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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1927-08-24 · 8 (24.8.1927) · p. Seite 256

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
3 (1927)
Issue
8 (24.8.1927)
Article
Judentum und katholische Kirche
Date
1927-08-24
Page
Seite 256 (sequence 2)
Language
German
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256 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 8 arbeitet. Als Kirchenväter bezeichnet man die christlichen Schriftsteller der ersten christlichen Jahrhunderte, die in Ansehen und Würde eine ähnliche Stellung einnehmen wie etwa die alttestamentlichen Propheten -oder die großen Rabbi bei den Juden. Sie verkündeten oder verteidigten in Wort und Schrift die christliche Lehre und dabei läßt es sich leicht begreifen, daß bei der apologetischen Tätigkeit der Kirchenväter der Bogen manchmal überspannt wurde und dabei Äußerungen sielen, die eine große Vehemenz gegen das Judentum verraten. Murawski führt 58 Kirchenväter an und unter diesen begegnen wir nur 9, die in maßloser Übertreibung, in zelotischer Glaubensgesinnung und im Widerspruch mit den Gesetzen der Nächstenliebe das Judentum bekämpfen. Ihre Meinung fällt daher nicht in die Wagschale, um daraus die kirchliche Stellung und Haltung folgern zu können. Diese wenigen sind nur ausgenommen, weil Murawski es sich zur Aufgabe gesetzt, von den etwa 250 Kirchenvätern alle jene auszuwählen, in deren Reden, Briefen und sonstigen Erlassen irgendein Befassen mit dem Judentum sich vorfindet und so mußten logischerweise auch solche Aufnahme finden, deren Stellung in dieser Frage nicht ganz einwandfrei zu nennen ist. Bei den übrigen 47 stoßen wir jedoch auf jene lapidare katholische Gesinnung, die nichts anderes als Gerechtigkeit, Liebe und Milde gegen das Judentum ist. Wir sehen in klaren und unzweifelhaften Worten bestätigt, daß die Kirche in ihren größten Geistern niemals antisemitisch gewesen ist und daß man es als eine sehr große Torheit ansehen muß, wenn von antisemitischer Seite der Wunsch geäußert wird, die Kirche möge endlich einmal aus ihrer Reserve heraustreten und das Judentum in Grund und Boden hinein verdammen. Im Gegenteil, die Anschauungen der Kirchenväter zeigen auch der Kirche den rechten Weg, den sie in der Judenfrage einzuschlagen hat und der berühmte Abt von Clairvaux, Bernhard, kann als Kronzeuge für die Kirche gelten in ihrer Haltung gegenüber jeglichen Antisemitsmus. Die ersten Worte, die er an den Mönch und Judenpogromisten Radulf richtet, mögen auch hier eine Stelle finden, weil sie mit vollem Recht den Bannfluch über die Judenfeinde schleudern. Sie lauten: „Deine Lehre ist nicht deine, sondern des Vaters, der dich gesandt hat — aber ich glaube, es genügt dir, wenn du bist wie dein Meister: denn er war ein Mörder von Anbeginn, er ein Lügner und der Vater der Lüge. O ungeheuerliche Wissenschaft! o höllische Weisheit, entgegen den Propheten und feindlich den Aposteln. Untergrabung der Frömmigkeit und Gnade! o allerunreinste Irrlehre! o gottesräuberische Dirne, die vom Geist der Falschheit befruchtet den Schmerz empfing und die Rachsucht gebar." Eine bessere Abfertigung des Antisemitismus, auch für die heutige Zeit, die ja auch in der Kultur so weit vorgeschritten sein und alles besser wissen möchte, könnte man sich nicht denken. Nach der Wanderung durch das christliche Mittelalter suchen wir die größten Geister des christlichen Mittelalters auf, um ihre Stellung in der Judenfrage zu erfahren. Zuerst der Fürst unter den Scholastikern, Thomas von Aquin, 1225—1274! Seine Anschauung bewegt sich ganz in den Ideen eine Bernhard von Clairvaux und