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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1927-06-22 · 6 (22.6.1927) · p. Seite 182

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
3 (1927)
Issue
6 (22.6.1927)
Article
Vom Berufe des jüdischen Studenten
Date
1927-06-22
Page
Seite 182 (sequence 3)
Language
German
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182 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 6 teil — Menschen hervorgehen, die jüdische Aktivität entfalten, die bereit und entschloffen sind, für die Erneuerung des Judentums und der Iudenheit zu wirken, sei eS in Palästina oder im Galuth, in den Gemeinden oder Vereinen; die bei ihrer Kleinarbeit und allen Widerständen des grauen Alltags -och das hehre Bewußtsein haben, daß sie gleich der größten jüdischen Gestalt unserer neuesten Geschichte, Theodor Herzl, auch für ihr Teil „Diener am Lichte" sind. »leg und Ziel Bund jüdischer Pfadfinder Kadimah will ein Bund jüdischer Jugend sein, ein Pfadfinderbund und ein Wanderbund. Damit sind schon Wesen, Ziel und Weg angedeutet. Unser Bund ist erwachsen aus dem Gefühl tiefster Verantwortlichkeit der jüdischen Jugend für die Zukunft des Judentums und aus dem Wissen um die seelische Not jüdischer Jugend in Deutschland. Er ist eine Jugendbewegung, ein letzter Versuch jüdischer Jugendbewegung in Deutschland. Kadimah ist ein Erziehungsbund. Das Bildungsideal, das uns vorschwebt, ist der Pfadfinder. Der Pfadfinder ist der Mann der Tat, der stets Bereite, zu schaffen und zu helfen. Er fragt nicht lange, er drückt sich nicht vor schmutziger Arbeit, entschuldigt sich nicht mit Zeitmangel oder geht mit einem „Was geht mich das an" seiner Wege, er hilft, weil er helfen muß und weil er helfen kann. Denn der Pfadfinder geht mit offenen Augen durch die Welt, er sieht alles, das Schöne und das Häßliche, er nimmt Anteil an allem, er steht voll und ganz in der Wirklichkeit. Fern ist er von unklarer Romantik und wirren Vorstellungen. Im Bunde lernt der Pfadfinder, was Gemeinschaft bedeutet, er kennt seine Pflicht, er begreift auch die Forderungen der größeren Gemeinschaften des Lebens, des Staates und des Volkes. Im Pfadfinderbund soll sich der junge Mensch seinem individuellen, inneren Wachstum gemäß entfalten. Alles Werthafte, das in ihm steckt, soll zur Entwicklung gelangen. Der Tendenz seiner Struktur nach soll er als ein körperlich, geistig und sittlich gefestigter, freier Mensch leben und seinen Beruf im Leben finden. Der jüdische Pfadfinder findet in sich und in seiner Umgebung noch einen besonderen Komplex, mit dem er zunächst nichts anzufangen weiß, das Judentum. Dieser Komplex wird ihm bald zum Problem, an dessen Lösung er menschlich scheitern und zerbrechen kann. Wir glauben, Judentum, wie es ist, grundsätzlich bejahen zu müssen, wir müssen und wollen Juden sein. Den jungen Menschen, die zu uns kommen, wollen wir ihr Judentum zu entdecken helfen, wir wollen, daß sie wahre Juden werden, bewußt und stolz. Dabei lehnen wir es ab, uns mit sekundären Fragen, den politischen, zu befassen, wir arbeiten nicht im Sinne einer Partei und nicht für eine Partei, wir wollen einer größeren Gemeinschaft dienen — dem Gesamtjudentum. Eine Entscheidung kann erst in einem viel späteren, reiferen Alter erfolgen und nur dann, wenn man mit einem gediegenen Wissen um jüdische Dinge das Material zu selbständigem Urteil erworben hat. Wir halten es daher für unsere Pflicht, nur primäre jüdische Werte zu vermitteln und gültige jüdische Inhalte: Die Werke jüdischen Schaffens, jüdische Geschichte, jüdischen Lebensrhythmus, die Sprache der Gebete und der Schriften des Judentums. Wir wollen den Menschen erziehen, der die Welt mit jüdischen Augen sieht. Solche Gedanken gestalten das Leben unseres Bundes. Schönheit der Formen und Ernst der Arbeit sind seine Grundmächte. Fahrten am Sonntag und große Fahrten in den Ferien schaffen Erlebnisse, die der Heimnachmittag vertieft. Auch zu gründlicher Arbeit haben wir uns zusammengefunden: Es gibt technische Kurse, Pfadfinderkurse, Anleitung zu erster Hilfe, Arbeitsgemeinschaften für jüdische Geschichte, hebräische Gruppen und Kreise, in denen die Älteren die Fragen klären, die sie bewegen. Alles Menschliche und alles Jüdische hat Raum im Bund — Parteipolitik bleibt draußen. Eine Kontrolle, Rechenschaft über das Geleistete, einen Ansporn für weitere Arbeit stellen unsere Prüfungen dar. Sie finden mehrere Male im Jahr gemeinsam auf Treffahrt aller Züge Münchens statt. Wenn der Junge oder das Mädchen 3 Monate im Zug ist, dann macht er bzw. sie die Iungpfadfinderprüfung, in der die Durchdringung des bisher Erworbenen feftgeftellt werden soll. Technisches Können wird verlangt: Feuer machen, Kochen, Singen, Morsen, Zeltbau usw. und die Kenntnis elementarer jüdischer Dinge: Bedeutung unserer Feste, hebräisch Lesen und Schreiben, ein Abschnitt jüdischer Geschichte. Die Ansprüche der zweiten Prüfung sind wesentlich höher, während die dritte Prüfung schon sehr hohe Anforderungen stellt. Umfassendes technisches Können, Verständnis großer geistiger Zusammenhänge, pädagogische Schulung, sehr umfangreiches jüdisches Wissen. Nur wer diese letzte Prüfung besteht, darf einen Zug führen. Auf diesem Wege hoffen wir unser Ziel zu erreichen, den tüchtigen Pfadfinder und den guten Juden zu gestalten. Und wir glauben, daß dieser Typus das Beste ist, was wir aus unseren Menschen machen können, die beste geistige und körperliche Form für jüdische Jugend in Deutschland. Mit unserer Haltung glauben wir nicht nur dem Fortbestand des Judentums in Deutschland zu dienen, sondern darüber hinaus der Menschheit, wenn wir den Typus des Ghettojuden in uns und um uns überwinden. T H A U S D ER MÜNCHEN KARLS PLATZ 5 QUALITÄTSSTOFFE <j STARK ft Cil NÜRNBERG LUITPOLDSTRASSE 11

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