Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 3 (8.3.1927)
- Article
- Die Schrift
- Date
- 1927-03-08
- Page
- Seite 67 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2727810-2727836-2727840-2730973--01798-2731059- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 3 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 67 eS aus jenem Land hinauf zu führen in ein Land, gut und weit, in ein Land, Milch und Honig träufend, in den Sitz des Kanaaniters und des ChetiterS, des Amoriters und des Prisiters, des Chiwiters und des Iebußiters. Nun, so ist der Schrei der Söhne Iißraels zu mir gekommen und gesehn auch Hab ich die Qual, mit der die Ägypter sie quälen: nun geh, ich schicke dich zu Pharao, ausführ mein Volk, die Söhne Iißraels, von Ägypten! Mosche sprach zu Gott: Wer bin ich, daß ich zu Pharao gehe, daß ich die Söhne Iißraels aus Ägypten führe! Da sprach er: Wohl, doch ich werde dasein bei dir, und das sei dein Zeichen, daß ich dich schicke. Hast du aber das Volk aus Ägypten geführt, an diesem Berg werdet ihr Gotte dienen. * Da sprach Mosche zu Gott: Seis denn: ich komme zu den Söhnen Iißraels, ich sage ihnen: Der Gott eurer Väter schickt mich zu euch, sie werden mir sagen: Was ifts um seinen Namen? was soll ich ihnen sagen? Gott aber sprach zu Mosche: Ich werde dasein, als der ich dasein werde. Und sprach: So sollst du zu den Söhnen Iißraels sprechen: ICH BIN DA schickt mich zu euch. Und weiter sprach Gott zu Mosche: So sollst du zu den Söhnen Iißraels sprechen: ER, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Iizchaks, der Gott Iaakobs, schickt mich zu euch. Das ist mein Name für ewig, das mein Ruf für Geschlecht und Geschlecht. Geh, lade die Alten Iißraels und sprich zu ihnen: ER, der Gott eurer Väter, hat sich mir zu schauen gegeben, der Gott Abrahams, Iizchaks und Iaakobs, sprechend: Bedacht, bedacht Hab ich euch und das in Ägypten euch Angetane, und so spreche ich: Hinaufbringen will ich euch aus dem Elend Ägyptens in das Land des Kanaaniters und des ChetiterS, des Amoriters und des Prisiters, des Chiwiters und Iebußiters, in ein Land, Milch und Honig träufend. Der Mensch und die Bibel Der Vortrag, den Martin B u b e r am 12., 13. und 14. Februar im Herkulessaal der Residenz hielt und der wohl den Höhepunkt der diesjährigen gemeindlichen Lehrkursq bildete, hatte eine große Zuhörerschaft zu verzeichnen. Buber, der bekanntlich zusammen mit Rosenzweig das außerordentliche Unternehmen einer Übersetzung der gesamten „Schrift" in Angriff genommen hat, ging davon aus, daß in den Zeiten besonderer Labilität das Gefühl der Unübersetztheit der Bibel erfahren werde, man stehe diesem Buch neu gegenüber, so, als ob es erst entdeckt werden müßte. In einem besonderen Sinne sei es in unserer Zeit notwendig, die, Menschen mit diesem Buch zu konfrontieren: Die Konfrontation ist hier eme ernsthafte Sache. Denn die Bibel ist kein freundwilliges Buch. Sie ist ein gewaltiges Buch. Der Dualismus von Idee und Wirklichkeit, von Geist und West, von Freiheit und Schicksal ist die Signatur des heutigen Menschen. Es ist nicht so, daß er an zwei getrennte Prinzipien glaubt, er lebt diesen Dualismus. Bis zum Kriege gab es eine idealistische Richtung, die die Welt als eine Funktion des Geistes ansah. Dieser Idealismus stieß in wachsendem Maße auf die Tatsächlichkeit der Welt, die nicht Funktion sein, die