Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 10 (20.10.1927)
- Article
- Antisemitismus als Phänomen
- Date
- 1927-10-20
- Page
- Seite 301 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 301 trieben gewiß und wird nur sehr übertrieben ihrer gewahr. Das Übertriebene'aber macht unsicher. Sollte es sich in dem Gefühl des Antisemiten zum Juden hinab vielleicht nicht um echte Verachtung handeln — gerade weil der Antisemit sich so sehr viel besser, wertvoller, wohlgeratener fühlt, als den „üblen Perser"? Geringschätzung sieht, worauf sie zielt, zwar ebenfalls unter sich, aber in kühler Freiheit; der Verachtende erlebt nicht seine eigene Erhabenheit, er ist sich selbst überhaupt nicht hoch, sondern nur auf dem rechten Niveau; das Verachtete ist darum verächtlich, weil es so tief unter diesem Normalen liegt — kein Grund, Schärfe, Erregung, Heftigkeit in diese Empfindung der eigenen Normalität zu mengen, die sich ohne Vergleich, ohne stetes Fixieren der Distanz einftellt. Reden wir also nicht von echter Verachtung; vielleicht von gespielter? Von sich selbst vorgespielter? Das lassen wir als Frage stehen. Ein Verachtender, der ein Verehrender ist, weil er ein Verehrender ist und hoch über sich noch verehrungswürdige Werte weiß: der Antisemit ist fern von diesem Sein. Er ist sich selbst vor allem als wertvoll gegeben, als hoch; ja, besser sein als er, ist undenkbar; er ist der vital vollkommene Mensch, zum mindesten der Anlage und Möglichkeit nach — und erst am Vitalen regelt sich ihm, wie wir schon trafen, die Sittlichkeit, ordnen sich ihm die Werte. Darum sieht er sich selbst auch „schön"; darum verspottet er den Juden zunächst um seiner Häßlichkeit willen. Daß der Jude häßlich sei, ist ihm ein Axiom; er sieht nur den häßlichen Juden als Juden an, und erkennt wohlgewachsene Juden mit Durchschnittsgesichtern nicht als Juden. Obwohl Ethnologen die geringere Prozentzahl sogenannter „Iudennasen" (fette hängend gebogenen und verdickten Nasen) unter Juden statistisch feftftellten, und ein Mensch in den östlichen Zentren der jüdischen Massen diese Erfahrung jederzeit mit eigenen Augen machen konnte, zeichnet der Antisemit dem „typischen Juden" eine Wulftnase, Wulstlippen, krumme Beine, gewaltige Hände und Füße, Schlitzaugen hinter Kneifern und einen Bauch — wohingegen der „typische Deutsche", er selbst, als ein hochftirnig schlankes Ideal antritt, schön wie ein Reklamebild für Nährmittel von Franz Stassen, und mit den großen Leuchtaugen einer Optikeranzeige — dies sein Ideal, und man weiß ja, wie strikt die deutsche Wirklichkeit sich danach richtet... Ob sie es aber tue oder nicht: von der Häßlichkeit des Juden (die er mit dem Japaner zum Beispiel teilt) ist nur ein Schritt zum HassenSwerten: falls den Antisemitismus nicht echte Verachtung konstituiert, so doch echter Haß? Antisemitismus ist Judenhaß, der sich des verurteilenswerten Haßcharakters schämt und ein fremdes Deckwort gewählt hat für diese eindeutige Seelenlage? Zwei Sreunde (Ludwig Traube und Von einer Freundschaft zweier Männer der Wissenschaft soll hier gesprochen werden, die es verdient, dem Vergessen entrissen zu sein. Nicht in erster Linie deswegen, weil hier zwei Menschen von grundverschiedener Abstammung und Entwicklung — der Urgermane und rassereine Arier, und der Jude — sich zu inniger Gemeinschaft vereinten. Es ist eine Freundschaft, der um ihrer selbst willen ein besonderes Gedenken gebührt, als ehrendes Zeugnis für die beiden Freunde selbst; zugleich aber auch als eindrucksvolle Widerlegung der verlogenen und künstlich ausgetüpfelten Behauptung von den ewigen Gegensätzen zwischen Arier und Juden. Paul von Winterfeld (gest. Februar 1905), der Abkömmling einer uralten evangelischen Adelsfamilie, die zu den Pionieren des Germanentums gehört und deren Name in Pommern und Brandenburg bei allen Kämpfen des dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts auftaucht, war immer ein Einsamer gewesen, ein Einsiedler und Mönch der Arbeit, ein eifriger, inbrünstiger Diener der Wissenschaft, der wenig Neigung und