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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1927-03-08 · 3 (8.3.1927) · p. Seite 70

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
3 (1927)
Issue
3 (8.3.1927)
Article
Zur Geschichte der israelitischen Waisenanstalt in Fürth
Date
1927-03-08
Page
Seite 70 (sequence 2)
Language
German
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70 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 3 renden Vorstandes stattzufinden haben, „bis Gottes Güte uns zur Erlangung eines eigenen Heims verholfen haben wird", wo dann alle Zusammenkünfte nach diesem Haufe zu verlegen find. Noch im gleichen Jahre hat die Verwaltung beschlossen, das Haus des Nathan bar Baruch zu einem Preise von 2450 Gulden käuflich zu erwerben, welchem Beschlüsse eine Mitgliederversammlung vom 4. Thischri 5524 (1764) zugestimmt hat. Eine hierfür eingesetzte Kommission sollte bis zum Frühjahr über die Durchführung der benötigten baulichen Veränderungen in dem neuerworbenen Hause berichten. Es ergab sich, daß be,i der Beschränktheit der Räumlichkeiten dieselben nur für die Abhaltung der täglichen Andachten und Erteilung des Unterrichts an die Waisenknaben zureichend waren; die Verpflegung mußte demnach weiter dM Müttern der Kinder überlassen bleiben, die aus der Waiser käste für diesen Zweck die nötige Unterstützung erhielten. Wenn man bedenkt, daß für diesen Unterricht „im Sommer der ganze Tag, im Winter auch die Nacht und die Zeit des Tagesbeginn" bestimmt war, so standen die Kinder trotzdem mehr unter ständiger Überwachung und Aufsicht, als dies bei der jetzigen freiheitlich gehandhabten Jnternatserziehung der Fall ist. Der Stundenplan war übrigens — das sei hier nebenbei an gemerkt — der damals in jüdischen Lehranstalten herkömmliche. Dem für eine erfolgreiche Entfaltung des Geistigen und Leiblichen notwendigen Gleichgewichte suchte man damals weniger im Spiel und Sport, im frohen frischen Tummeln in Gottes freier Natur, sondern in einer Bereitung und Förderung eines Seelenzustandes gerecht zu werden, welcher die Pflichterfüllung und die heiter fromme Beschäftigung im Lernen und in der Andachtsübung den Kleinen wie den Großen reichlich gewährt hat. Trotzdem erwuchsen aus diesem doppelseitigen Pflegenverhältnis mancherlei Unzuträglichkeiten: Es beschwert sich beispielsweise Sara, die Witwe des Jakob Rinschberg, daß sie ihren Sohn Aberl nicht zu behalten vermöge, weil er ihr in keiner Weise gehorsam sei, und so entschloß man sich im Jahre 1838, die Kinder ganz in ein eigenes Heim überzuführen, das in der Geleitsgasse erworben worden ist. Dort unterstanden sie ganz der Aufsicht und Pflege eines eigens hierfür berufenen staatlich geprüften Lehrers und Erziehers. Damit fügte sich auch eine neue Funktion in den bisherigen Organismus des Waisenhauses. Zu den Obliegenheiten des Unterweisens und Erziehens .rat auch die der Verpflegung. Es galt für Kleider und Wäsche zu sorgen und sie in Stand zu halten, Schwächliche zu kräftigen. Kranke zu pflegen, Gesunde satt zu machen und rein und ordnungsliebend zu erhalten. Die Knaben — es handelte sich ja nur um solche — blieben in der Regel bis zu ihrer Varmizwah. Doch wurde mit Weitherzigkeit Begabten, die sich zur Fortbildung auf eine Jeschiwah begeben wollten, Reisestipendien und sonstige Vergünstigungen zugestanden. Die Feier der Varmizwah, d. h. des Sabbats, welcher der Erreichung des 13. Geburtstages eines Kindes am nächsten lag, eines Lebensabschnittes, der selbst in unserer, den religiösen Übungen abgewendeten Zeit noch allgemein den Rahmen abgibt, zu einer mehr oder minder angemessenen synagogalen und Familienfeier, mußte satzungsgemaß den Waisenkindern würdig und gemütserfreuend erstellt werden. 