Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 4 (15.4.1927)
- Article
- Die Tagung des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden zu Fürth am 13. und 14. März 1927
- Date
- 1927-04-15
- Page
- Seite 94 (sequence 2)
- Language
- German
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94 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 4 (Fürty) zu einem Vortrag über „Das Ideal religiöser Lehre und religiös-sittlichen Wandels im Geiste der jüdischen Religion", wobei er die Freude an der schöpferischen Tat und die tief wurzelnde Liebe zur Gemeinschaft als treibende Kräfte hervorhob. Der Eröffnungsakt endete mit dem Bericht des Präsidenten des Verbandes. In dem Bericht wurde zunächst die Finanzlage des Verbandes berührt, die als zuftiedenstellend bezeichnet wurde. Zu erwähnen ist, daß 51 Gemeinden Zuschüsse zu den Besoldungen ihrer Beamten in Höhe von meist 50 Prozent erhalten, ferner 6 Rabbinatsbezirke Zuschüsse zu den Besoldungen ihrer Rabbiner. Mit der nunmehr in Angriff genommenen Inventarisation jüdischer Kunstaltertümer in Bayern und der Gründung einer historischen Kommission unter Leitung von Rabbiner Dr. Freudenthal wendet sich der Verband nunmehr auch kulturellen Aufgaben zu. Die Bezirkswohlfahrtstagungen, von Dr. Elias Straus organisiert, haben im weitesten Umfange die Ergebnisse und Erfahrungen auf dem Gebiete moderner Wohlfahrtspflege bei den örtlichen Stellen verbreitet. Zur Schächtfrage bemerkte der Redner, daß nach den Normativentschließungen voml 24. Juni 1865 Einrichtungen zur Beschaffung ritualmäßigen Fleisches als unerläßliche Begriffsmerkmale für die jüdische Gemeinde galten. Nun sei vom Landtag beschlossen, der Regierung ein Gesetz für die Betäubung der Schächttiere vor dem Schächten vorzulegen. Dies bedeute einen Eingriff in die Gewissensfteiheit religiös gesinnter Menschen. Selbst wenn wir in diesem Kampf zeitlich unterliegen sollten, wird auf die Dauer doch der jüdische Optimismus und Idealismus siegen. Noch eine andere schmerzliche Tatsache sei festzuftellen, schmerzlich vor allem deshalb, weil ein Abwehrwille nicht ersichtlich sei. Die jüdische Bevölkerung in Bayern sei in den letzten Jahren um 10 Prozent, von 54 000 auf 49 000 Seelen gesunken. Hier appelliere er an das mütterliche Gefühl der Frauen. Die antisemitische Bewegung im Lande sei zurückgegangen dank der festen Haltung der Regierung. Dank gebühre besonders auch dem Rektor magnifieens der Universität München, Geheimrat Voßler, der bei seinen jungen Kommilitonen jüdischen Bekenntnisses den Glauben an die Gerechtigkeit wiederhergeftellt Habe. In diesem Zusammenhang warnte der Redner vor der Gefahr des Antisemitismus, die es notwendig machte, daß die Juden sich nicht von der deutschen Kultur zurückzögen. Zur Frage der Reichsorganisation der deutschen Juden wies der Redner darauf hin, daß der von bayerischer Seite vorgelegte Entwurf auf Anregung des Preußenverbandes vielfach abgeändert und vom großen Rat des Preußenverbandes gebilligt, von der Landesversammlung dagegen abgelehnt worden sei. Die Absicht des Entwurfes sei gewesen, rein sachliche Arbeit zu leisten und den Ausgleich der religiösen Richtungen herbeizuführen. Auf der Arbeit, die hier geleistet worden sei, müsse jede Organisation weiterbauen, die den Gedanken einer Bildung des Reichsverbandes wieder aufnehme. Den Kräften, die den Entwurf zu Fall gebracht hätten, rufe er zu: Wir haben unsere Pflicht getan, tun Sie die Ihre! Mit dem Wunsche, daß die Tagung der jüdischen Gemeinschaft zum Segen