Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 12 (13.12.1927)
- Article
- Geschichte des israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Date
- 1927-12-13
- Page
- Seite 353 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 12 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 353 erfüllten sich nicht. Noch war die Zeit nicht reif. Dem „LandeSverein", dessen schätzenswerte Tätigkeit heute noch unseren wärmsten Dank verdient, fehlten die genügend gestützte kraftvolle Organisation wie die gesetzlichen Bindungen, um der Schwierigkeiten Herr zu werden. Sein Werk wäre bestenfalls ein Torso geblieben. Der Lehrerschaft freilich hatte sich eine tief niedergedrückte Stimmung bemächtigt. Sie findet im Jahresbericht 1909 folgenden Ausdruck: „So zerrannen die hochgehenden Wogen der Hoffnungen bei der Lehrerschaft in ein Nichts. Ihre Hoffnungen wurden geknickt wie die Blüten durch einen Reif in der Frühlingsnacht — Die Verwaltung ließ kein Mittel unversucht, um die materielle Lage des Religionslehrerftandes einer Besserung entgegenzuführen. Aber so redlich unser Wollen war, unserem Können waren Schranken gezogen, die zu übersteigen nicht in unserem Machtbereich lagen." Und doch mußten die Schranken durchbrochen werden! Dies war nur möglich durch die Revision des Iudenedikts von 1813. Der Lehrerverein schloß sich einmütig der Revisionsbewegung an. Ihm zur Seite trat die „Freie Vereinigung israelitischer Lehrer und Kantoren der Pfalz", die seitdem sich immer enger mit uns verband und nun ganz in unseren Verein übergegangen ist. Ihre Stellungnahme wurde der Lehrerschaft nicht leicht gemacht. Es fehlte in jenen bewegten Tagen nicht an Versuchen, die Einigkeit der Lehrer zu stören und den Verein zu sprengen. Der Lehrerverein lehnte es ab, sich in die Parteikämpfe einzumischen und die Sprengungsversuche hatten nur zur Folge, daß sich die bayerische Lehrerschaft um so fester zusammenschloß und ihren Führern die Treue hielt. Durch die jüdische Parteizerklüftung aber kam die von der Staatsregierung als Voraussetzung für einen gesetzgeberischen Akt geforderte Einigung und damit die als dringlich und notwendig anerkannte Revision nicht zustande. Erst nach dem Kriege gelang es unter anderen politischen Verhältnissen der von warmem jüdischem Gefühl getragenen zielsicheren Führung Dr. Neumeyers, den „Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden" zu schaffen, der in vorbildlicher Weise die so viele Jahre schwebenden Fragen durch Einreihung der Religionslehrer in die staatliche Besoldungsordnung und durch Schaffung einer Beamtenordnung ihrer Lösung zuführte. Es wäre freilich falsch, wenn man die langjährigen Kämpfe des Lehrervereins nur aus einer materiellen Einstellung heraus erklären wollte. Dem Kampf um eine andere soziale Einstufung, um feste Anstellung und um ein klares Recht lag eine tiefe sittliche Idee zugrunde; ohne eine solche hätte er auch kaum mit diesem Nachdruck und so zäher Beharrlichkeit geführt werden können. Wenn es heute im öffentlichen Leben der deutschen Juden zum Allgemeingut geworden ist, daß die Beamten ihrer Stellung, ihrem Amte und ihrem Bildungsgänge entsprechend zu bezahlen sind, so hat die Lehrerschaft an diesem Fortschritte, der letzten Endes nur der Ehre des Judentums dient, ihren redlichen Anteil. — Seinen Satzungen entsprechend, wonach dem Vereine auch die „Förderung des israelitischen Schulwesens" obliegt, wie aus einem inneren Gefühle und der Erkenntnis heraus, hierdurch zur Stärkung des Judentums beizutragen, ist die jüdische Lehrerschaft besonders für die Erhaltung und den Ausbau der jüdischen Volksschulen eingetreten, wie sie sich gegen die seiner Zeit geplante Ausnahmestellung derselben mit Entschiedenheit