Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 10 (20.10.1927)
- Article
- Die alttestamentlichen Plastiken des Bamberger Domes
- Date
- 1927-10-20
- Page
- Seite 299 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 299 Die Kirche (Abbildung 3) trägt die Krone, hält Kreuzftab und Kelch in den Händen und ist hochaufgerichtet als Siegerin. (Durch Verwitterung sind die Hände mit den Attributen abgebrochen, aber nach parallelen Darstellungen zu ergänzen.) — Die Synagoge (Abbildung 1) steht in etwas müder, vorgeschobener Haltung da, um die Augen eine Binde; der Speer der rechten Hand ist zerbrochen (der unterste Teil fehlt heute), die linke Hand mit den Gesetzestafeln hängt ermüdet herab. Der Sinn der beiden Gestalten ist völlig deutlich selbst für Menschen unserer Tage und geht noch über das hinaus, was durch die Propheten- und Apoftelgestalten gesagt wird. An den Pfeilern, auf denen die beiden Gestalten stehen, sind symbolische Szenen angebracht zur Verdeutlichung des Sinnes der Einzelgeftalten; nur die unter der Synagoge ist noch deutbar: Ein jüdischer Mann wird von einem Engel geblendet. Diese Kirche- und Synagogedarftellungen sind nicht etwa eine Erfindung des Bamberger Bildhauers, sondern sie finden sich in großer Fülle an vielen anderen Kirchen von Westfalen bis zum Oberrhein hinunter, ebenso in Frankreich. Häufig kommen sie auch auf KreuzigungSdarftellungen vor, eine Form, die aus der Miniaturmalerei stammt. (Stiftskirche in Wimpfen a. N.) Auch in die geistlichen Spiele sind die beiden Gestalten der Siegerin und der Besiegten eingegangen. Was man aber dem Bamberger Meister und nach ihm dem Straßburger zugute halten darf, ist, daß er das Motiv, das zur Gehässigkeit führen kann, im höchsten Sinne geadelt hat. Die Synagogefiguren in Bamberg und Straßburg erscheinen nicht als schuldige, sondern als tragische Persönlichkeiten, und die große, keusche Haltung, die ihnen eignet, ergreift jeden Beschauer, mag sein Glaube stehen, wo er will. Damit ist das Fürftenportal erschöpft, und unser Interesse wendet sich noch einer Gruppe an einem Seiteneingang zu, den berühmten Adam- und Evaftatuen am Adamportal (Abbildung 4). Über den Sinnzusammenhang der Figuren, die an den anderen Stellen so deutlich waren, können wir hier nichts sagen. Die vier anderen Gestalten der Pforte (aus Neuem Testament und christlicher Heiligenlegende) stehen in keiner Beziehung zu den Gestalten des ersten Menschenpaares. Auö der Aufstellung der Figuren kann man sehen, daß es einzelne Werkstücke nichtvollendeter Zyklen sind, die man nach 1240 hier wahllos zusammenbrachte. Drftomehr aber mag man sich an den beiden altteftamentlichen Gestalten freuen, trotzdem sie ebenfalls verstümmelt sind, und bemerken, wie es diesem — auch wieder namenlosen — Künstler geglückt ist, die Situation der Menscheneltern deutlich Abb. 4. Adam-Portal. Linkes Gemälde. ' -m zu machen. Mit einem köstlich-naiven Staunen blickt Adam gerade in die Welt hinaus, während Eva scheuer und zurückhaltenter dafteht. Aller Ausdruck ist in die Köpfe verlegt; die Körper sprechen gar nicht mit; der mittelalterliche Mensch und Künstler hat kein Interesse an ihm, das Problem der Nacktheit als künstlerische Aufgabe besteht für ihn noch nicht, kaum, daß der Unterschied der männlichen und weiblichen Gestalt deutlich wird. So sind die Körper lediglich Sockel für die prachtvollen Köpfe, deren einfach-große Formen soviel zu sagen vermögen. Nun kennen wir alle die alttestamentlichen Darstellungen aus der Fülle der großen Bamberger Plastik. Sie gehören künstlerisch zu dem Größten, was das dreizehnte Jahrhundert geschaffen hat; doch könnte man die dargeftellten Personen und Szenen durch Gestalten aus allen anderen Gegenden ebensogut ergänzen. Der vorstehende Aufsatz ist als kleiner Beitrag gedacht zu dem Problem: Das Alte Testament, vom Christentum her gesehen, ein wichtiges religionögeschichtliches Kapitel, das einer neuen Bearbeitung harrt. Dr. A. W. ttnlisemitismus als Phänomen' Von Arnold Zweig (Nachdruck verboten) Aus Arnold Zweigs Buch „Caliban"^ oder Politik und Leidenschaft bringen wir mit Erlaubnis des Verlags nachstehenden Abschnitt. Indem wir ohne historische und soziologische Voraussetzungen lediglich den gegenwärtigen Antisemitsmus deutscher Prägung mit langem, offenem, einsaugendem Blick umfassen, ein vorläufig noch dunkles Gebilde seelischen Verhaltens, welches im Antisemiten angesichts des Jüdischen auftaucht, gewahren wir sofort den radikal verwerfenden Charakter dieses Phänomens. Ein negatives von diesem Unwert zu befreien, zeigt den Glauben an das Mög- 1 Arnold Zweig: „Callban" oder Politik und Leidenschaft, Versuch über die menschlichen Gruppenleidenschaften, dargetan am Antisemittsmus. Berlin 1927. Gustav Kiepenheuer. 369 Seiten. Preis in Leinen gebunden 10 RM. Vorzeichen ist dem Antisemiten überall mit Jüdischem gegeben, und umgekehrt antwortet er auf ihm Verwerfliches mit der unmittelbaren Empfindung: jüdisch — ob Körperform oder Kriegsausgang, Kunstwerk oder Wirtschaftsgeftalt. Dem Antisemiten ist Stefan George ein Jude, weil er ihn mißfällig erregt, und Heine ist ihm ein Unwert, weil er Jude ist. Mit dieser Blickart sieht er auf Weltgeschichte und Gegenwart, sie vermittelt ihm das Relief der Dinge und Geschehnisse. Und nicht gelassen oder prüfend erlebt er dieses Relief, sondern mit scharfer ätzender Ungeduld verweist er dies Jüdische ins Verdammenswerte; leidenschaftliche Ablehnung des Verworfenen erfüllt ihn. So ist der Antisemitismus eine aggressive Weltansicht; ein Aufruf zum Kampf gegen das Jüdische begleitet ihn. Ein Trieb, seine Umwelt