Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 4 (15.4.1927)
- Article
- Das Fest der Religion
- Date
- 1927-04-15
- Page
- Seite 96 (sequence 1)
- Language
- German
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96 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 4 Vas §eft der Religion (Eine Pesachbetrachtung) Es ist das Eigentümliche aller großen Erscheinungen im Natur- und Geistesleben, daß der Beobachter oft von einer Seite derselben so ergriffen wird, daß er das eigentliche Wesen derselben nicht genügend erkennt oder ganz übersieht. Je machtvoller und inhaltsreicher der Gegenstand oder Vorgang ist, um so größer ist die Gefahr. Die Lichtstrahlen der einzelnen Teile blenden das Auge und lasten es das Ganze nicht in seiner wahren Gestalt sehen. Einzelerscheinungen von noch so großem Werte lasten den wahren Wert des Ganzen nicht erfassen. Eine solche Bewandtnis scheint es uns auch mit dem Pesachseste zu haben. Seine Feier, die uns aus allen unseren LebenSgewohnheiten, aus unserer ganzen Lebensführung hinauShebt, läßt uns seine Bedeutung ahnen, weist uns darauf hin, daß ihm eine besondere Stellung unter den Festen des Jahres zukommt. Die weihevollen Symbole und heiligen Bräuche des Pesachfestes reden eine allzu deutliche Sprache, als daß man nicht von jeher eS als ein Fest der Erziehung hätte erkennen müssen. Als ein Fest der Erziehung für unsere Kinder, deren Gemüt von dem Sederabend mit seinen kultischen Handlungen ergriffen, deren Herz von den schlichten und so schönen Gebräuchen erfreut und mit heiliger Ehrfurcht erfüllt wird, wollen wir das Pesachfeft gelten lasten. Das Fest, das von Erlösung und Freiheit erzählt, weitet das Herz des Mannes; es gilt auch ihm als Erziehungsfest, wenn es kündet, daß Überhebung der Macht und Unterjochung der Unschuld nicht von Dauer ist. Allem die Idee der Freiheit, so groß und gewaltig sie ist, die Idee der Gerechtigkeit, so durchgreifend sie in ihrer Erhabenheit in der Geschichte sich zeigt, schöpfen das Pesachfeft nicht aus. Nicht darf unser Blick durch die großen Ideen behindert werden, weiter und tiefer in das Wesen des Pesachfestes einzudringen: das zu sehen, wozu es uns — wenn eS als Erziehungsfeft betrachtet und gewertet werden soll — hinzuleiten und hinzuführen hat, jenes Ganze zu erfassen, das den Einzelideen ihren Wert und ihre Bedeutung verleiht. Wir feiern am Pesach den Erlösungsgedanken. Die Freiheit, die den Menschen zu einer sittlich wertvollen Persönlichkeit macht, wird durch das Pesachfeft als religiöses Problem gekennzeichnet und gewertet. Du sollst deinen Kindern erzählen, daß Gott mit starker Hand unS aus Ägypten geführt hat. Die Idee der Gerechtigkeit vermochte die Geschlechter Israels mit Mut und Ausdauer zu erfüllen. In den Zeiten der heftigsten Verfolgungen, des unerträglichsten Druckes hat die Erinnerung, daß Gott die Väter aus Ägyptens Knechtschaft befreit hat, die Söhne vor Verzweiflung bewahrt, die Gebeugten erhoben, die Gedemütigten getröstet. „Die Zeit unserer Befreiung" nennt unser Gebet das Fest; die Erinnerung an weltliche Befreiung und Freiheit ist für diese Bezeichnung maßgebend, aber nicht sie allein. Das Pesachfeft hat Israel jene Freiheit gelehrt, die sich in der freien Betätigung von Geist und Gemüt manifestiert, jene Freiheit, die in der Erkenntnis des Heiligen und Erhabenen gewonnen, in der Erfassung des Göttlichen errungen wird. Das Pesachfeft ist das ErziehungSfeft der Religion. „Wenn du das Volk aus Ägypten geführt haben wirft, werdet ihr Gott dienen auf diesem Berge." Der Wert und die Bedeutung der Erlösung besteht nicht darin, daß Israel frei vom fremden Joche auf eigenem Boden sich frei entfalten kann — wenn auch dieses eine notwendige und beabsichtigte Bedingung seiner geistigen und sittlichen Entwicklung war —, sondern darin, daß die Befreiung sich zum tiefsten religiösen Erlebnis gestaltet: daß das Volk auf der Höhe der Freiheit Gott diene. Das Fest der Freiheit ist das Fest der Religion, das war das Pesachfeft, das soll und m u ß es sein. Nicht nach erlangter Freiheit beging Israel das Fest, nein, die durch das Fest gewonnene Erkenntnis Gottes, die im Feste erlangte religiöse Erhebung führte es zur Freiheit. In jener Stunde, als jeder in der Gemeinschaft Israels sein Haus in Gottes Schuh geborgen, seine Person durch Gottes Fürsorge erhalten wußte, hat der religiöse Gedanke sein Herz erfüllt; seit jenem Pesachabend, wo Gott über die Häuser der Israeliten hinweggeschritten ist, liegt für alle Zeit in dem Fest verankert der Zusammenhang von Mensch und Gott, ist für den Juden die Feier dieses Festes der Ausdruck des Einsseins mit seinem Gotte, der Ausdruck der höchsten religiösen Treue geblieben. So oft das Volk zu religiösem Leben aufs neue erstarkte, sich von Irrtum und Abfall loslöfte, beging es das Pesachfeft mit besonderer Feier; es fühlte, daß in ihm die -Quellen wahrer Frömmigkeit und Gottesfurcht in lebendiger Frische sprangen. Die Zeiten der Könige HiSkia und Iosia legen bedeutsames Zeugnis ab, wie das Pesachfeft das Erziehungsfest der Religion wurde. Israels Genius hat dieses Festes Wert für alle Zeiten sich zu erhalten verstanden. Für die Zeiten der äußeren Bedrohung und der inneren Erschlaffung haben die ewigen Gebote, die heiligen Einrichtungen, die lichtvollen Symbole des Festes dem Juden immer wieder den Weg gezeigt, der ihn zu feinem Gotte führte, haben sie ihm aufs neue die Kraft und die Fähigkeit verliehen, Gott zu schauen, Gott zu danken, der sein Haus beschützt und ihm in seinen Kindern Dauer und Bestand geschenkt hat. Ja, der Bestand Israels zeigt, was das Fest in der Vergangenheit dem Juden bedeutet hat. Wie empfanden sie die Erfüllung der schwierigen Vorschriften des Festes nicht als Last, sondern als Luft, wie wurde das Brot des Leides zur Freudenspeise, die Bitterkräuter zur süßen Frucht, wenn sie das Er- HAUS DER QUALITÄTSSTOFFE N. STARK & Cil k MÜNCHEN KARLSPLATZ 5 NÜRNBERG J LUITPOLDSTRASSE 11 J