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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1927-12-13 · 12 (13.12.1927) · p. Seite 366

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
3 (1927)
Issue
12 (13.12.1927)
Article
Die Aufgaben der jüdischen Lehrerbildung
Date
1927-12-13
Page
Seite 366 (sequence 3)
Language
German
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366 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 12 gionsphilosophie, in das System der Pflichtenlehre, in die . Elemente der Apologetik, wobei die Angriffe auf die Quellen der Offenbarung besondere Berücksichtigung verlangen. 7. Im Studium der jüdischen Geschichte auszugehen von der Einzigartigkeit des jüdischen Volkes, Träger der göttlichen Offenbarung zu sein, die göttliche Führung des jüdischen Volkes in allen Perioden nachzuweisen und die Auswirkungen jener zentralen Aufgabe in den Schicksalen und geistigkulturellen Strömungen des Volkes klarzulegen. Das Verständnis dieser geistigen Strömungen verlangt ein vertieftes Eindringen in die verschiedenen jüdischen Kulturkreise und ihre literarischen Schöpfungen. 8. Endlich verlangt eine mit dem Beruf des jüdischen Lehrers verbundene Sonderausgabe, Leiter des Gottesdienstes zu sein, auch die Beherrschung der Sprache und das Verständnis der schwierigeren Gebetstücke (Piutim, Selichoth ufw.). Zusammenfassend muß also feftgestellt werden, daß die Berufsausbildung des jüdischen Lehrers eine intensive Pflege jüdischen Kulturgutes verlangt, und daß die jüdische Seite der Lehrerpersönlichkeit nur in der Atmosphäre hingebungsvollen Sichversenkens in den Geist seiner religiösen Kultur reifen kann. Welche Forderungen ergeben sich aus diesem Bildungsziel für die Bildungsstätte? Die allgemeine Berufsvorbildung ist durch staatliche Vorschriften geregelt, für deren Gestaltung auch bei kommenden Änderungen im wesentlichen doch nur allgemeine Verhältnisse, Bedürfnisse und Forderungen maßgebend sein werden. Die Schulgattung, in deren Rahmen die allgemeine Lehrerbildung sich vollzieht, kann dann und nur dann von der jüdischen Lehrerbildung übernommen werden, wenn der Rahmen weit genug ist, um in demselben auch die Belange jüdischer Bildung befriedigen zu können. Die Gestaltung des Lehrganges in den bisherigen bayerischen Lehrerbildungsanstalten gab der jüdischen Lehrerbildung in dankenswerter Weise Gelegenheit, ihre Sonderziele zu verwirklichen. Die intensive Pflege des Musikunterrichtes in den staatlichen Lehrerbildungsanstalten mit dem Ziele der Ausbildung des Organisten für den Kirchendienst schuf in Bayern die Möglichkeit, einen beachtlichen Teil der Unterrichtszeit für die Theorie und Praxis des Synagogendienstes zur Verfügung zu stellen. Gemäß ministerieller Verfügung figurieren deshalb in Bayern seit dem Jahre 1914 Theorie und Praxis des Synagogendienftes als obligatorische Unterrichts- und Prüfungsfächer im Lehrplan der jüdischen Lehrerbildungsanstalt, entsprechend den Fächern der Musiktheorie und des Orgelspiels in den staatlichen Anstalten. Seit Jahrzehnten war gleichwohl in Bayern der Bildungsgang des jüdischen Lehrers gegenüber den staatlichen Anstalten um ein Jahr verlängert. Zur Zeit führt das Würzburger Seminar in einem besonderen siebenten Jahr — nach Abschluß der allgemeinen Reifeprüfung — einen eigenen Fortbildungskurs für Religionswissenschaften zur Sicherung, Festigung und weiteren Vertiefung der für den jüdischen Lehrer notwendigen jüdischen Bildung. Wie künftig die Lehrerbildung in Bayern gestaltet wird, wissen wir nicht. Als Vertreter der jüdischen Lehrerbildung haben wir nur den einen Wunsch: LFlöge auch die kommende Lehrerbildung, die in Bayern gemäß den im Jahre 1925 im Konkordat getroffenen Festlegungen