Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 10 (20.10.1927)
- Article
- Antisemitismus als Phänomen
- Date
- 1927-10-20
- Page
- Seite 300 (sequence 2)
- Language
- German
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300 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 10 liche des Erfolges an; er will das Jüdische aus Blickfeld und Lebenssphäre hinter die Grenze des Bemerkbaren verschieben, damit es ins Fremde versinke, woher kein Aufruf der Verantwortlichkeit für das eigene Sein und Leben mehr zu ihm spricht. Verantwortlich fühlt er sich nur für Sein und Zukunft seines Volkes; dies die genaue Form dessen, was er Rassengefühl nennt, da er in seinem Volke den höchsten und verletzlichsten Typ seiner Rasse sieht und geneigt ist, nur dort Rassengemeinschaft klar ausgesprochen gelten zu lassen, wo er eine Gesinnungsgemeinschaft mitwahrnehmen kann: wo gleichfalls Antisemitismus das Volksgefühl, Selbstgefühl tangiert, daher er bei anderen gleichartigen Völkern, die nicht Antisemitismus haben gleich ihm, entweder eine niedere Form des Selbftbewußtseins annimmt, falls er hofft, sie noch zur höheren antisemitischen Form des Selbstgefühls steigern zu können — oder Verjudung setzt. Sind die Angelsachsen z. B. „verjudet", so haben die Skandinavier und Holländer „ihren Feind noch nicht erkannt"; und wenn I. C. Smuts, jener kapländische Premier und General, der vor und in San Nemo ausgesprochen projüdisch in die Entente-Entscheidungen eingriff, als Vertreter der Buren gelten darf, find diese Buren „Verräter an der germanischen Rasse". Innerhalb seines Volkes scheidet er nach ähnlichen Skalen, so daß er als höchsten Grad deutschen Seins sein eigenes Sein und Wesen nicht behauptet, sondern empfindet, und nach dem Grad der Geneigtheit zum Antisemitismus die Stufen völkischer Bewußtheit und Verantwortlichkeit abteilt. Dabei empfindet der Antisemit international: seine Verbundenheit mit dem Antisemiten jenseits der Grenzen, z. B. in Polen oder Ungarn, ist weit inniger als die mit unbezweifelbar gleichgültigen Volksgenossen, die ihm als Gegner gegenüberftehen: jenen „reicht er die Bruderhand", diesen weist er „die gepanzerte Faust". So ist der Antisemitismus als sehr zentrale Angelegenheit seines Trägers sichtbar: teilt er doch die ihm wahrnehmbare Welt in eine Helle und dunkle Hälfte; für die Ausbreitung der hellen fühlt er sich verantwortlich, zu ihr sich berufen — und fähig. Sein AusbreitungSwille kommt ihm als Abwehrpflicht zum Bewußtsein. Er sieht in diese dunkle Welthälfte die Tendenz hinein, sich auszuweilen, er meint sie von unversöhnlicher Feindschaft gegen die helle beseelt und empfängt von dieser Wahrnehmung her die Berufung — zum Angriff und die Legitimierung seiner eigenen Feindschaft gegen sie. Da sie, das unbedingt Minderwertige, auf der Erde, soweit sie ihn angeht und wie er sie sieht, einen breiten Einfluß hat, er aber, der Zahl nach klein und vom Ewig-Schlechten befeindet (nicht Böses, sondern Schlechtes geht gegen ihn an, das verkündigt feine Höchftsetzung der vitalen Werte), sich selbst als Krieger des Guten, das heißt des Edlen, Wohlgeratenen, Zarten und Edlen empfindet, ist er mit Stolz Aristokrat, der die Herrschaft der Besten als Gesetz der Welt statuiert, und was dem Sein -Qualität verleiht, ist das reine und edle Blut, die Abstammung von echten Germanen, denen allein die mystische Kraft des reinen primären Schöpfertums innewohnt. Daher sieht er Germanen, wo immer er bejahen muß, und die Helden der Bibel (auch Jesus, den er kriegerisch umdichtet nach Art des Heliand), die großen Italiener, die französischen Schöpfer der Gotik und die englischen des Dramas sind ihm Folgen germanischen Blutanteils in diesen Völkern. All das sind ihm bewiesene Dinge; und wenn Gelehrte dieser Völker sich gegen solche Hypothese wehren oder gar für das jüdische, lateinische, keltische oder sonst ein anderes