reiche Bildungssaat ausgeftreut hat. Die Renaissance der hebräischen Sprache ist sein Verdienst, und kein Geringes ist es auch, daß im Kampfe mit dem jüdischen Nationalismus das religiöse Problem tiefer erfaßt wurde. — Vergessen wir auch nicht anzuführen, was die jüdische Jugendbewegung für die Erneuerung des Judentums bedeutet. Wir hätten gewünscht, daß Lazarus noch gesehen hätte, wie die jüdische Jugend aus eigenem Antriebe und mit eigener Kraft sich jüdisches Wissen erarbeitet und sich wieder an den erhabenen Ideen des Judentums begeistert. Schon dieser unvollkommene Überblick zeigt die Fülle der Erscheinungen, in denen mehr oder minder die Erneuerung des Judentums sich offenbart. Das alte ewig Neue ist wieder unsere eigenste Angelegenheit geworden. Trotz ungezählter Indifferenten, trotz Abfalls und Mischehen, die an unserem Bestände zehren, behauptet sich das heutige Judentum als eine Geiftesmacht, die in unseren Tagen wieder zahlreichen jüdischen Männern und Frauen Kraft und Trost, Weihe und Sabbatfrieden gewährt, und die auch Außenstehenden in steigendem Maße Achtung und Anerkennung abnötigt. Durch die Erneuerung der Religion ist das Interesse am jüdischen Religionsunterricht und die Bereitwilligkeit, ihn zu fördern, in außerordentlichem Maße gewachsen. Soviel damit auch für den Erfolg des Religionsunterrichts gewonnen ist, viel wichtiger ist noch, daß der jüdische Religionslehrer seine Arbeit verständnisvoll dem Erziehungswerk der Gegenwart einordne. Der Religionsunterricht ist ja nur ein Teilgebiet des Gesamtunterrichts, der gegenwärtig mit seltener Übereinstimmung als Dienst an der „werdenden Persönlichkeit" bezeichnet wird. Gerade der jüdische Religionsunterricht wird diese hohe Auffassung von der Erziehung gern unterschreiben; lehrt er doch die Gottebenbildlichkeit des Menschen und demzufolge dessen Beruf, sich mittelst der ihm verliehenen Vernunft und Freiheit über sein natürliches Triebleben zu erheben und Bürger einer höheren, einer sittlich-religiösen Welt zu sein. Aber die Bedeutung des Religionsunterrichts für die Bildung einer in sich gefestigten Persönlichkeit verbietet, daß der Religionsunterricht nur ein Fach neben anderen Fächern oder gar nur. dem übrigen Unterricht unorganisch angefügt sei. Auf diese Weise würden wohl Kenntnisse in der Religion erreicht oder einzelne religiöse Impulse geweckt werden, aber die Wirkungen eines solchen Religionsunterrichts blieben in ihrer Isolierung wenig bedeutungsvoll, dienten nur in geringem Maße der Schaffung einer Persönlichkeit aus einem Gusse. Der Religionsunterricht muß vielmehr ein Konzentrationsfach im Organismus der Schule sein, ein Kristallisationspunkt, um den sich die Erkenntnisse des gesamten Gesinnungsunterrichts sammeln, um die Grundlagen einer einheitlichen Lebens- und Weltanschauung zu bilden. Ob dieser Aufgabe der an den höheren Schulen häufig nur äußerlich angegliederte, von einem mit diesem Schulsystem oft wenig vertrauten Lehrer in nur zwei Wochenftunden erteilte Religionsunterricht entspricht, oder welche besondere Bedeutung die konfessionelle Schule für die Entwicklung persönlichen religiösen Lebens hat, soll hier nicht erörtert werden. Zu einer sittlich-religiösen Persönlichkeit reift man nicht durch Gegängeltwerden. „Durch Selbständigkeit zur Selbständigkeit" ist das Losungswort der Gegenwartschule. Nirgends mehr als im Religiös-Sittlichen rächt sich Nachsprechen eingelernten Wissens und der Mangel einer selbständigen Überzeugung. Und nichts liegt unserer jüdischen Religion 'ferner als gutgläubiges Hinnehmen ein für allemal fertiger Glaubenswahrheiten. Die Schrift „erforschen" bedeutet im Judentum, sie nicht als ein Abgeschlossenes betrachten, sondern ihren Sinn stets neu zu erschließen suchen. Darum sollen auch im Religionsunterricht unsere Schüler in der Beschäftigung mit der Religion sich selbst finden, sollen selbst fragen, nach Möglichkeit selbst die Wege zur Erarbeitung des Wissens überdenken. Der Lehrer ist Organisator ihrer Tätigkeit, der Berater und Helfer seiner Schüler, wo ihr Können versagt oder sich zu verirren Gefahr läuft. Aber da Religion weniger gelehrt und gelernt, als vielmehr durch die ansteckende Macht des Beispiels verbreitet wird, so werden wir doch auch den beseelten Vortrag, die reiche Erfahrung des von seiner heiligen Aufgabe erfüllten Religionslehrers keineswegs ausschließen, zumal bei richtiger Anwendung die Kinder dadurch in ihrer Selbständigkeit nicht beschränkt, sondern letzten Endes angespornt und gekräftigt werden. Das Bildungsideal unserer Tage und im Einklänge mit ihm ZUBERBÜHLER’S WINTERGARTEN Theatinerstrasse 16 / Fernsprecher Nr. 91285 Eingang Passage: Modehaus Krell Ucko Täglich von 4-6 Uhr Nachmittagskonzerte Abends 81/2 Uhr Künstlerische Darbietungen mit Tanz ELITE-TANZ-ORCHES TER Kein Weinzwang