Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 4 (15.4.1927)
- Article
- Bericht über die Verhandlungen der 5. Tagung des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden am 13. und 14. März 1927 in Fürth
- Date
- 1927-04-15
- Page
- Seite 109 (sequence 10)
- Language
- German
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Nr.' 4 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 109 Es erhebt sich die Frage: Werden unsere Mitbürger uns hier willig aufnehmen? Es ist ein Teil der großen Frage nach unserer Stellung im Vaterlande. Die antisemitische, die judenseindliche Haltung im Lande ist zurückgegangen. Wir danken der Staatsregierung, daß sie die Zügel der Regierung hier fest in Händen hat. Wir danken insbesondere auch einem Mann, daß er an dem ghfährdetsten Posten des öffentlichen Lebens, an unseren Hochschulen, die Fackel der Menschlichkeit weit sichtbar erhoben hat. Wir danken dem rector maxniliLus der Münchener Universität Geheimrat Voßler, daß er be>i seinen jungen Kommilitonen jüdischen Bekenntnisses den Glauben an die Gerechtigkeit wieder hergestellt hat. Größer aber als die Gefahr des Antisemitismus, der offenen Judenfeindschaft, ist die Gefahr des Asemitismus, des Lebens ohne Juden, des stillen, geräuschlosen Ausschlusses der Juden vom Verkehr und Gesellschaft, des Ausschlusses aus der deutschen Kultur. Und hier ist vielleicht ein offenes Wort an uns selbst am Platze. Wir sind geneigt, diese Entwicklung selbst zu fördern aus Selbstbewußtsein und Stolz, aus beleidigtem Ehrgefühl und aus festem Charakter. Ich bin weit entfernt, einer unwürdigen Assimilation das Wort zu reden. Die letzten Jahrzehnte haben uns ein unverlierbares Gut gebracht, wir haben uns auf unser Judentum wieder besonnen, wir haben unseren Kern, unser Innerstes wieder gefunden. Aber in diesem Vollbewußtsein unseres Selbst dürfen wir uns dem Vaterlande nicht entfremden, uns von der deutschen Kultur in allen ihren lebendigen Ausstrahlungen nicht zurückziehen, so schwer uns dies im Einzelsalle auch fallen sollte. Denn sie macht unser Herzblut aus und mit keiner geistigen Macht hat die jüdische Seele eine so innige und glückliche Verbindung eingegangen als mit dem deutschen Wesen und mit aller Kraft ihres Könnens und Fühlens hat sie dem deutschen Geiste gedient. So mögen wir nicht selbst Schranken errichten gegen unsere Mitbürger, sondern unseres eigenen Wertes uns bewußt zu unserem bescheidenen Teile Mitarbeiten und dienen zum Wiederaufbau unseres geliebten deutschen Vaterlandes. Ich komme zum Schluffe, zu den großen Aufgaben, die unsere Tagung zu lösen hat. Eine Ausgabe vermissen wir, deren Lösung Sie erwarten konnten, den Zusammenschluß der Landesverbände zu einem Reichsveichand. Schon von Gründung des Verbandes an haben wir die Schaffung einer Reichsorganisation in unseren Arbeitsplan ausgenommen. Wir haben uns dabei nicht aufgedrängt. Die Aufgabe des Preußenverbandes wäre es gewesen, von Anfang an die Führung zu übernehmen. Er hat dies nicht getan. Mit seiner Billigung und der Billigung der übrigen Länder haben wir einen Entwurf gebracht. Der Preußenverband hat sich an den Verhandlungen eingehend beteiligt, auf seine Anregung hat der Entwurf vielfache Änderungen erfahren und der Große Rat hat ihn gebilligt, die Landesversammlung hat ihn abgelehnt. Wir sind nicht unglücklich darüber. Es war nicht der Ehrgeiz, der uns veranlaßt hat, die Initiative zu ergreifen, vielleicht war es die Besorgnis, es möchten sich im Reiche Tendenzen entwickeln, die, ungünstig auf uns selbst zurückwirken könnten. Wir wollten die Methoden, die sich bei uns bewährten, auch auf das Reich übertragen. Wir wollten für den Anfang ein festes aber einfaches Haus uns bauen, wir wollten einen möglichst großen Nutzeffekt durch einen möglichst geringen Kräfteaufwand erzielen, wir wollten rein sachliche Arbeit leisten und die Grundlage schaffen, die uns wie im eigenen Haus auch dort die wichtigste erschien, den Ausgleich der religiösen Richtungen. Auf der Arbeit, die wir hier geleistet haben, wird jede Organisation weiterbauen müssen, die den Gedanken einer Bildung des Reichsverbandes wieder ausnimmt. Den Kräften aber, die den Entwurf zu Fall gebracht, rufen wir zu: „Wir haben unsere Pflicht getan, tun Sie die Ihrige!" Einmütig haben sich die süddeutschen Verbände zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen. Sie werden die auf Schaffung eines Reichsverbandes gerichteten Bestrebungen im gegenseitigen Benehmen weiter ve>rfolgen. Sie werden durch gemeinsame Arbeit und den Austausch ihrer Erfahrungen praktische Arbeit vollbringen und so die Leistungen der einzelnen Länder wirksamer und fruchtbarer gestalten. Die Satzungen dieser