Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 8 (24.8.1927)
- Article
- Zum 80. Geburtstag von Max Liebermann
- Date
- 1927-08-24
- Page
- Seite 248 (sequence 4)
- Language
- German
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248 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 8 dessen Wirkung warte. Unbeschönigt, ganz echt ist das Bild, aber in einem prachtvollen Aufbau, der sich aus der breiten Grundfläche langsam zuspitzt, der Kopf über der weißen Weste stark betont. — Und ebenso lebenswahr ist das Porträt des Reichskanzlers Luther, das erst im vorigen Jahr entstanden ist, ein Alterswerk also. Hier ist die Zurückhaltung, der knapp geschlostene, beinahe viereckige Aufbau des Körpers, vor allem aber das strenge, etwas verkniffene Gesicht Ausdruck des Politikers. Im ganzen ist das Bild auf einen grauen Ton gestimmt, in dem aber viele feine Farbnüancen verwoben, sind. Fragen wir nun, nachdem wir uns in knappen Umristen das Wesen Liebermannscher Malerei vergegenwärtigt haben, wie der Künstler selber aussieht oder aussah, so antworten uns darauf eine Fülle von Selbstporträten. Ich greife das des Zweiundsechzigjährigen heraus, das in der Hamburger Kunsthalle hängt. Er steht im Malerkittel in bequemer, fast zufälliger Haltung da, aber aus den Gesichtszügen spricht doch die scharfe Beobachtungsgabe, die den wesentlichen Bestandteil seiner Kunst bildet. In den Zügen liegt noch gar nichts von der Abspannung des Menschen, der über seine LebenSmitte schon hinaus ist, und es ist ja wirklich erstaunlich, wie sich seine Schaffenskraft bis heute erhalten hat und er hoffentlich noch manches Jahr tätig sein kann. Es bleibt nun noch, eine vielumftrittene Frage zu erörtern: Ist Liebermanns Kunst deutsch oder jüdisch? Es scheint uns müßig, hierauf eine ganz genaue Antwort finden zu wollen; denn der zergliedernde Verstand wird nie endgültig entscheiden können, ob ein wesentliches Merkmal dieser Malerei auf die eine oder die andere Seite gehört. Rein kunsthistorisch betrachtet, steht Liebermann ebenso wie Israels, dem er befreundet war, im Zusammenhang der nordeuropäischen Kunst, als deren gemeinsame Charakteristika man nennen darf: Der Sinn für naturalistische Motive und Darstellungsweisen, und die malerisch-farbige, nüaneenreiche Technik der Bilder. Wichtiger als die Frage, was an Liebermanns Kunst jüdisch sei, erscheint mir die Tatsache, daß er in den Zeiten der Anfechtung und in den Jahren des Ruhms der aufrechte, bewußte Jude blieb. Wir aber wünschen ihm, daß ihm noch ein reicher Lebensabend beschieden sein möge. läge kür „Mölsche Musik" auk der internationalen Ausstellung „Musik im Leben der Völker" zu §rankkurt a. M. (Von unserem Sonderberichterstatter.) Es war eine glückliche Idee der Leitung der Frankfurter Mufikausstellung, neben den protestantischen und katholischen Kirchenmusikwochen auch drei Tage der „Jüdischen Musik" zu widmen. Obwohl die Bezeichnung „jüdische Musik" stark umstritten ist und manche das Vorhandensein einer solchen überhaupt ableugnen — mit Ausnahme der „jiddischen" Volksmusik und -Lieder, deren Melodien durch den Volksmund überliefert und durch zeitgenössische Bearbeiter wie Milhaud und Schalit uns zugänglich gemacht wurden — war es auf jeden Fall ebenso verdienstlich wie interessant, daß hier einmal Gelegenheit geboten war, vor einem großen Kreise jüdischer wie nichtjüdischer Zuhörer Tonschöpfungen, geschaffen für den Gottesdienst in der Synagoge, und reine jüdische Volksmusik zu Gehör zu bringen. Zu dem Eröffnungskonzert im großen Saalbau war der „Jüdische Gesangverein München" und als Jnstrumentalsolist der bekannte Geiger Mischa Elman (Neuyork) gewonnen worden. Der Chor, dessen Dirigent Joses Ziegler bei seinem Erscheinen auf dem Podium von dem ausverkauften Hause herzlich begrüßt wurde, begann sein fast ausschließlich Münchener Komponisten gewidmetes Programm mit dem Matowo für gemischten Chor und Orgel von Löwenstamm und