sich nicht kommandieren lassen wollte. Die neue Generation hat den Geist einbezogen in die Tatsächlichkeit. Der Geist ist nunmehr von der Welt aus bedingt. Hier ist es charakteristisch, daß die junge Generation schwer irgendeine Äußerung anders als politisch sehen kann. Wir sehen hier die Konzeption einer absoluten Bedingtheit des Geistes. Es gibt keine Verbindlichkeit des Geistes, das heißt, das Wort ist entwertet, ohne Verbindlichkeit. Wenn man fragt, worin der Geist seine Realität hat, so gibt es nur die eine Antwort: in der Bewährung! Der Geist abseits von der Bewährung, der Geist der Ge>istigkeit, ist ein Ungeist. Rur der Geist, der sich in diesem widerspruchsvollen Leben bewähren will, hat Wirklichkeit. Das Leben des Geistes ist die Heiligung des Alltags, die Durchdringung des immer unzulänglichen Lebens, das aber so gelebt werden kann, daß es auf die Wirklichkeit des Geistes zu gelebt wird. Es genügt die Tatsächlichkeit und den Geist einander gegenüberzustellen, um zu merken, wie sehr die Geschichte der letzten hundert Jahre fortschreitende Zersetzung ist, gewiß nicht in allen einzelnen Sphären, aber wohl im Zusammenhang der Sphären. In diesem Zusammenhang hat man an die Religion appelliert. Dieser Appell kann aber nichts nützen, solange die Religion selbst nur einen Bezirk des Geistes darstellt und selbst in diese Entzweiung gefallen ist. In dieser Verlassenheit nun und Entzweiung werden wir konfrontiert mit diesem alten Buch. Auch dieses Buch kann nicht leisten, was die Religion nicht leisten kann. Wohl aber kann es dies leisten an dem Menschen, der ihm entgegentritt. Denn unter allen Urkunden ist dieses Buch d i e> Urkunde der Einheit von Geist und Welt, der Konkretion des Geistes, des geheiligten Alltags. Religion, die Wirklichkeit ist, bedeutet Totalität. Und Totalität bedeutet dieses Buch. Es gibt keine Scheidung zwischen Heiligem und Profanem. Profan ist nicht etwas der Heiligung Unfähiges, sondern noch nicht Geheiligtes. Der Chassidismus spricht es aus: Alles, auch das Unheilige muß geheiligt werden! Der heutige Mensch wird nicht in der Lage sein, die Glaubenssicherheit früherer Geschlechter wiederzugewinnen. Dagegen etwas anderes wird er mitbringen können: Die Glaubensaufgeschlossenheit. Jeder, der .Stunden der Selbstbesinnung hat, weiß, daß es etwas Verschüttetes gibt, das von Kindheit an verschüttet worden ist. — Die Schöpfungsgeschichte erscheint dem heuttgen Menschen wunderlich, er ist gerne geneigt, die Schöpfungsgeschichte symbolisch zu deuten. Doch wird man ihr damit nicht gerecht. Die Schöpfungsgeschichte steht vollkommen im Bereiche des Faktischen. Es erscheint hier wichtig, daß verschiedene biblische Erzählungen, die noch vor kurzer Zeit als Mythen behandelt wurden, durch Forschungen auf wirklichkeitsgetreue Erinnerungen früherer Menschen zurückgeführt worden sind. Wie allerdings sollte man sich an die Schöpfung zurückerinnern können? Jedoch der Mensch weiß elementar um das Faktum des Geschaffenseins. Er weiß, daß in ihm Qualitäten sind, die nicht irgendwie einer Stammesgeschichte ableitet werden können, daß in ihm etwas ist, was die Kabbala als Einzigkeit bezeichnet. Von hier aus führt die Brücke zum erinnernden Wissen um die Schöpfung. Die Bibel hat zwei Schöpfungsberichte. Sie verhalten sich zueinander wie Natur zur Geschichte, wie Raum zur Zeit. Im ersten Kapitel ist der Mensch