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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1927-03-08 · 3 (8.3.1927) · p. Seite 71

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
3 (1927)
Issue
3 (8.3.1927)
Article
Zur Geschichte der israelitischen Waisenanstalt in Fürth
Date
1927-03-08
Page
Seite 71 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 3 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 71 nehmbare Geist heiterer Gemütsart und frohe,r Zufriedenheit mit besonderer Genugtuung hervorzuheben. Als langjähriger Schulhausnachbar und als Leiter zahlreicher weiblicher Zöglinge seit geraumer Zeit, stehe ich zu der Anstalt in einem innigen, wenn auch stillen Freundschaftsverhältnisse. Nach dieser meiner eigenen vierjährigen Erfahrung darf angenommen werden, daß in den zuständigen Schulhäusern kaum jemals ein israelitisches Waisenkind angetroffen wird, das dem Klaßlehrer in disziplinärer Hinsicht auch nur diq geringste Schwierigkeit bereitet hätte. Im Gegenteil! Die Kinder geben fast ohne Ausnahme in bezug auf Strebsamkeit und Wohlanständigkeit der ganzen Klasse ein leuchtendes Vorbild. Dabei möge noch erwähnt sein, daß die Anstalt jedes Kind, auch wenn es seinem Alter nach schon früher zur Entlassung kommen könnte, mit aller Mühe bis an das ftir es erreichbare Lehrziel bringt." Inzwischen wurde dieses Lehrziel auch für den Durchschnitt der Mädchen weiter gesteckt und um das Band vertrauensvoller Zusammengehörigkeit zwischen Anstalt und Zöglingen fester zu knüpfen, einzelnen gestattet, nach Absolvierung der von ihnen besuchten Schulgattung noch über die berufsmäßige Lehrlingszeit hinaus in der Anstalt zu verbleiben. Es zu einer generellen Einrichtung zu gestalten, reichten jedoch auch die derzeitigen Räume nicht aus und so wurde denn der Plan gefaßt, eine endgültige Verbesserung der Anstaltsverhältnisse durch Errichtung eines großen, allen Anforderungen beir Neuzeit entsprechenden Neubaus herbeizuführen. Im Jahre 1904 wurde zu diesem Behufe ein völlig freies, mit der Aussicht auf das freundliche Wiesental der Rednitz gelegenes, von dem waldigen Höhenzuge der Alten Veste begrenztes, über 2 Morgen großes Grundstück von der Stadtgemeinde erworben und Pläne von den städtischen Bauräten Zizler und Holzer, hier, sowie Herrn Architekten Mayer in Nürnberg hierfür ausgearbeitet und bereitgestellt. Die Grundsteinlegung sollte am 7. Januar 1915, dem 70. Geburtstage des Königs, vor sich gehen. Leider hat sich das Jahr, welches ein solch bedeutsames für die Anstalt hätte werden sollen, zu einem überaus unglücklichen gewandelt, denn inzwischen war der Weltkrieg ausgebrochen, welcher die Durchführung des Planes vereitelte, indem er die Aufmerksamkeit und Anspannung aller Kräfte nach anderer Richtung erforderlich machte. So wurde denn die Ausführung auf das bald zu erhoffende Kriegsende verschoben. Wer konnte damals ahnen, welch' endlose Zeit bis dahin vergehen und welch' trübe Lage sie zurücklassen werde! Mit dem Zusammenbruch der öffentlichen Finanzen ging das durch über 160 Jahre angesammelte Stiftungsvermögen nahezu ganz verloren. Damit geriet das festgefügte Fundament der Anstalt ins Wanken. An Stelle der Pläne auf ein erweitertes und vervollkommneteres Wirkungsgebiet, trat die Sorge um Behauptung des bestehenden. Diese wäre auch ohne opferbereite Hingebung von nah und fern und ohne verständnisvolle Förderung seitens des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden nicht möglich gewesen. Mit Hilfe dieser Faktoren darf trotz der Zeiten Not gehofft werden, das hervorragende Wohlfahrtsinstitut, welches der vorbildliche Sinn der Ahnen geschaffen hat, und an dessen Ausbau Generationen mitgearbeitet haben, nicht nur in der Fülle seiner segensreichen Wirksamkeit fortzuerhalten, sondern wieder zur Höhe und seinen letzten Zielen entgegenzuführen. Odeon- Columbia die elektrisch aufgenommenen neuesten Tanzplatten ohne Nebengeräusch. Verzeichnisse kostenlos Odeon-Musikhaus JACOB München, Neuhauser Strafe 12 (neben Pschorr) ftus dem Verbände Arbeitsgemeinschaft der süddeutschen Landesverbände Am 6. Februar 1927 sind die Vertreter der Israelitischen Religionsgemeinschaften