Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1927-05-23 · 5 (23.5.1927) · p. Seite 139

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
3 (1927)
Issue
5 (23.5.1927)
Article
Hebräische Büchereien im Gebiete des heutigen Bayern
Date
1927-05-23
Page
Seite 139 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2727810-2727836-2727842-2731268--01974-2731357
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 5 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 139 sammengetragener Haufe von Büchern bezeichnet. Der gute Widmanftetter habe scheinbar überall zusammengerafft, was für ihn erreichbar gewesen sei, auch minderwertige Schriften, sophistische Werke des vorigen Jahrhunderts uff. Zunächst wollte Herzog Albrecht daher die Bibliothek dem Iesuitenkolleg in Ingolstadt schenken. Die aber lehnten dankend ab. Der bibliothekarische Nachlaß des Juristen, Humanisten und Orientalisten bot den Theologen offenbar zu wenig. Erst als Erzherzog Maximilian, König von Böhmen, der spätere Kaiser, sein Interesse für die so verkannte Bibliothek bekundete und als Käufer auftreten wollte, überkam Albrecht eine Ahnung von dem Werte der Sammlung und er entschloß sich, die Bibliothek selbst zu behalten. Er kaufte sie für den auch für damalige Verhältnisse lächerlich geringen Preis von 1000 fl., die er zudem nicht sofort auszahlte, sondern den Erben noch einige Jahre zu dem damals sehr niedrigen Zinsfuß von 5 Prozent verzinste. Die Bibliothek befand sich zunächst in Landshut und Albrecht, der immer noch selber nicht wußte, welches Verdienst er sich durch den Kauf um die kulturelle Entwicklung Bayerns erworben, dachte gewiß nicht anders, als daß sie dort bleiben solle. Erst nachträglich gelang es dem Einfluß seiner Umgebung, den Herzog zum Teil unter Geltendmachung politischer Gründe — der Nachlaß des Diplomaten enthielt viele wichtige und geheim zu haltende Staatsakten — dazu zu bestimmen, die Bibliothek im Jahre 1558 in seine Residenzstadt München verbringen zu lassen. Es war dies die Geburtsstunde der heutigen Bayerischen Staatsbibliothek, der zweitgrößten Bibliothek Deutschlands überhaupt, deren Grundstock die Widmanftettersche Bibliothek bildet und die somit von vornherein einen reichhaltigen Bestandteil an hebräischen Handschriften und Drucken enthielt. o Denkmünze auf Widmanstetter. In weiteren Artikeln sollen die hebräischen Bestandteile der heute gleichfalls fast vollkommen mit der Bayerischen Staatsbibliothek vereinigten Fugger-Bibliothek, sowie einzelne wertvolle anderweitige Hebraica der Staatsbibliothek behandelt werden. Auch die hebräischen Bestände anderer öffentlicher Bibliotheken, besonders der Nürnberger Stadtbibliothek und einzelner privater Sammlungen sollen Gegenstand weiterer Darstellung sein. Oie Sittenlehre des Judentums, eine lZetrachtung zum §este der Offenbarung von Rabbiner Dr. Stein (Schweinfurt) „Man hat dir verkündet, Mensch, was gut ist und was der Ewige von dir fordert. Nichts, als Gerechtigkeit zu üben, Wohltätigkeit zu lieben und demütig zu wandeln vor deinem Gott!" Ihr habt, meine Andächtigen, alle schon davon gehört, daß eS eine Wissenschaft gibt, die den Anspruch erhebt, durch Prüfung des Lebens und seines Inhalts festzuftellen, was der Mensch tun und lassen muß, welche Tugenden er sich aneignen und welche Laster er lassen soll. Die Wissenschaft, um die es sich handelt, nennt man Ethik oder Sittenlehre. Man nennt sie auch Moralphilosophie. Man findet sie schon in den ältesten Zeiten bei allen Kulturvölkern, vor allem bei den Griechen, deren Sprachgut ja der erste der Namen entlehnt ist. Als Voraussetzung einer jeden Sittenlehre gilt bei den Philosophen die Beantwortung der Frage, was denn das höchste Gut des Menschen sei, das er erreichen soll, da je nach der Auffassung über das höchste Gut das Leben und Streben einzurichten ist. Da nun die Thorah gleichfalls den Anspruch erhebt, des Menschen Weg zu zeichnen, da sie es als ihre Hauptaufgabe betrachtet, die Mittel und Wege anzugeben, durch die man zur Erreichung des höchsten Gutes gelangt, so dürfte eine Besprechung der ethischen Grundfragen als eine für den heutigen Tag, das Geburtsfeft der Thorah, durchaus geeignete Betrachtung angesehen werden. Die Antwort auf die Frage, worin wir das höchste Gut des Menschen zu sehen haben, lautet verschieden, da fast jedes Volk und jede Zeit zum Worte kommt und ihre eigene Anschauung niederlegt. Bald hören wir, das höchste Gut des Menschen sei das Freisein von jeder Furcht und Gemütserregung. Man erlange dieses Glück dadurch, daß man sich durch nichts im Leben überraschen und erschüttern läßt, indem man eben zu jeder Zeit auf alles, also auch auf das Schlimmste gefaßt sei. Es ist dies mehr eine negative Auffassung, das Freisein von Übel, das Freisein von GemütSaffekten. Andere Antworten lauten mehr positiv: Das größte Gut ist zu erblicken in der größten Glückseligkeit. Wie erreicht man diese? Da lautet die Antwort, durch reiches Wissen. Daß aber Wissen nicht glücklich macht, besonders, wenn es rein verstandesmäßiges Wissen ist, das nicht auf das Herz und den Willen wirkt, das haben wir schon öfters auseinandergefetzt. Eine andere Antwort lautet, durch Befriedigung der sinnlichen Luft. Also die sinnliche Freude und Befriedigung sei das höchste Gut. Und nicht etwa leichtfertige Menschen waren eS, die diese Antwort gegeben haben, sondern tiefe Denker und ernste Philosophen. Wohl der größte Teil der Menschen beobachtet ein Verhalten im Leben, das erkenne» läßt, wie das einzig treibende Moment die Luft und das Vergnügen ist mit Hintansetzung aller höheren Anforderungen der Religion und der schlichten Sittlichkeit. Aber in ein System wurde diese Anschauung erst von dem griechischen Philosophen Epikur gebracht. Dem Judentum ist mit Recht eine solche Anschauung widerwärtig, unannehmbar, sie ist ihm vollständig gleichbedeutend mit Gottesleugnung und darum ist auch der Epikuräer für das Judentum der Ausdruck für den Gottesleugner. So heißt es in den Sprüchen der Väter: „Wisse, was du dem Epikuräer, d. h. dem Gottesleugner, zu antworten hast!" Die Propheten des Pessimismus - das sind die Leute, welche mit der Welt und dem Leben durchaus unzufrieden sind, die Welt und Leben vom Grunde aus ändern möchten, wenn sie es

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.