Arbeitsgemeinschaft werden wir Ihnen heute Nachmittag zugehen lassen. Das Kernstück unserer Verhandlungen bilden die Mustersatzungen der Gemeinden. Die Bedeutsamkeit dieser Satzungen ist, wie ich erfahren habe, umstritten. Tatsächlich haben diese Satzungen ein Doppelgesicht, einen Januskopf. Sie sind für die, Gemeinden unverbindlich. Die Gemeinden können sie annehmen oder verwerfen. Sie können auch nur einzelne Stücke verwerten. Wir lehnen es ab, in die Selbstverwaltung der Gemeinden einzugreifen. Und doch sind die,se Satzungen bedeutsam wie kaum ein anderes Stück des Verbandsrechts. Nicht so sehr, weil zahlreiche Klein- und Mittelgemeinden die Vorlage solcher Satzungen dringend begehrt haben, sondern weil in ihnen der Wille des Verbandes, der Wille der jüdischen Allgemeinheit in Bayern sich ausdrückt, daß diese Regelung rechtens sein soll. Es finden hier weltanschauliche Gegensätze, es fanden hier Kämpfe ihren Abschluß, die seit mehr als hundert Jahren die bayerischen Juden bewegt und vergeblich auf einen Ausgleich gewartet haben. Es ist das letzte und schwerste Gesetzgebungswerk des Verbandes, das innerreligiöse Fragen behandelt. Es verbleibt uns dann nur noch eine große Arbeit, die Bezirksgemeindeordnung des Verbandes, deren, wenn auch erhebliche Schwierigkeiten mehr auf juristisch-technischem und organisatorischem Gebiete liegen. Durch die Gestaltung der Mustersatzungen abe,r wird der Verband auf die Probe gestellt, ob er seiner Aufgabe gerecht wird, die religiöse Gemeinschaft in Bayern zweckmäßig zu verwalten, ihre Kräfte und Glieder in ein richtiges Verhältnis zu einander zu bringen, ein religiöses Leben und ein Gemeinschaftsleben zu bewirken, das dem einzelnen den Halt an seiner Gemeinde gibt und das der Gemeinde die Kräfte ihrer Mitglieder frei und nutzbar macht, ein Gemeinschaftsleben, das den Verband, die Gemeinden und ihre Mitglieder im wechselseitigen Austausch ihrer Energien verknüpft und ihre Kräfte stärker macht. Die Tagung des Jahres 1927, welche diese Aufgabe löst, wird sich ein dauerndes Verdienst in der Geschichte der bayerischen Juden erwerben. Wir alle werden den Klang des Fürther Namens in die Welt hinaustragen wie der reiche Michel von Dornberg, reich nicht an äußeren Gütern, doch reich durch die Einsicht und den guten Willen, die wir hier erfahren. So wollen wir guten Mutes an die Arbeit gehen. Möge unser Werk der Gemeinschaft, der wir dienen, zum Segen gereichen und ihr Ehre bringen. Das walte Gott! ObstLGR. Prof. Dr. S i l b e r s ch m i d t: Hochansehnliche Versammlung! Ich habe heute vielen danken dürfen. Ich habe als letztem zu danken unserem verehrten Herrn Präsidenten für seinen ausgezeichneten Bericht, in dem er Ihnen ein Bild gegeben hat, wie der Verband nun wirklich arbeitet. Sie haben daraus entnehmen können, mit welchem Maß von Fürsorge und Liebe der Verband die von ihm betreuten Gemeinden, ihre Beamten und Pensionisten, die seiner Hilfe bedürfenden Anstalten und Einrichtungen und alle Schwachen und Schutzsuchenden umgibt und wie er bestrebt ist, den festen Bau, der errichtet ist, immer wohnlicher zu gestalten. Und der Dank hierfür gebührt in erster Linie unserem verehrten Herrn Präsidenten, der seine schöpferische Begabung und seine einzigartige Arbeitskraft in einer Weise in den Dienst des Verbandes stellt, die nicht mehr übertroffen werden kann. Wir wollen aber bei unserem Dank nicht diejenigen vergessen, die ihm zur Seite stehen, die Mitglieder des Rats und der Ausschüsse, deren Leistungen nur ermessen werden können von denen, die den Dingen näher stehen. Und so wollen wir die heutige Vormittagssitzung mit dem Dank an alle diejenigen schließen, die die Arbeit des Verbandes gefördert haben und ich darf der Hoffnung Ausdruck geben, daß alle Wünsche, die an die Arbeit unserer heutigen Tagung und die Zukunft des Verbandes geknüpft worden sind, in Erfüllung gehen mögen zum Wohls der im Verband vereinigten jüdischen Gemeinden. Zum Schlüsse darf ich vielleicht an ein Wort anknüpfen, das einer unserer verehrten fünf Toten, deren wir heute gedacht haben, gesprochen hat, unser Saarländer Beer, als er einmal unsere Versammlung verließ. Wir gaben damals unserer Besorgnis über das Schicksal der Pfalz und des Saarlandes Ausdruck. Da sagte er: „Seid unbesorgt, das eine steht fest, wir werden unserem alten Vaterlande stets die Treue halten, was auch immer kommen möge. Denn ich werde nie vergessen, daß ich ein deutscher Jude bin." Ich nehme dieses Wort für uns auf und schließe mit dem Bekenntnis: Auch wir werden nie vergessen, daß wir deutsche Juden sind. Mit diesen Worten schließe ich die heutige Vormittagssitzung. (Fortsetzung des Verhandlungsberichtes in der nächsten Nummer der Zeitung.)