und Landesverbände von Bayern, Württemberg, Baden und Hessen in Stuttgart zusammengetreten und haben, vorbehaltlich der Zustimmung der Organe ihrer Körperschaften, die Bildung einer Arbeitsgemeinschaft vereinbart. Die vereinigten Landesorganisationen werden die auf Schaffung eines Reichsverbandes gerichteten Bestrebungen im gegenseitigen Benehmen weiter verfolgen. Die Arbeitsgemeinschaft bezweckt im übrigen für das Gebiet der beteiligten Länder die Förderung gemeinsamer Aufgaben und Interessen aus religiösem, sozialem und kulturellem Gebiet und die Regelung von Grenzfragcn. Als geschäflsführender Verband wurde für die ersten drei Jahre die Israelitische Religionsgemeinschaft in Württemberg bestimmt. Moses Keus, s. 51., Kofheim Nach einem kurzen, schmerzhaften Krankenlager, hauchte der israelitische Kultusvorstand Moses Reus aus Hofheim, am Sonntag, dem 26. Dezember 1926, in einem Alter von nahezu 70 Jahren eine edle Seele aus. Die Trauerkunde von seinem Heimgange erüllte nicht nur die israelitische Kultusgemeinde, sondern die Geamtbevölkerung ohne Unterschied der Konfession mit tiefster Betürzung. Von seiner allseitigen, großen Beliebtheit und seinem hohen Ansehen, dessen er sich im großen Umkreise erfreute, legte dessen Leichenbegängnis, bzw. dessen Überführung nach dem Distriktsfriedhofe Kleinsteinach beredtes Zeugnis ab. Sein Heimgang bedeutet nicht nur einen schweren Verlust für dessen Familie und einen großen Kreis von Freunden und Verwandten, sowie für die Kultusgemeinde selbst, sondern auch für das Gesamtjudentum Bayerns als Tagungsmitglied des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden. Auch sein Heimatstädtchen und der ganze Bezirk verlieren in ihm einen treuen Mitberater und Mitarbeiter in allen das Gemeindewohl betreffenden Angelegenheiten. Mit selten geistigen Fähigkeiten begabt, trugen ihn seine beispiellose Willenskraft und sein unermüdlicher Fleiß zu den Höhen eines angesehenen, tüchtigen Kaufmannes empor. Sein gerades offenes Wesen und sein biederer Sinn übten auf all diejenigen, die einmal mit ihm in persönliche Berührung kamen, einen besonderen Zauber aus. Seit 10 Jahren an der Spitze der Kultusgemeinde stehend, hat er es mustergültig verstanden, dieses Ehren-Amt in der gewissenhaftesten und uneigennützigsten Weise, ohne irgendwelchen Ehrgeiz und ohne Überhebung, nur lediglich der guten Sache halber, zu verwalten. Und das war ihm wahrlich nicht leicht gemacht, da seine Führerschaft gerade in die schlimmsten wirtschaftlichen Zeitverhältnisse fiel. Von einer aufrichtigen und tiefen Frömmigkeit, von einem unbegrenzten Opfersinn und einer rührenden Anhänglichkeit zum angestammten Judentum mit seinen altehrwürdigen Institutionen durchdrungen, verfolgte er von allem Anfänge an die Idee, die der vollständigen Auflösung entgegengehende, einst ansehnliche Kultusgemeinde Lendershausen wieder neu aus Hosheimer Boden erstehen zu lassen, mit dem Endziele, daselbst ein Gemeinde- und Gotteshaus zu errichten, was ihm auch durch die Einrichtung eines Bet- und Unterrichtslokales sowie eines zeitgemäßen Ritualbades in einem 1920 erworbenen Anwesen nach fast unüberwindlichen Hindernissen gelang. Selbst mit gutem Beispiel vorangehend, sorgte er auch stets durch wiederholte Aufforderungen und Ermahnungen für rege Beteiligung am Gottesdienste, und dies noch am Abend vor seiner schweren Erkrankung. Keine Zeit war ihm zu kostbar, wo es galt, die hiesige Kultusgemeinde nach innen und außen zu vertreten und auch sein schweres Leiden konnte ihn nicht abhalten, bis zu seinem letzten Atemzuge das Interesse der Gemeinden und des Distrikts im Auge zu behalten. Durch fein versöhnliches Wesen verstand er es aber auch, wie selten einer, alle Gegensätze auszugleichen, so daß alles mit Achtung und Ehrerbietung zu ihm emporschaute. Das Leichenbegänanis des Verlebten gestaltete sich denn auch zu esner in Hofheims Mauern noch nie gesehenen Trauerkundgebung. An der Bahre entwarf Herr Distriktsrabbiner Dr. Stein (Schweinfurt) in tiefempfundenen Worten, aus denen insbesondere noch das warme freundschaftliche Verhältnis zu dem Verlebten herausklang,

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