Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 6 (22.6.1927)
- Article
- Die zionistische Jugendbewegung
- Date
- 1927-06-22
- Page
- Seite 178 (sequence 3)
- Language
- German
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178 Bayerische Israelitische Gemeindezeilung M.6 Die zionistische Jugendbewegung darf aber deshalb sicher auf ihre Fortexiftenz bauen, weil der Gedanke der Wiedererweckung der jüdischen Gemeinschaft immer Widerhall besonders bei jungen Menschen finden wird, und weil wir sicher sind, daß die jüdische Not auch immer den jüdischen Menschen schaffen wird, der diese Not zu wenden versucht. Über den Umfang und die Geschichte der zionistischen Jugendbewegung seien noch kurz folgende Daten gegeben: Im Jahre 1912 wird als die erste zionistische Gruppe der Jugendbewegung der Blau-Weiß gegründet, neben ihm besteht, nicht als eigentliche Gruppe der Jugendbewegung, das Kartell jüdischer Verbindungen (K. I. V.), die stark mit Jugendbewegung durchsetzte zionistische Studentenschaft. Nach dem Kriege entsteht der zionistisch-sozialistische Brith-Haolim, der sich 1924 mit dem inzwischen zum Zionismus sich bekennenden Iungjüdischen Wanderbund zu dem neuen Iungjüdischen Wanderbund vereinigt, der die Tendenz eines sozialistischen Zionismus vertritt. Daneben steht als eine starke Gruppe zionistischer Jugend, vielleicht nicht zionistischer Jugendbewegung, der dem Weltverbande des Makkabi angehörende, viele große Gruppen umfassende Turn- und Sportverein Bar-Kochba. Zionisten in erheblicher Zahl sind auch in dem in dieser Beziehung neutralen „Esra" organisiert. In das laufende Jahr fällt die Auflösung des Blau-Weiß, der nur noch als Chaluzbund auch organisatorisch verbunden bleibt, während die sonst noch überall vorhandenen Reftgruppen des Blau-Weiß zur Zeit im Begriffe sind, sich zu anderen Gruppen der jüdischen und zionistischen Bewegung anzuschließen. Eine zuverlässige Angabe über den zahlenmäßigen Umfang der zionistischen Jugendbewegung kann hier nicht gemacht werden, weil es vielleicht gerade in der Jugendbewegung am schwersten ist, die wirklich in der Bewegung stehenden von den noch in den Kartotheken geführten Jugendlichen zu unterscheiden. Georg Lubinski, Berlin. ^hora-lugendbewegung Esra. Jugendbewegung ist an sich keine Zielsetzung; nicht aufs Ziel kommt es an, sondern auf die Art und Weise. Wohl muß ein Ziel da sein; aber, ob es eng oder weit gesteckt, ob es in greifbarer Erfolgsnähe oder in Himmelsferne gestellt ist, das ist der Jugendbewegung gleich. Es kann eine katholische, eine deutschvölkische, eine sittliche, eine antialkoholische, eine zionistische, eine Thora-Jugendbewegung geben; kaum eine neutrale (wo dieser Name erscheint, „deckt" er meist das wahre Ziel, das durchaus edel sein kann). Auf die Art und Weise allein kommt es an und — auf die Menschen: unsere Mädchen können zur Reinheit erzogen werden durch jene alten Damen, die in Großftadtbahnhöfen hinter dem Schiebefenster sitzen und durch Jugendbewegung. Wer mehr Erfolge hat, das geht allein das Statistische Amt an, uns gehtö um die Art und Weise. Wer unsere Jugendbewegung geschaffen hat? Wir wissen es nicht, wenn wir uns auch oft darüber unterhalten. Wir wissen nur, daß ihr zwei Verbände der Älteren vorausgegangen sind: der Bund Jüdischer Akademiker und die AgudaS Iisroel. Ihre jungen Menschen waren unsere ältesten Führer. Aber nicht diese Verbände haben unsere Jugendbewegung geschaffen, so wenig die zionistische Organisation den Blau-Weiß gemacht hat. Bei Kriegsende hat sich unsere Bewegung zu einem