anderen, von antijüdischer Gesinnung also keine Spur. Der zweite Scholastiker, der spanische Jesuit Suarez, 1548—1617, der Brückenbauer von Scholastik zu Humanismus und Renaissance und deshalb der berühmteste Vertreter des Neuthomismus, bietet in der Judenfrage keine neue Orientierung, sondern kommentiert nur die Anschauungen und Lehren des hl. Thomas von Aquin ganz tm thomistischen Sinn. Das Gesamturteil über das wohlgelungene Werkchen läßt sich dahin zusammenfassen, daß wir hier mit unumstößlicher Evidenz dem kacholischen Standpunkt begegnen, der in dem Antisemitsmus etwas der katholischen Kirche Wesensfremdes sieht, daß aber Gemeinschaftsgefühl und der Geist der Bruderliebe gegen jeden Menschen, also auch gegen den Juden, im Geiste der Kirche gelegen ist, jener Kirche, von der einst die Heiden gesagt: „Seht, wie sie einander lieben!" Vereine Cenlralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Der Landesverband Bayern des Centralvereins erhielt auf verschiedentliche Eingaben wegen der in letzter Zeit vorgekommenen Schändungen jüdischer Friedhöfe folgende Bescheide: Nr. II 24 473 München, den 7. Juli 1927 Bayer. Staatsministerium für Unterricht und Kultus An den Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Landesverband Bayern München Betreff: Beschädigungen von Grabdenkmälern auf israelitischen Friedhöfen. Zum Schreiben vom 1. Juni 1927 Nr. G 1228 Da kein Nachweis dafür vorliegt, daß die Täter, die in verabfcheuungswürdiger Weise auf israelitischen Friedhöfen Grabdenkmäler umgestürzt, beschädigt oder beschmutzt haben, in Bayern öffentliche Volksschulen oder höhere Lehranstalten besuchen, möchte ich zunächst noch davon absehen, eine allgemeine Weisung dahin zu geben, daß in den Schulen auf diese beklagenswerten Zeiterscheinungen hingewiesen wird und die Schüler vor solchen rohen Taten gewarnt werden. Die Schulen werden es sich ohnedies angelegen sein lassen, im allgemeinen Erziehungsrahmen auf Toleranz gegenüber Andersdenkenden, auf Ehrfurcht vor dem Tod und auf Heilighaltung der Begräbnisstätten hinzuweisen. I. V.: gez. Dr. Korn. Nr. 27 645 München 35, den 12. Juli 1927 Freistaat Bayern Staatsministerium der Justiz An den Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e. V. Landesverband Bayern München Herzog-Max-Straße 3—5 Betreff: Friedhofschändungen. Zum Schreiben vom 1. Juni 1927 Nr. G 1228 über die mitgeteilten Einzelfälle von Friedhofschändungen in Bayern habe ich mir eingehend berichten lassen. Dabei konnte ich mich davon überzeugen, daß die Staatsanwaltschaften diesen bedauerlichen Vorkommnissen ihre ernsteste Beachtung zuwenden und alles tun, um die Täter zu ermitteln und der verdienten Strafe zuzuführen. Ich glaube deshalb von allgemeinen Weisungen an die Staatsanwaltschaften absehen zu können. Erfahrungsgemäß ist in den meisten Fällen der Friedhofschändungen die Ermittlung der Täter besonders schwierig. Es wäre daher sehr dankenswert, wenn der Zentraloerein das Ergebnis seiner eigenen Nachforschungen den zuständigen Staatsanwaltschaften jeweils alsbald zur Verwendung bei der Durchführung der Ermittlungen zur Verfügung stellen würde. gez. G ü r t n e r. GUSTI CAHNMANN MENSENDIECK -Gymnastik und Massage Näheres: S o p h i e-S t e h i e - S t r a B e 1 2. T e I e p h o n 60110 Dundestagung der Kameraden Der Älterenbund der Kameraden, der aus dem Deutsch-Jüdischen Wanderbund Kameraden hervorgegangen ist, hat vom 26. bis 29. Mai d. I. seine Bundestagung in Dessau abgehalten. Die jüdische Öffentlichkeit ist am Dasein dieses Bundes, seiner Zielsetzung und seiner Tätigkeit insofern interessiert, als hier eine An-

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