Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 10 (20.10.1927)
- Article
- Die alttestamentlichen Plastiken des Bamberger Domes
- Date
- 1927-10-20
- Page
- Seite 298 (sequence 2)
- Language
- German
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298 Bayerische Israelitische Gememdezeuung Nr. 10 Abb. 2. Relief an der Nordwand des Ostchors. feite entsprechen. (Den vier großen Propheten pflegte man die vier Evangelisten gegenüberzuftellen.) Diese Gestalten gehören zu den merkwürdigsten, die man überhaupt sehen kann: Je zwei und zwei in einem festen, architektonischen Rahmen zusammengeordnet, sind sie in erregtem Disput begriffen, Köpfe, Gebärden, Faltenwürfe drücken ihr Pathos aufs stärkste aus, so daß der Beschauer von der Stimmung unweigerlich mitgerissen wird. Am schönsten sind die durchgearbeiteten Köpfe mit den großen, scharfblickenden Augen; es sind Phantasieköpfe, und doch sind sie unbedingt lebenswahr. — Einige merkwürdige Einzelheiten: Der Kahlkopf in der Mitte der östlicheren Hälfte ist Jonas, den das Mittelalter — man weiß nicht warum — so darzuftellen liebte; seine Gewänder hängen feucht und schwer herunter, als ob er eben dem Meere entronnen wäre. Einige andere Gestalten halten Gegenstände in der Hand: Säge, Messer, Steine. Es sind die Instrumente, mit denen sie den Märtyrertod erlitten haben haben sollen, wie christliche Legende ihnen das andichtet. Mittelalterliche Gläubigkeit braucht das schauerliche Sterben jedes Gottbeauftragten, wenn sein Wort ihr als wahr gelten soll. — Vom Künstler der Reliefe wissen wir nichts; man schätzt ihre Entstehung auf etwa 1230 bis 1235. Der Meister muß ein Mensch von starker innerer Bewegtheit und Kraft der Versenkung gewesen sein. Draußen am Haupteingang, dem Fürftenportal, sieht man Verwandtes zu diesen Prophetenreliefen. In den abgeschrägten Gewänden stehen zwischen den Halbsäulen je zwei männliche Gestalten übereinander, die oberen auf den Schultern der unteren: Wiederum jene zwölf Propheten, die die Apostel tragen. In die theologische Sprache jener Zeit übersetzt, heißt das: Das Alte Testament ist der Diener des Neuen Testaments, dieses ist mehr denn jenes, doch geht es aus jenem hervor. Für den Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts bedarf es erst einer langatmigen Erklärung über den Sinn solcher Gestaltung; der Mensch der Stauferzeit verstand diese merkwürdigen Abkürzungen ganz unmittelbar. Künstlerisch gesehen sind die Gestalten denen der Chorschranken ähnlich; etwas rundplaftischer und ein wenig beruhigter im Ausdruck. (Man kann ihnen übrigens wegen starker Verwitterung nicht mehr ganz gerecht werden.) Vielleicht sind sie von einem Gehilfen des ersten Meisters angefertigt; doch bleibt auch das Vermutung; sie werden aber etwa gleichzeitig mit den Reliefen entstanden sein. Im Türfturz ist ein jüngstes Gericht dargeftellt: Auferweckung der Toten und ihre Übergabe an Engel oder Teufel; eine typisch mittelalterliche Idee. Das Relief sollte in freiplaftischen Figuren nach beiden Seiten über den Türfturz hinaus geführt werden, blieb aber unvollendet, so daß wir nur auf der linken Seite einen posauneblasenden Engel sehen und eine sitzende männliche Gestalt, in deren Schoß nackte „Kinder" stehen. Das ist Abraham mit den Seelen der Gerechten im Schoß;'auch hier eine Umdeutung in christliche Paradieseshoffnungen. Es handelt sich dabei durchaus um die Seelen Erwachsener; denn das Mittelalter kümmert sich nicht um den objektiven Maßftab, sondern gibt seine Größenverhältnisse wieder im allegorischen Sinn. Das merkwürdige Grinsen der geretteten Seelen wirkt auf den heutigen Betrachter mehr humoristisch-drastisch, als irgendwie ernst. Auf den Stirnwänden des Portals ganz oben stehen zwei Frauengeftalten, die zusammengefaßt all das ausdrücken, was die Kirche damals über das Verhältnis von Christentum und Judentum zu sagen hatte. Die beiden Figuren verkörpern Kirche und Synagoge, also nicht mehr biblische, sondern rein allegorische Gestalten, die aber durchaus in den Zusammenhang dieses Portals gehören. Abb. 3. Fürstenportal.