festen Bund geschlossen. Das ist der Esra. Der Esra ward die Thora-Jugendbewegung und ist es bis heute geblieben? Der Esra ist bei weitem nicht der größte der Iugendbünde. Er faßte, jung gegründet, etwa 3000 junge Menschen in sich, und hat heute nicht sehr viel mehr. Seine Stärke liegt anderswo; später werde ich es sagen. Der Esra hat ein ganz scharf umrissenes Ziel. Er erstrebt die Erziehung seiner Glieder zu Juden, die sich in ihrem Denken und Leben unbedingt dem göttlichen Gesetz unterstellen. Eine Zwischenbemerkung: Viele werden zugeben, es sei möglich, daß eine Jugend aus sich heraus diesem großen Ziel entgegenftrebt, sie werden uns aber entgegenhallen, daß dies zu fordern ein ungeheures Beschränken heißt, ja jedes freie Entwickeln hemmt. Darauf erwidern wir: Das haben wir mit jeder Jugendbewegung gemein. Selbst eine allgemein-sittliche Jugendbewegung — sie wird jeder anerkennen — fordert Beschränken, hemmt Entwickeln, zu deutsch: merzt jede Unsittlichkeit grausam aus, weil sie die Unsittlichkeit (gleichgültig, ob sie unter den Philosophen ihre Verfechter gefunden hat), als ihr nicht gemäß, als ihr feindlich erklärt. Demgegenüber haben wir ein großes „Voraus": Die Thora, die so viel von jedem fordert, dieselbe Thora läßt auch niemanden entrinnen. Ihr fordernder Arm reicht hin zu jedem von jüdischer Mutter Geborenen. Stärker als reines Volkstum, das durch Verpflanzen verloren gehen kann, stärker als „Religion", die man besitzen und verlieren kann, ist das Gesetz, das selbst vor dem Abgefallenen nicht Halt macht. So ergibt sich, kurz gesagt, das Merkwürdige: Un6 könne selbst der Ubergetretene angehören. Auch ihn „erstrebt der Esra zu einem Juden zu erziehen, der unserem Ziel entspricht". Mehr noch, er m u ß es erstreben. Wer mir aber sagt, er erziehe Menschen ohne ihnen zugleich Richtung zu weisen, dem — glaube ichs überhaupt nicht. Sonst müßte ich ihn größter Verantwortungslosigkeit zeihen. Unsere Art macht uns zur Jugendbewegung. Sie zu schildern, muß in diesem Rahmen unterbleiben. Unser Helfer ist Achawoh, unsere Eigenart Simchoh schel Mizwoh, unser Streben Iir'as haschem?' Das erste haben alle Bünde. Wo Jugend etwas will, unbekümmert, nur „megammas pnehem kodimo" vorwärts den Blick gerichtet: Da schließt sie sich zusammen, nicht für eine Abendstunde, sondern ganz; nicht ein Teil des Wesens erfassend, sondern den ganzen Menschen; nicht denkend, sondern liebend. Dann ist Jugendbewegung da. Drum gibt es keine Jugendbewegung, keine jüdische und keine nichtjüdische, die nicht all dies erzählen könnte, was an dieser Stelle kürzlich die Kameraden berichtet haben: Wandern, Singen, Heimftunde, Bundestag. Aber unser Kennzeichen liegt in unserer Eigenart und in unserem Streben. Unsere Eigenart: Glück im Gesetz. Wir lernen: Wir wollen unser Judentum kennen und unsere Weltanschauung bilden. Um unser Weltbild zu schaffen, helfen wir unserer Jugend, gute Bücher zu lesen, Heiliges und Profanes, und wir reden darüber, wie es auch andere tun. Im Freien draußen soll unsere Jugend Freude am Anschauen, Freude an der Natur, Freude am Bewegen finden. Aber das Judentum suchen wir an seinen Quellen bei Bibel und Talmud, da wo das Judentum liegt, das Moses von Sinai brachte. Der „Faust" steht nicht im Kuno Fischer und das Iu- 1 Neben der Esra-Bewegung gibt es natürlich thoratreue Verbände, ich nenne nur die A. I. I. Organisation, die Chewras Bachurim in Nürnberg u. a. 2 Die Begriffe lassen sich deutsch nicht wiedergeben. Dem Wort nach würden sie heißen: Brüderbindung, Glück im Gesetz, Gottesfurcht.