8 Gulden waren für das Mahl ausgesetzt, bei welchem der Knabe Proben seiner geistigen Entwicklung abzulegen hatte. Große Erregung löste innerhalb der Deputierten ein im Thamus des Jahres 1734 eingebrachter Antrag des Moses Schwabach aus, bei dem völlig unbegabten und in jeder Richtung zurückgebliebenen Abraham Böhm von ein.r Barmizwahfeigr absehen zu wollen; »er begründet dies mit der biblischen Redewendung: 712^ N'N2 da ihm doch nichts beizubringen ist; auch will er des tadelhaften Verhaltens des Knaben wegen, daß ihm zu diesem Tage an Kleidern nur eine „neue breste Haub" zugebilligt werde, wogegen andere wegen des nachhaltigen bleibenden Eindrucks, den dieser Tag in den Herzen und Gemütern der Kinder zurückläßt, ihre Bedenken haben. — In den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts erwiesen sich die Räumlichkeiten des Gebäudes in der Geleitsgasse für die inzwischen gewachsene Zahl der Zöglinge in keiner Weise mehr als zureichend. Auch in gesundheitlicher Beziehung blieb mancherlei zu wünschen übrig. Man entschloß sich also zur Errichtung eines den damaligen Anforderungen entsprechenden geräumigeren Gebäudes in der Julienstraße, welches im Jahre 1868 bezogen werden konnte. Eine Stiftung, die der Anstalt im Jahre 1884 in dem ansehnlichen Betrage von 100 000 Mark seitens der Eheleute Lazarus und Berta Schwarz in Nürnberg zugefallen war, ermöglichte es, den Stiftungszweck auch auf Waisenkinder weiblichen Geschlechts auszudehnen und durch einen Anbau die hierzu erforderlichen Räumlichkeiten zu gewinnen. In diesen Räumen, welche die Anstalt noch jetzt inne hat, haben sich den Fortschritten und dem Entwicklungsgänge der Zeit entsprechend mancherlei Wandlungen in den Einrichtungen und in der Gestaltung des Hauses vollzogen. Fest und unverückt wurde nur bei dem Grundsatz, daß den Kindern neben der körperlichen Kräftigung und geistigen Ausbildung auch eine weitreichende, deren Gemüt und Intellekt erfassende religiöse Unterweisung zu bieten sei, verharrt. In allem übrigen wurden der Erziehungsweise alle diejenigen Maßnahmen angegliedert, welche die Erfahrungen der Pädagogik, der Jugendfürsorge und die Verhältnisse des Wirtschaftslebens als geeignet und empfehlenswert erscheinen ließen. Der Unterricht im Hause, welcher doch nur in den Grenzen einer einklassigen Schulgattung durchgeführt zu werden vermochte, wurde allmählich ganz aufgelassen und die Kinder den geeigneten öffentlichen Schulen überwiesen. Schließt sich ja der Anstaltspflege die Fürsorge für die spätere Berufswahl an, die ohne Beachtung der Neigungen und Begabung der einzelnen Kinder und deren dementsprechende Ausbildung erfolgreich, oder auch nur einigermaßen befriedigend, nicht gelöst zu werden vermögen. Die Bewährung der Kinder in den öffentlichen Lehranstalten war eine überaus gute. In einem Vortrage des Oberlehrers Karl Hiller, den derselbe auf der im März 1914 stattgefundenen Generalversammlung des Allgemeinen Jugendfürsorgeverbandes über das Thema: „Die Unterbringung Jugendlicher in Anstalten" gehalten hat, sprach sich derselbe hierüber folgendermaßen aus: „An dieser Stelle (der Redner hatte in ausführlicher eingehender Behandlung die verschiedenen Arten der Unterbringungsmöglichkeit Jugendlicher gewürdigt) drängt sich mit unwillkürlich das Bedürfnis auf, im Vorbeigehen mit einem herzlichen Worte auch der Israelitischen Waisenanstalt in Fürth Erwähnung zu tun. Sie erhält ihre Zöglinge meist aus ländlichen Gemeinden der Frankenlandy, Schwabens und der Rheinpfalz, also aus den verschiedenartigsten Herkunftsverhältnissen. Während die Knaben die allgemeinen öffentlichen Schulen, zumeist die israelitische Realschule besuchen, werden biq Mädchen zum überwiegenden Teil der städtischen Volksschule zugewiesen. Hier ist nun der unter den Kindern allenthalben wahr- P0RZELLM-NIEDEBL40E MÜNCHEN THEA TINERSTRASSE 23 GRÖSSTE AUSWAHL IN GEBRAUCHS- UND LUXUS-PORZELLAN DIE FÜHRENDE WELTMARKE

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