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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1927-04-15 · 4 (15.4.1927) · p. Seite 97

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
3 (1927)
Issue
4 (15.4.1927)
Article
Das Fest der Religion
Date
1927-04-15
Page
Seite 97 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 4 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 97 lebnis des Festes in ihren Kindern aufs neue miterlebten. Mit Recht haben sie und mußten sie d en als Frevler und Gottesleugner erkennen, der erst fragen konnte, wie das Pesachfeft für sie ein Gottesdienst sein kann, weil sein Gemüt dumpf, sein Gefühl stumm, seine Seele tot war für all das Heilige, für all das Unaussprechliche, das aus dem Pesachfeft dringt. Viel zu erzählen, viel zu lehren, zu künden und zu offenbaren hatte der Vater dem Kinde, dessen Ohr feinhörig für des Festes Botschaft war, das darnach fragte, was Gott, den es in der Feftesfeier miterlebte, uns geboten. Wenn der Funke des religiösen Erlebens in unseren Häusern aufleuchtet, aufleuchtet im Auge unserer Kinder, sein Strahl in ibr Herz dringt — und welchem wahren Pesachfeste kann diese heilige Kraft fehlen? — dann wollen wir wie unsere Väter durch die schönen Erzählungen und die weihevollen Lieder, durch die geschichtliche Erinnerung und die hohen Symbole dieses heilige Feuer warten: „die Zeit unserer Befreiung", sie wird das Fest der Befteiung von allen irdischen und feindlichen Fesseln, die den Gottesgedanken beeinträchtigen, die Erhebung zu Gott behindern. Sprechen wir nur vertrauensvoll aus en maftirin achar hapesach afikomon. Wo das Pesachfeft mit seiner Weihe das Göttliche ins Herz gepflanzt hat, da wird Irdisches und Sinnliches nicht seinen Festzug antreten. Hat das Pesachfeft uns Gott gebracht, so schwindet vor seinem Geiste alles Niedrige und Gemeine, so vergeht vor seiner Macht alles Feindselige und Bedrohliche. Israel Finkelscherer. Die Ansiedelung jüdischer Die deutschen Juden gehören zum überwiegenden Teile dem Kaufmannsstand und den sogen, akademischen Berufen an. Landwirte und Handwerker sind viel seltener. Dem entspricht auch die Verteilung der jüdischen Bevölkerung auf Stadt und Land. Diese einseitige Berufsschichtung ist gewiß erklärlich aus der Bedrückung der Juden im Mittelalter, derzufolge ihnen gerade der Bodenerwerb und der Zugang zum Handwerk versperrt war. Aber es muß von neuem festgeftellt werden, daß diese einseitige Berufsschichtung keinesfalls — wie manche bei oberflächlicher Beobachtung meinen - — günstig ist, sondern im Gegenteil sehr bedenklich. Nicht etwa, weil diese anormale Verteilung auf die Berufe besonders geistiger Tätigkeit als ein Erbteil aus dem Mittelalter anzusehen ist, sondern weil sie für die Zukunft der deutschen Juden in gesundheitlicher und in politischer Beziehung gefährlich ist. Es sei hier nur an den großen Verbrauch von Nervenkraft, an die Kinderlosigkeit so vieler städtischer Ehen gedacht. Es sei angedeutet, daß im Interesse der Verwurzelung eingesessener Juden eine Verteilung der Berufe und damit der Arbeit am deutschen Volkswirtschastskörper zu wünschen wäre, die einigermaßen der Verteilung der seßhaften Gesamtbevölkerung entspräche. Dazu kommt, daß die allgemeine Notlage ganz besonders die kaufmännischen Angestellten oder die in wissenschaftlichen und künstlerischen Berufen tätigen Menschen heimgesucht hat, ja, daß gerade die Juden, die zum größten Teil dem städtischen Mittelstand angehören, besonders leiden, seit diese für die deutsche Kultur so wichtige Mittelschicht mit Untergang bedroht ist. Sollen nicht große Teile der Iudenschast dem Proletariat verfallen, so muß nach neuen Wegen zur Erhaltung ihres Lebensstandards gesucht werden. Ein solcher Weg ist die Rückkehr zur Landwirtschaft. Man komme nicht mit dem Einwand aus der antisemitischen Giftküche, daß die Juden dafür nicht geeignet wären. Die Vergangenheit und die Gegenwart beweisen in vielen Beispielen, daß dies nicht wahr ist. Wie sehr ist es gerade von diesem Standpunkt zu bedauern, daß die zahlreichen stattlichen Güter jüdischer Landwirte in Schwaben, Franken und in der Rheinpfalz, welche in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden sind, an Zahl und Größe immer mehr zurückgegangen sind. Es soll jetzt nicht darauf eingegangen werden, die Vorzüge Landwirte in Deutschland des Landlebens zu schildern, die Gründe anzugeben, warum gerade heute wieder für die deutschen Juden ein geradezu historischer Moment gekommen ist — den man erfassen oder versäumen kann — der Bebauung eigener Scholle sich zuzuwenden. Es soll nur darauf hingewiesen werden, daß diese Sachlage auf der diesjährigen Tagung des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden in Fürth ein besonders betonter Gegenstand in der Ansprache des Präsidenten des Rates, Herrn OberlandeSgerichtsrat Dr. A. Neumeyer, und der folgenden Aussprache unter den verantwortlichen Führern der bayerischen Juden gewesen ist. Die Anregung, diese Siedlung jüdischer Landwirte von neuem und energischer wie schon mehrmals in den letzten Jahrzehnten zu organisieren, ging vom Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten aus. Diese bedeutende Organisation, die schon Großes in der Verteidigung der jüdischen Ehre geleistet hat, hat die Absicht, die Ansiedlung in großem Stile durchzuführen. Sie leitet ihre Berechtigung dazu von der Tatsache her, daß ihre Mitglieder (über 40 000) ausnahmslos mit der Waffe in der Hand in vorderster Front für die Verteidigung des deutschen Bodens gekämpft haben. Warum aber kann man nicht jedem einzelnen diesen Schritt zur Scholle überlassen? Weil den meisten und gerade den bereits in der Landwirtschaft ausgebildeten Juden die Mittel zum Erwerb eines Eigenbettiebes fehlen und weil der einzelne viel weniger sachliche und persönliche Schwierigkeiten überwinden kann als eine Gemeinschaft. Zur Ausführung dieser Idee will der Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten eine jüdische Siedlungsgesellschaft gründen, zu der alle sachliche Vorbereitung bereits getroffen ist. Im Januar haben bereits in Augsburg, München, Nürnberg, Regensburg, Würzburg Versammlungen über diese Angelegenheit ftattgefunden, die ihre besondere Note durch die gänzenden Ausführungen des Redners, Herrn Gutsbesitzer A. Sandelowfli, empfangen konnten. Es verdient Anerkennung, daß der Landesverband Bayerischer Israelitischer Gemeinden die Bestrebungen des Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten in moralischer und tatkräftiger Weise zu fördern einstimmig beschlossen hat. —! —

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