gereichen möge, schloß der Bericht und der Eröffnungöakt. Der Eintritt in die sachlichen Verhandlungen der Tagung erfolgte Sonntag, den 15. März, nachmittags 5.50 Uhr, im großen Weißengartensaal. Erster Punkt der Tagesordnung war der Bericht des Schatzmeisters des Verbandes, Herrn Ludwig Rosenzweig (Nürnberg), welcher von einem günstigen Stand der Finanzen berichten konnte, jedoch vor übertriebenem Optimismus warnte. Unter den Einnahmeposten sind zu erwähnen, Umlagen: M. 519 671.94, Staatszuschuß: M. 60 000. — . Der Staatszuschuß entspricht allerdings weder der Zahl noch der Steuerkraft der jüdischen Bevölkerung in Bayern, er müßte sonst ein mehrfaches betragen. Für Besoldungszuschüsse, Pensionen usw. wurden rund M. 160 000. — , für Bauzuschüffe M. 14 000. — , für soziale Zwecke M. 100 000. — , für Darlehen an Gemeinden etwa M. 60 000. — aufgewend-et. Für das Jahr 1927 sind M. 143 000.- Ausgaben für soziale und kulturelle Aufgaben vorgesehen. Iuftizrat Dr. Elias Straus (München) referierte über die soziale Arbeit des Verbandes. Der Verband unterhält nunmehr ein eigenes Siechenheim in Würzburg und unterstützt eine ganze Reihe von Wohlfahrtsanftalten mit größeren Betrieben. (Waisenanftalt Fürth, Kinderheilftätte Kiffingen, Landheim WolfratShausen, Kurhospiz Bad Kissingen, Kinderheim München, Fürsorgeverein für Geisteskranke Aschaffenburg-Lohr.) Für die Wanderarmenfürsorge ist ein Betrag von M. 12 500.— im neuen Etat vorgesehen, für Bildungs- und Unterrichtsanstalten M. 44 000. — , für jüdisch-kulturelle Zwecke M. 54 500. —. Die IahreSrechnung 1926 und der Etat 1927 wurden einstimmig genehmigt. In der Aussprache trat Dr. Landenberger (Nürnberg) für das SiedelungSwerk des Reichsbundes Jüdischer Fontsoldaten ein, für das im Etat M. 2000. — zunächst für Vorbereitungsarbeiten eingesetzt sind. Ein Vortrag von Rabbiner Dr. Freudenthal (Nürnberg) über die historische Kommission des Verbandes zeigte, daß dieser sich immer mehr auch für kulturelle Aufgaben einsetzt. Ein Vortrag des Kunsthistorikers Theo Harburg er (München) über Inventarisierung jüdischer Kunftdenkmäler in Bayern mußte wegen Zeitmangels verlegt werden. Am Montag, 14. März, wurden die Beratungen im großen Saal des Parkhotels fortgesetzt. Sie hatten hauptsächlich Änderungen der Verfassung, der Beamten- und Besoldungsordnung sowie der Schiedsgerichtsordnung zum Gegenstand. Die Behandlung der im Entwurf vorliegenden Mustersatzungen fürkleine, mittlere und größere Gemeinden wurde zurückgeftellt, da sich eine eingehende Durchberatung innerhalb der verfügbaren Zeit nicht ermöglichen ließ. Die Mustersatzungen sollen Gegenstand einer zweiten Tagung 1927 sein, die voraussichtlich im Juni in München stattfinden wird. Zu einer lebhaften Debatte führt die Bestimmung über die Kasualien der Rabbiner, die gemäß einem Anträge von Dr. Oettinger (Regensburg) nunmehr lautet: „Dem Rabbiner verbleiben die Kasualien als Entschädigung für den Dienstaufwand, falls nicht der Dienftaufwand von der Gemeinde getragen wird oder eine Vereinbarung über die Ablösung der Kasualien getroffen ist. Die Festsetzung der Kasualien erfolgt von der Gemeinde im Einvernehmen mit dem Rabbiner." Annahme fand ein Antrag der jüdischen Volkspartei, wonach ein Beamter, der eine Mischehe eingeht oder seine Kinder vor Erreichung des gesetzlich vorgeschriebenen Selbftbeftimmungsalters aus der jüdischen Religionsgemeinschaft austreten läßt, seiner Stellung und seiner sämtlichen Ansprüche, insbesondere auf Gehalt, Alters- und Hinterbliebenenfürsorge, verlustig geht.