Sochrenu, ^-eappella-Frauenchor von Schimon. Es folgten „Adon olom" von Em. Kirschner und als Uraufführung Moodom des Dirigenten Jos. Ziegler, deren Vortrag den beiden anwesenden Komponisten reichen Beifall und Hervorrufe einbrachte. Das Werk Zieglers — bekanntlich auf ein Preisausschreiben des deutschen Kantorenverbandes hin mit dem 1. Preis ausgezeichnet — stellt eine wirklich wertvolle Bereicherung unserer Synagogen-Musikliteratur dar. Von dem Herkömmlichen durch die Verwendung moderner harmonischer Ausdrucksmittel etwas abweichend, benützt der Komponist chasonus-artige Melodien und Tonfolgen, um den Text des vertonten Gebetes musikalisch zu illustrieren. Ein geschickt eingefügtes Sopransolo, von Frau Sonja Ziegler mit Empfindung und edler Tongebung gesungen, führt über den Chorstimmen schwebend zu einem weihevollen Pianissimo- Ausklang. — Mit der einzigen nicht hebräischen Komposition „Ein Zigele" (Chagadjo) des Londoner S. Almon beschloß der Chor sein Programm. Die Leistungen des etw 60 Personen starken Gesangskörpers hinterließen fast durchwegs einen vorzüglichen Eindruck. Es wurde mit Liebe und Hingebung musiziert, so daß der starke Beifall, der dem Dirigenten und seiner Sängerschar zuteil wurde, wohlverdient war. Die Kantor-Soli brachte Herr Kantor Naumow-Fleischmann (Frankfurt) stimmprächtig und eindrucksvoll zur Geltung. — Zwischen den einzelnen Chören spielte Mischa Elman, von Dr. Willy Salomon (Frankfurt) am Flügel betreut, zunächst das Violinkonzert L-Moll v. Mendelssohn, sodann Stücke von E. Bloch (Niggun), Brahms-Joachim (Ungar. Tanz), eine eigene Bearbeitung Eli, und eine Polonaise von Wieniansky. Außer durch eine alle Schwierigkeiten mit Selbstverständlichkeit beherrschende Technik weiß Elman seine Zuhörer durch eine wahrhaft bestrickend süße Kantilene zu entzücken, die besonders dem langsamen Konzertsatz und den einzigen beiden, den Namen jüdische Musik verdienenden Stücken Niggun und Eli zugute kam, so daß sich der Beifall erst legte, nachdem er mit mehreren Zugaben belohnt war. — Alles in allem ein stimmungsvoller Abend, der zugleich einen würdigen Auftakt zu den jüdischen Musiktagen bildete. — Der nächste Vormittag bescherte den Teilnehmern einen Vortrag des Herrn Oberkantor Em. Kirschner (München) über „die historische Entwicklung des Synagogen-Gesanges". Ausgehend von den Tempelgesängen im alten Tempel von Jerusalem, bewies der Vor-' tragende, unterstützt durch Gesangsproben von Oberkantor Levy (Frankfurt), an Hand von Beispielen, wie sich der Synagogen- Gesang in seinen verschiedenen Etappen bis zu seiner heutigen Gestalt entwickelt hat. Von besonderem Interesse war dabei festzustellen, daß noch heute übliche Gesänge der katholischen Liturgie aus der Gregorianischen Zeit Ton für Ton übereinstimmen mit den Singweisen unserer hebräischen Gebete. So z. B. in Pater noster und Kadisch. — Richtungsgebend für unsere Zeit hält der Vortragende eine Kompositionsweise, die auf den alten Chasonus aufbauend mit dem Rüstzeug der heutigen Harmonisation und Technik sich einen neuen reinen Stil schaffen müsse, ohn'e, wie es in früheren Zeiten der Fall war, ins virtuofenhafte zu entarten. Die mit wissenschaftlichem Ernst durchgearbeiteten und temperamentvoll vorgetragenen Ausführungen des Referenten wurden von dem meist aus Fachleuten bestehenden Auditorium mit verdientem, lebhaftem Beifall ausgenommen. — Der nächste Konzertabend wurde von den Frankfurter Synagogenchören bestritten. Den Anfang machte der in Sopran und Alt mit Knaben besetzte a-capella-Chor der Börsenplatz-Synagoge mit Gesängen des Freitag-Abendgottesdienstes von Sulzer, Japhet, Lewandowfki, Dunajewski und Almann. Hier fiel besonders die Sicherheit auf, mit der der Chor die durchaus nicht immer einfache Stimmführung der ^.-eappslla-Gesänge beherrschte. Doch wäre zu wünschen gewesen, daß der Dirigent Dr. Ehrenreich, der seine Leute im übrigen fest in der Hand und die Chöre mit Liebe und