Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 6 (22.6.1927)
- Article
- Die zionistische Jugendbewegung
- Date
- 1927-06-22
- Page
- Seite 177 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 6 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 177 die Gesamtheit ist hier der Zweck. Jung sein ist dann kein Privileg mehr, das zu Forderungen schon an sich berechtigt, sondern jung sein schafft nur die seelische Bereitschaft, jenen Gesamtbezug am stärksten zu erleben und ihn am leidenschaftlichsten verwirklichen zu wollen. Daraus folgt, daß für die erste Art der Jugendbewegung die Zeit des Jungseins möglichst „gestreckt" werden muß, weil ja nur der junge Mensch Lebensrecht im höchsten Sinne besitzt, während bei der zweiten Art Jungsein in diesem Sinne überwunden werden muß, um mit dem festen Willen des gereiften Menschen das während der Jugend erschaute Ideal zu verwirklichen. Ideal der ersten Art der Jugendbewegung ist der mit der Fülle seiner Gaben gesegnete Jüngling, Ideal der zweiten Art ist der auf Verwirklichung gerichtete Mann. Die zionistische Jugendbewegung gehört zu der Jugendbewegung der zweiten Art. Sie hat nicht so sehr den Bezug auf sich selbst als den Bezug auf die Gesamtheit. Die zionistische Jugendbewegung konnte nicht entstehen aus dem Wunsch junger jüdischer Menschen, eine ihnen angemessene Lebensform zu schaffen, sondern sie ist entstanden aus der Not des jüdischen Volkes. Die zionistische Jugendbewegung entsteht, wie überall in der Welt so auch in Deutschland, in dem Augenblick, in dem das Judentum in Gefahr ist, durch immer größere Angleichung, durch immer stärkere Abschleifung seiner Besonderheiten, aufzuhören, unterzugehen. Die zionistische Jugendbewegung tritt nicht vor die ältere Generation mit der Forderung, ihr das Recht zu geben, nach ihrem, der Jugend eigenem Gesetz zu leben, sondern sie sieht vor allem, die ältere Generation und sich selbst in der Gefahr des Untergangs und sucht diese Gefahr zu wenden. Daraus erklärt sich, daß die Zugehörigkeit zur zionistischen Jugendbewegung einen über die Jugendlichkeit übergreifenden, das' ganz Leben erfüllenden Sinn hat. Die „reine" Jugendbewegung hört auf, wenn der einzelne aufhört, jung zu sein, die zionistische Jugendbewegung hat jenen übergreifenden Sinn. Daraus folgt, daß Zugehörigkeit zur zionistischen Jugendbewegung den Menschen „lebenslänglich" betrifft: wer den Gesamtbezug zur jüdischen Gemeinschaft in der Zeit höchster Empfänglichkeit, der Jugend, erlebt hat, dem haftet dieses Erlebnis sein ganzes Leben hindurch an, wer nur sein Jungsein in der Zeit seiner höchsten Empfänglichkeit erlebt hat, dem endet dieses Erlebnis mit dem Ende der Epoche seines eigenen Jungseins. Die Zugehörigkeit zur zionistischen Jugendbewegung erweist sich aber weiterhin dadurch als besonders bedeutsam, als sie neben der inneren Verbundenheit mit dem Schicksal des jüdischen Volkes jedes ihrer Glieder in die Notwendigkeit versetzt, dieser Verbundenheit in irgendeiner Form konkreten Ausdruck zu geben. Die zionistische Jugendbewegung, auch die zionistische Jugendbewegung Deutschlands, darf für sich das Verdienst in Anspruch nehmen, daß aus ihren Reihen ein neuer Typus des Juden hervorgegangen ist, der Typ des Chaluz, des Pioniers. Hier hat sich der innerste Geist jüdischer Jugend einen sichtbaren Ausdruck geschaffen, der jenseits vom Standpunkt einer nur jugendlichen Wertung einen höchsten menschlich jüdischen Wert darftellt. Und die Erscheinung des Chaluz weift noch eine weitere Paradoxie auf: der Chaluz, der der vollkommenste Verkörperer des innersten Geistes jüdischer Jugendbewegung ist, ist zugleich derjenige, der den Geist unmittelbar verwirklicht. Er, der das höchste Ideal hat, ist zugleich der Wirklichkeit am nächsten. Aber die zionistische Jugendbewegung