Zeit zu geselligem Verkehr hatte. Dieser beste Kenner und Vermittler deutscher mittellateinischer Dichtung, dieser berühmte Gelehrte, dessen Tod im Jahre 1905 in den Kreisen der Wissenschaft höchste Trauer erregte, hauste wie ein Eremit in seiner Wohnung, nur von seinen Büchern umgeben, und selten gelang es einem Menschen, in diese Einsiedelei einzudringen. Für äußerliche, oberflächliche Freundschaftsverbindungen, die nach dem Gesichtspunkte gegenseitiger Nützlichkeit und sonstiger praktischer Gründe wegen geschlossen werden, war er nicht zu haben und auch dafür nicht geeignet. Er hatte einen kräftigen Haß gegen aufdringliches, vorteilsüchtiges Gehaben, das auf Einträglichkeit schaut und Zugeständnisse macht um äußerer Vorteile willen. Er forderte vom Freund selbstlose Reinheit und schrankenlose Hingabe an das Edle und Gute, er suchte bei dem, an den er sich anschloß, Liebenswürdigkeit des Gemüts und rücksichtenfreies, opferfreudiges Dienen an der erwählten Arbeit und Wissenschaft. Alles das fand er bei Traube. Und so ist es kein Wunder, daß hier eine Freundschaft entstand, wie sie im gewöhnlichen Leben nicht alltäglich ist und auch in der Wissenschaft nur selten vorkommt. Hermann Reich, der Winterfelds Buch: „Deutsche Dichter des lateinischen Mittelalters" herausgegeben hat^, hat uns in der 1 Deutsche Dichter des Lateinischen Mittelalters. In deutschen Versen von Paul von Winterfeld. Herausgegeben und eingeleitet von Hermann Reich, C. H. Beckhfche Verlagsbuchhandlung, München 1913. Paul von Winterfeld) prachtvollen Vorrede zu diesem Buch die Freundschaft der beiden geschildert, und wir folgen im wesentlichen dieser Darstellung. Professor Ludwig Traube war Dozent an der Münchener Universität, Leiter der Abteilung antiquitates bei den Monumenta Germaniae historica, Mitglied der Göttinger gelehrten Gesellschaft der Wissenschaften, der Münchener Akademie und anderer wissenschaftlicher Institute und Körperschaften. Die ganze gelehrte Welt sah in ihm eine Autorität auf dem Gebiet der Bibliotheksgeschichte, Handschriftenkunde und der mittellateinischen Philologie. Mommsen, der ihn hochschätzte und ihm befreundet war, holte sich Rat bei ihm in paläographischen Dingen, und um seinen Lehrstuhl scharten sich die Lernbegierigen aus allen Kreisen und Schichten: „Benediktinermönche und Jesuiten, Theologen und Bibliothekare, Alt- und Neuphilologen, Germanisten und Historiker — bis aus Amerika kamen die Philologen, die bei ihm Belehrung suchten." Trotzdem hat Traube als Jude lange vergeblich in aufreibenden, seine Gesundheit untergrabenden Kämpfen um das besoldete Ordinriat in München gerungen. Aber, wie Hermann Reich von ihm sagt, „nie war er in der Versuchung, durch überzeugungslosen Abfall vom Glauben seiner Väter etwa den Hindernissen, die seiner äußeren, wissenschaftlichen Karriere in München erwuchsen, aus dem Wege zu gehen. Er hatte Goethe und Lessing zu den Sternen erwählt, die sein Leben leiten sollten. Darum kränkte und erbitterte es ihn, daß ihm um seiner Rasse willen die Möglichkeit aufrichtigen, deutschen Empfindens abgesprochen werden sollte." Nach zehnjähriger Lehrtätigkeit an der Münchener Universität wurde er endlich von der philologischen Fakultät zur Professur vorgeschlagen. Aber auch jetzt mußte er noch einen Kampf darum führen, und erst drei Jahre später, nach unerquicklichen, ermüdenden Verhandlungen mit Ministerium und Abgeordnetenhaus, wurde ihm die Professur verliehen, wenn auch zunächst ohne Besoldung. Traube war schon der anerkannte, berühmte Gelehrte, als er den jungen Doktor Winterfeld kennenlernte. Aber sogleich erkannte er in dem jungen Wissenschaftler den bedeutenden Forscher; und mit selbstlosem Eifer trat er überall, wo es möglich war, für ihn ein. Er ermutigte und förderte ihn, wo Winterfeld zaghaft war, er spricht immer und immer wieder in Briefen seine unverhohlene Bewunderung des jungen Freudes und seiner Arbeiten aus und hat eine reine Freude daran, wenn er ihm mitteilen kann, wie sehr er, Winterfeld, in auswärtigen Gelehrtenkreisen anerkannt und geschätzt wird.