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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1927-06-22 · 6 (22.6.1927) · p. Seite 181

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
3 (1927)
Issue
6 (22.6.1927)
Article
Vom Berufe des jüdischen Studenten
Date
1927-06-22
Page
Seite 181 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 6 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 181 daß nur der Zusammenschluß der vielen einzelnen, die organisatorische Konzentration der Juden der nur auf dem Papiere bestehenden Emanzipation neue wirksame Möglichkeiten zu ihrer endgültigen Verwirklichung bieten könne. In diese Zeit fällt die Gründung von einer Anzahl jüdischer Organisationen, von damas datieren auch die ersten Anfänge der jüdischen Studentenschaft. In Wien wirkte Nathan Birnbaum in den ersten Jahren seiner jüdischen Tätigkeit in den von ihm begründeten jüdischen Verbindungen und als Theodor H e r; l s hehre Botschaft: „Wir sind ein Volk, e i n Volk" und sein Postulat: „Der Zionismus erstrebt die Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Iudenland", in alle Lande gingen, fand er gerade in diesen studentischen Kreisen die begeistertsten und tatkräftigsten Vorkämpfer der nationaljüdischen Idee. War zunächst nur der äußere Zwang des Antisemitismus, die Ablehnung 'der nichtjüdischen Korporationen, Juden aufzuuehmen, der Beweggrund zum studentischen Zusammenschluß, so konnte eS damit nicht sein Bewenden haben. Hinzutreten mußten jene inneren Kräfte und Motive, die der Existenz einer jüdischen Studentenschaft erst ihre höhere Berechtigung verliehen. Die zweite Station in der Entwicklung hieß also: Selbstbesinnung! Besinnung auf die Problematik unseres jüdischen Daseins und auf eine befreiende Lösung aus diesem Dilemma. Nicht mehr Assimilation um jeden Preis, ja sogar um den der Selbstentäußerung, konnte jetzt die Losung heißen, sondern Wiederanknüpfen an altem jüdischen Kulturgut, an jene Kette von Generationen, die vor uns jüdisches Schicksal gestalten und erlitten — eine Bewegung, die Kraft und Würde, Selbstsicherheit und zukunftsbejahenden Mut ihren Trägern verlieh. Uber das Schicksal des einzelnen Juden hinaus weitete sich der Blick und das Verständnis für die Lage des gesamten jüdischen Volkes: Die Assimilation, die durch Taufe und Mischehe ungeheure Lücken in dem jüdischen Volkskörper hinterließ; die ungestillte Not von Millionen von Volksgenossen im Osten und das daraus resultierende Wanderproblem; sodann die verheerenden Wirkungen des Antisemitismus; alle diese Momente wurden als die Symptome einer einheitlichen Iudenfrage erkannt und als deren Lösung nationale Konzentration des jüdischen Volkes gefordert. Von diesen geistigen und soziologischen Voraussetzungen ging guch in Deutschland die nationaljüdische Studentenbewegung aus. Die ersten 1893 entstandenen Studentenvereine breiteten sich bald über das ganze Reich aus und führten zur Gründung des „Bundes Jüdischer Corporationen" (B. I. C.) Zu Anfang dieses Jahrhunderts gesellte sich zum B. I. C. noch das „Kartell Zionistischer Verbindungen" (K. Z. V.), es war aus der Vereinigung von einer Reihe von zionistischen Ver- .bindungen hervorgegangen. Kurz vor Ausbruch des Weltkrieges vereinigten sich diese beiden Verbände — da sie sich in ihren Zielen und Formen immer mehr genähert hatten — zum „Kartell Jüdischer V e r b i n dünge n" (K.I.V.), das gegenwärtig aus 16 Verbindungen besteht. Das K.I.V. hat nicht kritiklos die Formenwelt der nichtjüdischen Verbindungen übernommen. Wenn auch diese zweifellos gesellschaftsbildenden Formen auch für das K.I.V. zur Disziplinierung des Verbindungsbetriebes und für die Erziehung von hohem Werte waren, so hat doch, stark beeinflußt