zur Wehr gesetzt hat. Wenn trotzdem die zahlreichen jüdischen Volksschulen in den Klein- und Mittelgemeinden bis auf eine ganz geringe Zahl eingegangen sind, so liegen die Ursachen auf einem anderen Gebiete; sie sind in erster Linie in der Abwanderung der jüdischen Bevölkerung in die Großstädte und fast mehr noch in der Geburtenarmut der jüdischen Familien von heute zu suchen; so zählt, um einige Beispiele anzuführen, eine Gemeinde mit über 50 Familien 7 Volksschüler (in der ersten bis vierten Klasse), eine Gemeinde mit 100 Familien 16 Schüler der gleichen Altersstufe. Wenn bis jetzt der „äußeren" Geschichte des Vereins ein so breiter Raum gewidmet worden ist, so soll damit der Bedeutung seiner „inneren" Geschichte kein Abbruch getan werden. Von seiner Gründung an hat der Lehrerverein die geistige Hebung seiner Mitglieder, ihre berufliche und wissenschaftliche Fort- und Weiterbildung als eine seiner wichtigsten Aufgaben angesehen. Diesem Ziele dienten die auf den alljährlichen Mitgliederversammlungen erstatteten Referate, ferner die von ihm organisierten Bezirks- und Fortbildungskonferenzen, die in kleinerem Kreise sich der Pflege beruföwie allgemein wissenschaftlicher Fragen widmen. Es ist unmöglich, hier die zahlreichen pädagogischen, methodischen, schulgeschichtlichen, schulorganisatorischen, fchulpolitischen und allgemein kulturellen Vorträge auch nur anzuführen, die in den Vereinsversammlungen gehalten und in meist ausführlichen Diskussionen besprochen wurden, geschweige denn, die hierin geleistete Arbeit im einzelnen zu würdigen. Im Hinblick auf die gegenwärtig im Vordergrund stehenden Lehrplanfragen mag aber die Feststellung nicht uninteressant sein, daß einer der ersten schulischen Gegenstände, mit denen sich der Verein befaßte, die „Aufstellung eines Normal-Lehrplans für den israelitischen Religionsunterricht" war. „Die wiederholten und ausführlichen Besprechungen des Themas — es war demselben sogar eine außerordentliche Mitgliederversammlung gewidmet — waren ebenso anregend und belehrend, leider aber hatten dieselben weder greifbaren noch dauernden Nutzen für die Religionsschulen", berichtet der Chronist in der Festschrift zum 25jährigen Jubiläums des Vereins. Hoffen wir, daß die jetzt im Gang befindlichen Bestrebungen zu einem besseren Ergebnis führen! Geistige Bewegungen wollen Zeit zur Reife haben! Die Wahrheit dieses Satzes erweist sich auch aus dem Verhältnis unseres Vereins zur jüdischen Gesamtlehrerschaft Deutschlands. Schon im Jahre 1890 stellte Oppenheimer, damals in Leutershausen, diese Anträge: Eine Vereinigung sämtlicher israelitischer Lehrer in Deutschland ist anzuftreben, ein Verbandsorgan event. Vereinsorgan ist zu gründen. 1893 begrüßt die Mitgliederversammlung die vom Verein jüdischer Lehrer in Hannover ausgegangene Anregung, alle jüdischen Lehrervereine des Deutschen Reiches zu einem Lehrerbunde zu vereinigen. Der geistige Konnex mit den Brudervereinen war somit ausgenommen, treue Zusammenarbeit auf verschiedenen Gebieten schmiedete das Band fester, bis endlich, nachdem auch die früher vorhandenen vereinsgesetzlichen und andere Schwierigkeiten nicht mehr bestanden, der förmliche Beitritt unseres Vereins zum Verbände der jüdischen Lehrervereine in Deutschland im Vorjahre erfolgte. Der Zusammenschluß findet seinen festlichen Ausdruck in der auch an dieser Stelle herzlichft begrüßten Verbandstagung, die am 27. und 28. Dezember in unserer Stadt abgehalten wird. Möge das Vorgehen der Lehrervereine, die so die Mainlinie überbrückt haben, von guter Vorbedeutung sein und dazu beitragen, daß auch die jüdischen Landesverbände im Interesse des deutschen Judentums recht bald den Weg zu ihrer Vereinigung in einem „Reichsverband" finden.