hätte den Typ des Chaluz von sich allein aus wohl nie schaffen können: der Chaluz erscheint vielmehr als eines der schönsten Ergebnisse aus der Hinwendung einer Jugend zu seinem Volke und zu seinem Lande. Der Chaluz, als ein Pionier der Jugendbewegung in der Galuth, würde niemals den neuen jüdischen Menschen darftellen können; er hat sich vielmehr erst geformt in der Berührung mit Erez Israel, das nicht als eine mystische Macht ihn über Nacht umwandelte, sondern das durch seine Forderungen des Aufbaus die in dem jungen Juden schlummernden Kräfte auslöste und seinem leidenschaftlichen Willen der Schaffung neuen jüdischen Lebens einen Ansatzpunkt bot. So ist denn erst, fast die Jugendbewegung hinter sich lassend, der Chaluz bei seiner Berührung mit der Wirklichkeit entstanden. Von ihm sagt der verstorbene Dichter Moritz Heimann: „Diese Jugend, möge ihr sogenannter Erfolg sein wie er wolle, ist ein Stolz und ein Trost unserer Zeit, wer, der ein Herz hat, fühlte es nicht! Und sind sie nicht Pioniere irgendeines Dämons von Gedanken, so sind sie doch Pioniere ihres eigenen Lebens, bewundernswert, beneidenswert."* Aber die zionistische Jugendbewegung besteht nicht nur aus Chaluzim und künftigen Chaluzim, sondern in ihr ist eine ganze Reihe jugendlicher Menschen, die versuchen muß, den erlebten Gesamtbezug zur jüdischen Gemeinschaft auch hier in der Galuth zu gestalten. Hier sind die Pflege der hebräischen Sprache und eine tätige Anteilnahme am Leben der Genossen in Palästina, darüber hinaus Anteilnahme am jüdischen Leben überhaupt, wichtige Mittel zur Gestaltung der Beziehung zur jüdischen Gesamtheit. Daß der zionistischen Jugendbewegung nicht nur die national-kulturellen und die politischen Fragen, sondern ebenso stark die sozialen Fragen von Bedeutung sind, bedarf für sie, als einer Jugendbewegung, die nicht nur Wiedererftehung des Volkes an sich, sondern auch Wiedererstehung des Volkes zu einem gerechten und erfüllten jüdischen Gemeinschaftsleben erstrebt, keiner besonderen Hervorhebung. Der Einwand liegt nahe, daß einer so zielgerichteten und mit Aufgaben beschwerten Jugend etwas von jugendlicher Unbekümmertheit verlorengeht. Aber nach unserer Kenntnis ist Unbekümmertheit weniger eine tatsächliche Eigenschaft einer bewußten Jugend als vielmehr eher die Forderung der älteren Generation an die Jugend; der Unterschied zwischen der älteren und jüngeren Generation ist oftmals der, daß die ältere sich aufreibt in der Sorge um die Einzelexiftenz der Familie, während der von dieser Sorge noch befreite junge Mensch Raum für die Sorge um die Gesamtheit behält. Deshalb eben erlebt die jüdische Jugend so stark den jüdischen Gesamtbezug. Aber es ist wahr, daß die zionistische Jugendbewegung immer als Schuldnerin der jüdischen Gesamtheit gegenübersteht, die zionistische Jugendbewegung ist wirklich beschwert von Aufgaben. So kommt es auch, daß sie nicht die stärkste Gruppe innerhalb der jüdischen Jugendbewegung ist. Die Bereitschaft, sich von großen Ideen ergreifen zu lassen, ist gegenüber der Zeit um das Ende des Krieges geringer geworden. Die mangelnde Bereitschaft der Hingabe an eine große Idee zeigt sich aber besonders, wenn diese Idee unter Umständen den Einsatz des ganzen Lebens verlangt, wenn sie verlangt, Pionier seines eigenen Lebens zu werden. Wir verkennen nicht das Gewicht der Gegenmächte, die der Hingabe an die Idee mit dem Hinweis auf das Wohlergehen des einzelnen entgegenwirken. Und wir schätzen diesen Hinweis auf das Wohlergehen des einzelnen nicht gering ein, wir wissen aber, daß derjenige, der ernsthaft versucht, einer großen Idee zu leben, dem unmittelbaren Sinn des Lebens um soviel näher und um soviel reicher ist, als er auf äußere Güter verzichten muß. 1 Moritz Heimann, Nachgelassene Schriften. S. Fischer, Berlin 1926. S. 144.