konfessionell gegliedert sein muß, so gestaltet werden, daß auch künftighin die Pflege der Vorbildung des jüdischen Lehrers im Rahmen der allgemeinen Lehrerbildung möglich wird. Neligiöfe Erneuerung und jüdischer ReHgionsunterricbt Von Dr. Adolf Löwenberg (Berlin) An Ezechiels erhabene Vision von den dürren Gebeinen im Totental und deren Wiederbelebung durch den Gottesgeist werden wir erinnert, wenn wir die religiös-indifferente Iudenheit der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts betrachten und ihren religiösen Aufstieg im neuen Jahrhundert verfolgen. Konnte man hoffnungsloser über die westeuropäische Iudenschaft urteilen, als es Lazarus tat: „Im ganzen Westen Europas ist das Geschlecht der Juden zum größten Teil träge, stumpf und mattherzig für die Sache der Religion geworden, so daß nur von der Iudenschaft des europäischen Ostens oder der von Amerika eine Erneuerung des Judentums zu erhoffen ist?" Und wenn alte Weisheit lehrt, daß erst zweier Zeugen Mund ein Urteil beweiskräftig macht, so sei noch Cäsar Seligmann angeführt: „Immer erschreckender wurde der Abfall vom Judentum und die religiöse Gleichgültigkeit. Das lebendige Judentum stand in Gefahr, eine Religion zu werden, die nur noch bei den Rabbinern anzutreffen war." Kein Wunder, denn die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts stand unter dem Einfluß des Materialismus und Positivismus. Technik, Industrie und Wirtschaftsleben hatten einen ungeahnten Aufschwung genommen. Nur Wissen, Macht und Reichtum schienen erstrebenswert. Durch einseitige VerftandeSpflege aber welkten Phantasie und Gefühlsleben dahin, in deren geheimnisvollen Tiefen sich alles Erleben vollzieht und das Heilige, das Sittliche und das Schöne wurzeln. Über dem Objekt hatte man das Subjekt vergessen: den Menschen, der nicht vom Brot allein lebt und dessen noch so gewaltige äußere Leistungen die Verkümmerung seines Innenlebens nicht aufwiegen. Bereits im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts war der Rückschlag erkennbar in der Fin de sieele-Stimmung und in der Zwiespältigkeit der Kulturgesinnung. Im neuen Säkulum zeichnete sich der Wandel des Bildungsideals immer deutlicher ab. Neben dem Intellekt wurden Gefühl und Wille betont. Eine neue, gesunde Romantik erkannte, daß das Innere der Dinge eine irrationale Tiefe, etwas Geheimnisvolles hat, das erfühlt werden muß. Das Wesen der neuen Bildung bezeichnte Kerschenfteiner als Begeisterung für ewige, zeitlose Werte, verbunden mit gesundem Wirklichkeitssinn. — Und die Not der Kriegs- und Nachkriegszeit lehrte wieder beten, lenkte Herz und Sinn wieder aus die ewige Trost- und Kraftquelle der Religion. — Und wenn der neue Volksftaat seinen Bürgern ein bis dahin unerhörtes Maß von Freiheit gewährte, so mußte er anderseits dafür sorgen, daß das Verantwortlichkeilsgefühl, das am sichersten in der Religiosität verankert ist, Gemeingut aller Volksgenossen werde. Das Rauschen des Zeitgeistes weckte auch das halberstorbene jüdische Religionsleben. Die dürren Gebeine bedeckten sich mit Sehnen, Fleisch und Haut, und bald regte der neuerwachte Geist die Schwingen. Wer diese Erneuerung des Judentums verfolgen will, findet in den Jahrbüchern für jüdische Geschichte und Literatur reichen Stoff. Zahlreiche Vereine und Verbände wurden begründet und viele jüdische Menschen durch sie veranlaßt, sich jüdischen Angelegenheiten zu widmen. Und war es bei manchen zuerst eine Sache des Verstandes, so wurde es allmählich doch Herzenssache. — An der Kräftigung des jüdischen Lebens hatte die Wissenschaft des Judentums hervorragenden Anteil, vor allem die I9O2 begründete Gesellschaft zur Förderung der Wissen-

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