durch die Erlebnisse des Weltkrieges und die Einflüsse der Jugendbewegung, die Entwicklung zur Abschaffung der Satisfaktion geführt: Eine Studentenbewegung, die im jüdischen Erneuerungskampf zumindeftens eine Vortruppe des zur Einheit strebenden Volkes sein wollte, durfte nicht Anschauungen huldigen, die naturnotwendig zu einer Mentalität führen müssen (die deutschen Verhältnisse sind der schlagendste Beweis dafür), die eine weitgehende Entfremdung zwischen Akademiker und dem übrigen Volke herbeiführt. Demgegenüber hat der K.I.V. mehr Berührungspunkte mit der Jugendbewegung. Die sonntägliche Wanderung nimmt eine bevorzugte Stellung im Verbindungsleben ein, ein wöchentlicher Turn- und Sportabend ergänzt die körperliche Ertüchtigung, die in vieler Hinsicht die Voraussetzung für eine bessere menschliche Haltung und Persönlichkeitsbildung schafft. Daß in der Verbindung der Frohsinn und der Humor, wie sie jungen Männern besonders adäquat sind, eine Heimstätte haben, versteht sich von selbst. Unsere Losung von dem Beschäftigen mit jüdischem Kulturgut wäre zum Teil nur eine platonische Beteuerung, tvenn wir nicht instand gesetzt würden, durch Erlernen des Hebräischen unser Schrifttum im Original kennenzulernen. Anderseits verknüpft uns das zu neuem Leben erwachte Hebräisch mit dem .neuen Palästina. Die tätige Anteilnahme und Verbindung mit dieser größten Aufgabe, die der Iudenheit in unseren Tagen gestellt ist, ist für uns von der stärksten erzieherischen Bedeutung. Die Wechselwirkungen, die sich zwischen dem neuen Palästinischen Gemeinwesen und unseren Verbindungen anbahnen, stellen unserem Verbindungsleben konkrete, schöpferische Aufgaben'. Die geistige Erziehung unserer Menschen wäre einseitig, wäre sie nur in die Vergangenheit orientiert. Ergänzend tritt hinzu die systematische Beschäftigung mit allen jüdischen Gegenwartsfragen, denn nichts Jüdisches darf und soll uns fremd sein. Für die älteren Bundesbrüder spannt sich naturgemäß der Bereich der geistigen Durchbildung noch weiter, er muß auch außer jüdische Bezirke ergreifen. Hier stehen km Vordergrund Probleme der modernen Kultur und eine umfassende politische Erziehung. Wenn wir in diesem Zusammenhänge etwa auf Friedrich MeinekeS Werke oder auf die grandiose Gestalt Mar Webers verweisen, denen wir vieles verdanken, so ist damit schon ersichtlich, daß wir zur deutschen Kultur in einem durchaus bejahenden Verhältnisse stehen. Freilich verzichten wir, unsere Bejahung des Staates und freudige Anerkennung unserer Staatsbürgerpflichten mit wiederholten Beteuerungen unseres Wertes vor der Öffentlichkeit zu dokumentieren. Wir treten entschlossen für unsere stattsbürgerlichen Rechte gerade auch in hochfchulpolitischer Beziehung ein; im übrigen glauben wir aber, daß die Wirklichkeit des neuen Palästina mit seiner heroischen Größe und auch mit seinen Schwächen — wie jedes menschliche Werk — und freimütige Auseinandersetzung über Iudenheit und Judentum, die unbekümmert jüdische Eigenart betont und bejaht, zu einer Normalisierung unserer Beziehungen zu unseren christlichen Kommilitonen in absehbarer Zeit führen werden. „ Das K.I.V. will seine Mitglieder zu Männern erziehen ....", heißt es in unserem Programm — zu Männern .allerdings, die höhere Ideale als nur berufliches Reüssieren und Familiensinn kennen, die wissen, daß sie in einer für die jüdische Gemeinschaft entscheidenden Zeit leben, wo es um Sein und Nichtsein des jüdischen Volkes geht. Aus unserer Mitte sollen — und das ist das vornehmste Ziel unserer Erziehung im Kar- 1 Bemerkt sei hier nur, daß heute schon etwa 150 Alte Herren des K.I.V. in Palästina — teilweise in führenden Stellungen — tätig sind.

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