Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 2 (9.2.1927)
- Article
- James Bieberkraut, der Maler und Radierer
- Date
- 1927-02-09
- Page
- Seite 33 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 2 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 33 James Bieberkraut YUnchen „Bildnis des Vaters" zunehmen. Dem Laien fällt eS nicht leicht, Geschicklichkeit und Kunst zu unterscheiden. Bei der Überfülle der heutigen Produktion ist es schwierig, über den Effekt hinweg zum echten Gefühlserlebnis zu gelangen. Aber es ist eine Forderung der Gerechtigkeit, die Aufmerksamkeit auf die jüdischen Künstler zu lenken, die in unserer Mitte — ganz abgesehen von ihrem Existenzkampf — um gebührende Anerkennung ringen. Wie viele wissen überhaupt, daß mehr jüdische Künstler in unserer Stadt wirken, als die beiden Hände Finger haben? James B i e b e r k r a u t ist einer von denen; er hat sich schon lange vor dem Kriege in der Münchener Kunst ehrenvoll behauptet. 1879 in Leipig geboren, studierte Bieberkraut in Leipzig, Berlin und München. Der feinsinnige Grieche Nikolaus Gysis vermochte dem Lernenden die stärksten Anregungen für seine spätere Entwicklung mitzugeben. Damals lag die technische Erziehung der Künstler noch mehr im Argen, als es heute ist. Nur solche Künstler, die schon in ihren Lehrjahren genug Charakterstärke hatten, vermochten aus Eigenem das Handwerkliche in der Kunst des Malens und Radierens sich zu erobern. Bieberkraut ging darin so weit, daß er im Kampfe um die Technik des Radierens sogar auf selbstkonftruierter Presse die Blätter vervielfältigt. Der Außenstehende macht sich nur dann einen Begriff von all den Widerwärtigkeiten der Materie und den unerwarteten Enttäuschungen, wenn er selbst schon mit seinen eigenen Händen den rohen Stoff bearbeitet hat. Die beigefügten Reproduktionen sollen einen knappen Ausschnitt von Bieberkrauts Schaffen zeigen. Das erste Bild gibt ein Temperagemälde wieder, dessen Darstellung im Schwarz- Weiß-Druck die Leuchtkraft der Farbengebung noch weniger andeuten kann als es in den zwei folgenden OlporträtS möglich ist. Und doch erkennen wir an der Landschaft „Der Morgen" das Spiel der hellen Flächen im Vorder- und Hintergrund gegen den dunklen Mittelgrund, das dem Bild den seelischen Gehalt gibt. Gegenüber dem Kampfe zwischen sich auflösender Dämmerung und dem von links hereinbrechenden Sonnenlicht gibt die überaus zarte Behandlung der im Reife frierenden Birken das eigenartige Gepräge von Bieberkrauts Schaffen. Im Original vereinigen sich die zarten Tönungen, die eine felbftgeschaffene Temperatechnik zu besonderer Wirkung bringt, zu ganz bestimmten musikalischen Akkorden, die für den Künstler bei der Wahl seiner landschaftlichen Vorbilder ausschlaggebend und auch charakteristisch sind. Die Durchgeistigung des Motivs zeigt auch eine unauffällige Stilisierung: die Birken vorne links und rechts geben nicht nur den Rahmen, sondern sie geben der ebenen Schneeftäche vor uns Raumtiefe, und rücken Wald und Berge in große, klare Ferne. Der Blick des Beschauers wird so bei längerer Betrachtung vom nahen Gegenstand ins Ferne, Traumhafte unwillkürlich gezogen. Der Winter und das schneebedeckte Bergland haben eS dem Künstler überhaupt angetan und ihm viele Bilder und Studien abgelockt. So sehr ihn aber die Landschaft gepackt hat, das Studium des Porträts versäumt er nicht. Dies bewiesen die Bilder seines Vaters und eines Mädchens. Leichter wie in der Landschaft vermag der Beschauer die Wirkung dieser beiden Köpfe zu erkennen, wenn er sich nur Zeit nimmt, sie genügend James Bieberkraut München „Mädchenbildms"