Element das Schöpferische in Anspruch nehmen, erhebt sich seine Seele zur Verachtung solcher Anmaßungen. Vor anderen Schöpfungen, den indischen etwa, rettet er sich ins Ariertum; nur das Semitische, nur das Jüdische findet vor ihm als Metaphysiker keine Gnade. Er billigt ihm zu, daß es mächtig sei wie alles Gemeine, ja, er hat ein starkes Bedürfnis, diese Macht zu übertreiben, aufzublasen, sie letzten Endes grell und drohend aller Welt in die Ohren zu schreien. „Das Judentum erstrebt die Weltherrschaft", ist ihm ein Axiom, welches nicht bewiesen zu werden braucht. Da er alles, was ihm gegensätzlich ist, als „jüdisch" wahrnimmt, sieht er in der europäischen Demokratie und im Weltsozialismus zunächst die jüdischen Personen, die daran teilhaben; daß er den Weltkapitalismus ebenso sieht, versteht sich beiläufig; daher, und weil ihm „Volk" der höchste irdische Wert und die einzig legitime Daseinsform des Menschen, alles Nichtvölkische, alles Übernationale demnach aber von vornherein verwerflich, „jüdisch" ist, wird ihm die Ausbreitung dieser Bewegungen zum Sieg des Judentums. Er fürchtet es zwar als gefährlich; seinen Imperativ jedoch, es zu bekämpfen, kann diese Gefährlichkeit nur steigern. Denn er ist Held und Drachentöter, sieht sich gern umwittert von der Tragik des Edlen und seines Untergangs — und ist paradoxerweise außerdem seines Sieges gewiß. Denn unterhalb dieser jüdischen Gefährlichkeit sieht er die jüdische Schwäche, als welche darin besteht, daß das Judentum allein gar nichts ausrichten kann und stark wird erst durch die Völker, die sich von ihm mißbrauchen lassen, z. B. durch den Teil des eigenen Volkes, der nicht Antisemit, sondern Iudengenosse ist. Und da er sich sogleich als sieghaften Typ empfindet und durchdrungen ist davon, daß Walvater die Welt den Edlen gab, den Blonden (Blondheit ist unerläßlich, auch die Griechen sind schlankweg blond, ebenso wie Jesus, Jonathan, Saul, David und Salomo - welchen die Blondheit Goethes, Bachs, Beethovens, Michelangelos, Kants, Schopenhauers, Mozarts zukommen dürfte, die innerliche, bei schwarzem Haupthaar —), den Germanen, ihm also: nimmt er draufgehend den guten Ausgang vorweg und feiert sich als Salz der Erde und Erlöser der Welt vom Juden. Er ist eine pathetische Empfindung, der heutige Antisemitismus, der Humor geht ihm ab, als wäre er von Wagner instrumentiert, als welcher, wie Nietzsche feftnagelte, über den humoristischen Höhepunkt der Posse, die allgemeine Keilerei nicht hinauskam. Dies Humorlose macht seine Überlegenheit, seinen „edlen Typ", sehr verdächtig. Der Bauer des Mittelalters, da er gläubig im wahren Sinne lebte, hatte diese Überlegenheit und diesen Humor, den die Rolle des Juden im Grimmschen Hausmärchen beweist. Der Jude ist der Geprellte stets, der Dumme: wie auch nicht? War er nicht so metaphysisch dumm, als Gott in Christi Leib bei ihm geboren ward, diese Gottheit nicht zu erkennen — diese strahlende Gottheit, die ihm, dem Bauern, ebenso unmittelbar einleuchtet wie seiner törichtesten Magd? Diese dümmste Magd ist, weiß der Bauer, metaphysisch klüger als der klügste Jude; und wie ihm der Teufel von seiner christlichen Gesichertheit aus zur humoristischen Figur wird, bekommt auch der Jude solche Humorfarbe: ein gemütliches Verhältnis oberhalb metaphysischen Bedauerns kann sich einftellen. Ganz anders der heutige Antisemit. Eine stete Gereiztheit schärft seine Empfindung von der Welt und leert sie, sobald das Jüdische darin auftaucht, von aller Gemütlichkeit selbst beim Junker, der sonst daran bäuerlich feftzuhalten pflegt; die Verachtung, mit der er den Juden bemerkt, läßt ihm nicht das ruhige Gesicht, sondern verzerrt es nervös und heftig. Das kommt, weil er so vieles verachten muß: nicht den Juden allein, sondern all das „Jüdische", das, wie gesehen, die Erde erfüllt; ihm ist bei seiner Verachtung nicht wohl, er ist seiner selbst nur sehr über-