Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 9 (19.9.1927)
- Article
- Die Kunst im Leben des Juden
- Date
- 1927-09-19
- Page
- Seite 275 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 9 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 275 vie Kunst im Leben des Juden Von Theo Harburger (München) Das Schicksal des Juden in der Zerstreuung lehrte ihn mehr als andere Menschen den Wandel der Dinge und Zeiten kennen. Es ließ ihn den Unbeftand selbst der für alle Andern dauerndsten menschlichen Gewohnheiten fühlen und das Wohnrecht und damit Abb. 1. K i d d u s ch b e ch e r. Privatbes.: H. G. H. Falk, München das Zugehörigkeitsgefühl zur gewohnten Umgebung, zur Heimat nicht als eine Selbstverständlichkeit empfinden, sondern als eine immer wieder zu erringende Gnade des „Schutzherrn" betrachten. Aus diesem dauernden Spannungsverhältnis zwischen dem naturgegebenen Wunsche, ein zumindest auf Jahrzehnte berechnetes Dasein an einem bestimmten Wohnorte führen zu können, und dem harten Zwange, fremder Willkür schon nach kürzester Zeit weichen zu müssen, ergibt sich eine seelische Einstellung, die der Entwicklung des Schmucksinnes bei unseren Ahnen nicht günstig war. Erft nach dem großen Kriege des 17. Jahrhundert, als die Juden wegen ihrer wirtschaftlichen Bedeutung im Leben des deutschen Volkes wieder nötig geworden waren und damit eine Epoche begann, wo sie trotz der immer noch über ihnen schwebenden Austreibungsgefahr mit größerer Sicherheit in ihren Wohnsitzen sich heimisch fühlen konnten, begegnen wir bei den deutschen Juden wieder Spuren des Triebes zur Verschönerung des Daseins. Dieser wandte sich wohl zuerst der Ausschmückung des Gotteshauses und der synagogalen Geräte zu, doch mit der engen Verknüpftheit des täglichen, insbesondere des häuslichen Lebens mit religiösen Gebräuchen bald auch der kunstvollen Gestaltung mancher Geräte, die dem Alltag Weihe und Zierde verleihen sollten. Kiddusch- und Habdalah-Becher, B'samim- Büchse und Kerzenleuchter, Sabbathlampe und Chanukkah- Menorah, Ssederschüssel und Ethrog-Behälter zeugen noch in manchem Hause vom frommen und zugleich der Schönheit offenen Sinn der Väter. In mancher Leviten-Familie erbt sich das schöne Kohanim-Waschgerät noch fort. So bewahrheitet sich in diesen Zierftücken die Ansicht unserer alten Weisen, daß die Erfüllung der Mizwah sich durch eine schöne Gestaltung derselben zu einer vollen, den ganzen Menschen mit Sinn und Trieb weihenden Handlung steigere. Aus der bisher gelegentlich in Erfahrung gebrachten Zahl alter, dem jüdischen Kult gewidmeten Gegenstände aus Familienbesitz seien im folgenden einige vorgeführt. Ein späterer Artikel soll einer reicheren Darstellung und Vervollständigung des bisherigen Materials Vorbehalten sein. Zugleich wird mit dieser Veröffentlichung die Bitte an die weitere Öffentlichkeit verbunden, die Aufmerksamkeit des „Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden" auf möglichst viele noch im Privatbesitz befindliche Stücke zu lenken, um so eine Bereicherung unseres Wissens auf diesem Gebiete zu erreichen. Zuv Vervollständigung unserer Vorstellungen von der Bedeutung der Juden im Kulturleben ihrer Zeit werden solche Angaben stets wertvoll sein. Am häufigsten finden wir natürlich die zum sabbatlichen Kiddusch verwendeten Becher, die vielfach eigene Hinweise auf diesen besonderen Gebrauch nicht tragen. Ein in der Form besonders reizvolles Stück ist der Becher der Herrn G. H. F a 11 in Mün- Abb. 2. Messings chüss el. Privatbes.: H. IR. Dr. E. Straus, München